kurz angerissen*
Das "verräterische Herz" pocht diesmal nicht unter Holzdielen, sondern aus einem verschütteten Brunnen heraus, doch das anklagende Geräusch bleibt dasselbe. Risse in der Wand, wuselnde Ratten, die an die Oberfläche dringen, derartige Metaphern für das nagende Gewissen ziehen sich wie ein roter Faden durch die klassische Schauerliteratur. Stephen King hat diesem Allgemeinplatz mit seiner Novelle "1922" wohl einfach seinen eigenen Stempel aufzudrücken versucht, um sich in die Garde amerikanischer Schriftsteller einzureihen, die gerne auf Tuchfühlung mit ihren Wurzeln gehen.
Diese Grundlagen machen aus Zak Hilditchs Verfilmung automatisch eine hochgradig altmodische Angelegenheit, deren Ablauf nicht allzu schwer vorherzusagen ist. Das gilt erst recht bei dem sehr beschränkten Handlungsrahmen, der sich lediglich um 70 Hektar Land und altmodische Wertvorstellungen dreht. Was soll man da auch groß experimentieren?
Doch natürlich gehört gerade die Vorahnung zu den Haupteigenschaften des Suspense. Insofern könnte man auch sagen, dass die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs zu seinen Stärken gehört. Gerade weil man weiß, was passieren wird, gewinnt das Unvermeidliche eine gewisse Intensität. Hinzu kommt die äußerst hochwertige Produktion: Der Kamera gelingen edle Einstellungen außerhalb und beklemmende Perspektiven innerhalb des Hauses, Thomas Jane legt sich enorm ins Zeug und Mike Patton entwirft einen grollenden Soundtrack, der das Drama bereits in den Abgrund des Horrors zieht, bevor die Schuldgefühle Unheimliches auf der Leinwand manifestieren. Vor allem Anfang und Mittelteil sind dadurch von dunklem Fatalismus durchzogen, der sich in der Einsamkeit spielend durchsetzt. Klug auch, dass dabei das begrenzte Budget im Auge behalten wird. Abgesehen von einer weniger gelungenen Einstellung, in der für Sekundenbruchteile schlecht ausgearbeitete CGI zum Einsatz kommen, beschränkt man sich auf dunkle Schatten im Flur, verfilzte Nagetiere auf dem Fußboden und ein wenig Make-Up für Heimkehrende aus dem Reich der Toten. Ein später noch hastig eingearbeiteter Subplot der Marke "Bonnie & Clyde" erscheint seltsam abseitig, was aber wiederum zur Perspektive des Familienvaters passt, aus dessen Sichtfenster heraus der Wahnsinn schließlich langsam in die Leinwand tröpfelt.
Dessen ungeachtet bleibt nicht allzu viel zurück, denn letztlich ist "1922" nichts anderes als der x-te Rückgriff auf die Werkzeuge des Edgar Allen Poe. Für die Dauer seiner Laufzeit verbreitet die King-Adaption eine beklemmende Stimmung, von der aber Minuten nach dem Abspann bereits nichts mehr zu spüren ist. Für eine Nachwirkung darüber hinaus hätte das Schicksal der Farmerfamilie vielleicht weniger nach historischem Holzschnitt und mehr nach menschlicher Tragödie aussehen müssen - obwohl gerade Thomas Jane alles in die Waagschale legt, um den Film in die letztere Richtung kippen zu lassen.