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„Die Leute stehen an der falschen Stelle, die auf dem Marktplatz, die vor den Flüchtlingsheimen. Aber hier, hier vor der Versicherung, hier steht keiner. Vor den Banken, vor den Konzernen, hier, wo die Wut hingehört. Hier steht kein Mensch – keiner! Die Leute draußen wüten gegen die armen Schweine – aber keiner wütet gegen die reichen Schweine!“

Der vierte Dresdner Fall des ersten rein weiblichen „Tatort“-Ermittlerduos Sieland/Gorniak ist eine Gemeinschaftsproduktion des „Stromberg“-Teams Franziska Meletzky (Regie, ihr bereits vierter Beitrag zur Reihe) und Ralf Husmann (Drehbuch) – und trotzdem ist der 2017 ausgestrahlte „Auge um Auge“ keine Komödie.

Ein Abteilungsleiter (Alexander Schubert, „heute-show“) des „Alva“-Versicherungsunternehmens wird von einem Nachbargebäude aus am hellichten Tag in seinem gläsernen Büro erschossen. Gebhardt, so der Name des Toten, galt als harter Hund, der intern gute Zahlen vorweisen konnte, weil er zahlreiche Auszahlungen an Versicherungsnehmer verweigerte. Außerdem befand er sich im Postengerangel mit Rainer Ellgast (Arnd Klawitter, „Tödliche Gefühle“). Auf diesen fällt der erste Verdacht Karin Gorniaks (Karin Hanczewski) und Henni Sielands (Alwara Höfels), während Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) den Mann aufgrund offenbar ähnlicher Ansichten zu gesellschaftlichen Themen zunächst sympathisch findet und nicht an dessen Schuld glauben will – auch wenn alles gegen ihn spricht, beispielsweise ein sich in Luft auflösendes Alibi. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass ein ehemaliger Versicherungsnehmer, dem nach einem Schadenfall die Zahlung verweigert wurde, aus Wut und Frust zur Waffe gegriffen hat. Harald Böhlert (Peter Schneider, „Bornholmer Straße“) zum Beispiel ist seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt und führt zusammen mit seiner Frau Ines (Marie Leuenberger, „Der Kreis“) und Aktivistin Martina Scheuring (Henny Reents, „Spur der Hoffnung“) Protestaktionen gegen die „Alva“ durch. Ellgast ist heimlich mit der „Alva“-Sekretärin Claudia Bischoff (Isabell Polak, „Vaterfreuden“) liiert und deren Kollegin Cordula Wernicke (Ramona Kunze-Libnow, „Happy Burnout“) findet kurz nach dem Mord eine Patrone in ihrer Post. Hat es der Täter auf weitere Opfer abgesehen?

Systemimmanent ist die Tatsache, dass Versicherungen zur Berufsunfähigkeit u.ä. nicht Aufgabe des Staats sind, sondern private Versicherungsunternehmen mit diesen Aufgaben betraut werden. Diese versprechen ihren Kundinnen und Kunden viel, wenn sie um sie buhlen, tun sich aber gern einmal damit schwer, auch ihren Teil der Leistungsvereinbarung zu erfüllen, wenn es zum Versicherungsfall kommt. Als marktwirtschaftlich ausgerichtete Unternehmen geht es ihnen in erster Linie um Profitmaximierung, nicht um das Wohl der Menschen. So errichten sie Prunkbauten und stopfen sich im Vorstand die Taschen voll, während manch Versicherungsnehmer, der ihnen sein Vertrauen schenkte und lange Zeit Beiträge zahlte, vor die Hunde geht. In diese Wunde legt dieser „Tatort“ seinen Finger und thematisiert in scharfzüngigen, mitunter auch launigen Dialogen das gestörte Verhältnis des konservativen, Veränderungen und Neuerungen gegenüber wenig aufgeschlossenen, gar latent xenophoben Kommissariatsleiters Schnabel zu seinen Kommissarinnen, insbesondere der sich für Flüchtlinge engagierenden Henni Sieland, gerade auch vor dem Hintergrund der lokalen „Pegida“-Idiotenaufmärsche und der Wahlerfolge der rechtsextremen AfD.

Damit beweist dieser „Tatort“ soziales Gewissen, politisches Bewusstsein und eine scharfe Beobachtungsgabe, wenngleich er mitunter etwas sehr plakativ vorgeht. Die Dynamik zwischen Schnabel und seinen „Mädels“ jedoch ist schön mitanzusehen – Brambach als Schnabel ist nach wie vor großes Ossi-Kino – und bringt viel Pepp in diesen eher konventionellen Fall, der leider recht platt den Verdacht auf Ellgast lenkt, bis auch auf diesen ein Anschlag verübt wird. Das nach einigen Beleuchtungen Sielands dysfunktionaler Beziehung zu ihrem Ole (Franz Hartwig, „Männerherzen... und die ganz ganz große Liebe“) eingeläutete düstere Finale ist dann noch einmal Anlass für wortgewaltige Gesellschaftskritik, bis der Fall gelöst ist und man sich nur noch die Frage stellen muss, wie es gelungen sein soll, mit einer Pistole auf diese Distanz durch eine Glasscheibe hindurch derart genau das Opfer zu treffen.

Wie bereits eingangs erwähnt, sollte man trotz des „Stromberg“-Teams und des Versicherungsmilieus keine Komödie oder Parallelen zur „Capitol“ erwarten. Von dieser falschen Erwartungshaltung befreit, ist „Auge um Auge“ ein von einigen Schwächen geplagter „Tatort“, der jedoch relevante gesellschaftliche Themen aufgreift, aalglatte Versicherungsangestellte nur leicht karikiert und mit seinem interessanten Team einiges wieder wettmacht. Irgendwo zwischen 6 und 7 von zehn Couscous-Portionen würde ich ihn einordnen und entscheide mich für diplomatische 6,5.

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