Anhänger uralter, unvorstellbarer Gewerbe, die auf Etruskisch vor sich hin kritzeln, Abhängige noch gar nicht erfundener Drogen, Schieber zurechtfrisierter Hermine, Abfall, degradiert zu alltäglicher Routine, eine unsichere, teilnahmslose Gelassenheit vorgaukelnd, Flüssigkeiten, die Geisteskrankheiten hervorrufen, urzeitliche Sera der Langlebigkeit, Schwarzmarkthändler des Dritten Weltkriegs, Apologeten telepathischer Empfindlichkeit, Osteopathen der Seele, Ermittler von Regelverstößen, ihrerseits von nichtssagenden, paranoiden Schachspielern denunziert, Diener fragmentarischer Vollmachten, demontiert in hebephrenischer Stenographie, die unvorstellbare Verstümmelungen des Geistes zeitigen, Bürokraten geisterhafter Dienststellen, Amtsträger noch nicht errichteter Polizeistaaten, ein lesbischer Zwerg, der sich vortrefflich auf Bang-utot versteht, eine Lungenerrektion, die den schlafenden Feind unweigerlich erstickt, Verkäufer orgoner Behältnisse und Entspannungsvorrichtungen, Vermittler exquisiter Träume und Erinnerungen, die an sensibilisierten Zellen der Entzugserscheinung getestet und eingetauscht werden gegen Rohmaterial des Willens, Ärzte, erfahren in der Behandlung von Leiden, die im schwarzen Staub zugrunde gegangener Städte vor sich hin schlummern, sich potenzierende Garstigkeit im weißen Blut augenloser Würmer, die sich langsam an die Oberfläche schieben, hin zum menschlichen Wirt, Krankheiten der Meeresböden und der Stratosphäre, Krankheiten des laborgezüchteten und wahren atomaren Krieges... kurz, ein Ort, an dem sich die unbekannte Vergangenheit und die vor uns auftauchende Zukunft in einem stummen Summen vereinen... Larven, die auf Leben warten...
Es ist nicht einfach, sich dem Wahnsinn zu nähern, den William S. Borroughs in seinem 1959 zu Papier gebrachten Roman „Naked Lunch" versuchte in Worte zu fassen. Schon gar nicht intellektuell. Denn der 1997 gestorbene Postmodernist hatte davon so reichlich viel und in allen Formen und Schattierungen zu bieten, dass ein komfortabler Zugang zu seinem Werk jedenfalls für einen nüchtern analytischen Menschen undenkbar ist. Dennoch ist es, wenn auch etwas unbeholfen, möglich, sich auch als rationaler und so gar nicht metaphysisch interessierter Filmfreund Zutritt zu verschaffen zu einem Film, der unter der Ägide David Cronenbergs, eines ausgewiesenen Experten fürs Obskure, wenigstens versuchte, die galoppierende Absurdität des Romans auf Kinoformat zu trimmen. Dieser Versuch misslang übrigens. Jedenfalls, wenn man die literarische Vorlage in ihrem in sich verlorenen, ganz und gar unentknotbaren, pseudokonzeptualisierten wirren Irrwitz vor Augen hat und diesen in seiner gesamten Bandbreite ins neue Medium übertragen sehen möchte. Doch ist Cronenbergs Arbeit eine wahre Meisterleistung, wenn man die Bemühung honoriert, das Machbare vom Unmöglichen zu klopfen, formulierbare Schwerpunkte zu setzen und unverzagt daran zu gehen, mit einer eigentlich nicht verfilmbaren Vorlage auf dem Schoß, einen kompromisslos unkonventionellen Film zu drehen.
Der aus Paul Verhoevens „Robocop" (1987) bekannte Peter Weller spielt William Lee, einen Kammerjäger im New York der 1950er Jahre. Gleich zu Beginn der narrativ wie visuell bald immer konfuser werdenden Geschichte bemerkt er, dass ihm das Wanzenvernichtungsmittel, seine Munition sozusagen, ausgeht. Schuld daran ist wohl seine Frau, die - obwohl man das, wie so vieles, nicht mit Bestimmtheit sagen kann - das Pulver schon länger intravenös konsumiert. Über sie kommt auch der Schädlingsbekämpfer selbst in körperlichen Kontakt mit der Droge, nach der es auch ihn bald in hoher Dosierung verlangt. Seine Abhängigkeit verursacht binnen Kurzem Ärger in der Arbeit und lässt sich erzählerisch nur noch bis an diesen Punkt nachvollziehen.
„Lass uns die Wilhelm Tell Nummer machen!"
Der Tod seiner Frau beim rauschumnachteten Hantieren mit einer Waffe löst bei ihm nach einer Viertelstunde Film jedoch sozusagen den freien Fall in den Abgrund eines realitätsentkoppelten Dauerrausches aus, der seine psychische wie physische Existenz verschlingen wird.
Das klingt traumatisch. Und hört sich bitter an. Ist es aber nicht. Wenn man die Geschichte jenseits herkömmlicher Herangehensweisen an Filminterpretation zu lesen bereit ist. Denn nach einer zwingenden Logik braucht man ebenso wenig zu suchen wie nach einer restlos verständlichen Handlung. Trotz Cronenbergs ambitionierter Straffungen und Kürzungen. Auch eine wie auch immer geartete Moral bleibt nebulös und höchstens Gegenstand anregender Vermutungen. Die einzige Konstante im zunehmend verschwommenen Kaleidoskop der Handlung bietet die Erkenntnis, dass es eben insgesamt zunehmend verschwommener wird.
