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Im Düsterfilm ist ein Babysitter, eine Nanny entweder Täter oder Opfer, etwas dazwischen gibt es eher selten. Der Mystery-Thriller von Autor und Regisseur Aaron Burns erinnert thematisch ansatzweise an „Rosemaries Baby“ und generiert seine Spannung durch diverse Ungewissheiten.

Die schwangere Diana (Daniela Ramírez) ist mit ihrem Sohn Martin (Matías Bassi) maßlos überfordert, denn er leidet unter einer schweren Form von Autismus. Als er im Supermarkt einen Wutanfall erleidet, vermag die philippinische Reinigungskraft Luz (Aida Jabolin) ihn mit wenigen Worten ihrer Heimatsprache zu beruhigen. Kurzerhand wird Luz als Nanny eingestellt und tatsächlich bessert sich Martins Zustand zusehends. Doch nach einiger Zeit vermutet Diana, dass Luz einen Keil zwischen die Familienbande zu schlagen versucht…

Eine knappe Viertelstunde verbringt die Erzählung mit der Schilderung des schwierigen Alltags, denn Martin, der sich kaum artikulieren kann, Windeln tragen muss und gar zu Selbstverletzungen neigt, beansprucht Diana beinahe rund um die Uhr.
Insofern erscheint es viel zu schön um wahr zu sein, dass es einer komplett Fremden auf Anhieb gelingt, einen Zugang zu dem Jungen zu finden. Glaubhaft ist es definitiv nicht.

Anderweitig kommt mit dem Einzug von Luz Spannung auf, denn ungläubige Freude wechselt sich mit Misstrauen und Zweifeln ab. Da Luz zu Martin nur philippinisch spricht, beschafft sich Diana heimlich eine Übersetzungs-App. Doch kann man dieser trauen und was bewirken womöglich die Hormone in der fortschreitenden Schwangerschaft?
Burns entwickelt ein gutes Gespür für die visuelle Umsetzung, die immer dann auf hellere Farben und mehr Kontrast setzt, sobald Fortschritte bei Martin sichtbar werden. Das steht wiederum im Gegensatz zu Dianas Vermutung, Luz würde intrigieren und ein falsches Spiel spielen.

Aufgrund der größtenteils starken darstellerischen Leistungen funktioniert die Chose recht gut.
Ramírez performt überaus nuanciert und unterstreicht zu jeder Zeit die Glaubwürdigkeit ihrer Figur, obgleich diese mitunter irrational handelt. Aber auch Bassi liefert eine starke Leistung ab, denn speziell zu Beginn nimmt man ihm den Schwerstbehinderten in jeder Form der Gesten und Bewegungen ab. Etwas undankbar ist indes die Rolle für Jabolin ausgefallen, denn um ihre Figur möglichst undurchschaubar zu halten, performt sie vorsichtshalber gar nicht.

Leider verheddert sich der Stoff im letzten Drittel mit Logiklöchern und Unwahrscheinlichkeiten, zudem wird das Finale völlig überhastet ausgetragen. Dieses fällt zwar in gewisser Hinsicht erinnerungswürdig aus, doch es dürfte den einen oder anderen Betrachter definitiv verärgern.

Trotz jener Einbußen ist über weite Teile Spannung gegeben, handwerklich und darstellerisch ist kaum etwas anzukreiden. „Madre“ hält sich nicht mit Belanglosigkeiten auf, obgleich einige Aspekte ein wenig in der Luft hängen und die Auflösung nicht wirklich schlüssig erscheint. Ein insgesamt sehenswerter chilenischer Streifen, dem Genrefreunde unter Vorbehalt des ungewöhnlichen Showdowns durchaus einen Blick widmen können.
6,5 von 10

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