„Ihre Hämorrhoiden quollen heraus, wurden aus dem Auto geweht und wickelten sich ums Hinterrad..
Sie wurde völlig ausgeweidet."
William Lee flüchtet (wahrscheinlich auch in Wirklichkeit) aus einem Polizeirevier, auf dem ihm unangenehm auf den Zahn gefühlt wurde, und verrennt sich nun in eine Fantasiewelt namens Interzone, deren Existenz er fortan nicht mehr in Frage stellt. Hier möchte ihn ein sprechender Käfer (mit einem Arschloch auf dem Rücken) als Agent rekrutieren, um einen Mann namens Dr. Benway das Handwerk zu legen (in Wirklichkeit Lees behandelnder Hausarzt). Im Wahn seiner rauschmittelinduzierten, nunmehr vollends ausgeprägten dissoziativen Identitätsstörung macht Lee Bekanntschaft mit dem Who is Who der Oberschicht des arabisch wirkenden Interzone. Zwar ahnt der Zuschauer, dass der umnachtete Protagonist in Wahrheit vermutlich in der Gosse New Yorks umherkrabbelt, doch hören wir singende Muezzins und sehen wohlgekleidete, gepflegte Homosexuelle, die um die Gesellschaft Lees buhlen und ihn in die High Society der Stadt einführen.
Neben bekannten Gesichtern wie Ian Holms (dem späteren [alten] Bilbo Beutlin) und Roy Schneider (dem Todfeind des Weißen Haies), leisten der besagte Käfer (der von Lee neben seiner Funktion als Verbindungsmann von Zeit zu Zeit auch als Schreibmaschine genutzt wird) und ein saurierähnliches Echsending auf zwei Beinen dem als Drogenabhängiger restlos überzeugenden Peter Weller Gesellschaft. Seinem vom Geheimdienst durch den Käfer übermittelten Auftrag, regelmäßig Berichte von seiner investigativen Tätigkeit anzufertigen, kommt William Lee diensteifrig, doch im Resultat (auf unterhaltsame Weise) unzureichend nach.
„Schaffe alle rationalen Gedanken ab. Das ist jedenfalls der Schluss, zu dem ich gekommen bin."
Natürlich bietet das schlaglichtartige Aufblitzen der Realität, das etwa in Form alter Freunde oder dem Namen nach bekannter Orte in den weiteren Verlauf Eingang findet, genügend Möglichkeit, trefflich zu mutmaßen, was William Lee denn tatsächlich, also jenseits seiner Drogenfantasien, erlebt. Und über diesen Ansatz könnte man, wenn man wollte, dem Film sogar einen interpretatorischen Mehrwert abtrotzen, unter der Bedingung, dass man der oben erwähnte, sachlich trockene (sic!) Typ ist. Ist man der aber womöglich nicht, oder nicht nur, dann lässt sich auch ein letzter und endgültiger Ansatz wählen, um David Cronenbergs „Naked Lunch" genüsslich zu verzehren. Und das ist, so profan das klingt, der Alkoholkonsum.
Das klingt nach Schöntrinkerei. Das ist es aber nicht (oder doch vielleicht ein bisschen). Es ist der zumindest potentiell interessante Versuch, sich einer Romanverfilmung zu nähern, deren Vorlage im Drogenrausch verfasst wurde und deren Substanz sich einem nach Vernunft strebenden, klaren Gemüt entzieht. Natürlich kommen einem da auch andere, thematisch ähnlich gelagerte Filme in den Sinn, die besonnenen Geistern lieber nicht zum Frühstück serviert werden sollten und deren Spaßfaktor in jedem Fall durch ein paar Gläser Weingeist intensiviert würde. Man denke etwa an Terry Gilliams „Fear and Loathing in Las Vegas" (1998). Doch ist der bekannte Partykracher aus dem Ende der 90er eben zuvorderst eine Sause und entsprechend explizit komödiantisch aufbereitet. Das ist „Naked Lunch" nicht, was ihn für einen Großteil der an Unterhaltung interessierten Klientel sperrt. Seine latente Intellektualität, die trotz des Nonsens den gesamten Film über spürbar ist, verhindert einen bequemen Zugriff auf die mitunter urkomischen Ideen (oder Unfälle) des Werks. Ob es das in der betreffenden Situation völlig unpassende, zu einer Fratze verzogene Grinsen einer Kontaktperson oder das von ihm selbst implizit mitgeteilte Absterben wesentlicher Hirnareale William Lees ist, „Naked Lunch" ist ein launiger Spaß. Bei entsprechender Disposition. Ein anspruchsvoller Trip in die vermeintliche Anspruchslosigkeit. Ein bisschen Genie und ein bisschen viel Wahnsinn. Zugriffsmöglichkeiten hin oder her, David Cronenbergs Adaption von William S. Borroughs‘ drogenverfallener Philosophie ist ein knalliges, extravagantes Meisterwerk des Arthouse Kinos und ein sozusagen chiffrierter Meilenstein des Kunstfilms. Oder doch nur „Junk".