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Ein Meister des Body-Horrors verfilmt einen Meister der surrealen Drogenliteratur - heraus kommt ein Meisterwerk des surrealen Drogen-Body-Horrors!

In David Cronenbergs kongenialer Verfilmung von William S. Burroughs bizarrem Trip-Roman „Naked Lunch" mimt Peter Weller den abgefuckten Schriftsteller und Insektenvernichter Bill, der in einem bizarren Albtraum landet, aus dem er nicht entkommen kann: Nachdem er seine Frau, die sich sein Wanzenpulver als Drogen spritzt, beim Wilhelm-Tell-Spielen erschossen hat, flieht er in die seltsame Stadt Interzone - und gerät in ein mysteriöses Komplott aus Agenten, feindlichen Firmen und Schreibmaschinen, die sich in riesige Käfer verwandeln und ihm Aufträge erteilen.

Das freilich deutet den absoluten Irrsinn nur an, den hier Hauptfigur und Zuschauer erleiden müssen - monströse Kreaturen, ekelerregende Drogencocktails und undurchsichtige Gestalten bevölkern die seltsame Welt, durch die Bill taumelt. Die kafkaeske Atmosphäre entsteht dabei vorrangig durch die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der sich Realität und Wahn mischen: Da holen die Cops beim Verhör mal eben eine Schachtel mit einer gigantischen Wanze heraus; und Bills stoische Reaktionen auf die Verwandlungen seiner Schreibmaschinen wirken nicht gerade so, als könne er seinen Augen nicht trauen. Überhaupt trägt Peter Weller diese seltsame Figur, mit der man sich zwar identifizieren kann, die einem in ihrer kaltschnäuzigen Distanziertheit aber auch immer wieder sauer aufstößt, den ganzen Film - mit starrer, vom Drogenrausch entrückter Mimik, die doch immer wieder von tief emotionalen Ausbrüchen erschüttert wird, markiert er einen durch und durch faszinierenden, gleichermaßen sympathischen und irgendwie abstoßenden Charakter. Ein grandioses Spiel!

Auch der restliche Cast, ob namhaft (Ian Holm, Roy Scheider) oder unbekannt, spielt hervorragend und gibt die Figuren mit scheinbar natürlicher Verschrobenheit und Bizarrerie. Da stört es schon kaum noch, dass einige der Agenten, mit denen Bill spricht, schleimige Monster sind (aus deren Sperma wiederum wunderbare Halluzinogene gewonnen werden können) oder dass einige scheinbare Menschen in Wahrheit riesige Tausendfüßer sind. So fließend und undeutbar verschwimmen nur selten die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Natürlich könnte man das alles mit psychologischem Hintergrund erklären - Drogentrips und Delirium tremens, Realitätsflucht und zerstörte Charaktere. Cronenberg jedoch überlässt diese Interpretationsarbeit ganz dem Zuschauer und ergeht sich stattdessen lieber in einem wahrhaft einzigartigen Mix aus melancholischem Jazzsoundtrack, fiebrigen, in blasse Farben getauchten Bildern und, wie könnte es anders sein, bizarr-ekelhaften Monsterexzessen. Ob rammelnde Schreibmaschinen-Monster, mörderische Mensch-Tausendfüßer-Wesen oder Monster-Melkfabriken - wer Cronenbergs frühere Filme wie „Die Fliege" oder „Die Brut" kennt, weiß, was ihn hier erwartet. Nur die Eleganz, mit der er solcherlei Schweinereien in einen ansonsten aalglatten Film noir einbaut, spricht von neuem Niveau.

In diesem Konglomerat aus surrealen Welten, mysteriösen Gestalten und undurchschaubaren Zusammenhängen verarbeitet Cronenberg dazu noch allerhand sexuelle Obsessionen, Wiedergänger und Handlungswiederholungen. „Naked Lunch" ist also ein wahrlich rauschhaftes Meisterwerk des Surrealismus, das wie selbstverständlich ein gutes Stück neben unserer Welt herläuft und wohl die Intention William S. Burroughs nahezu perfekt trifft - eine Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Wahn nicht mehr möglich zu machen. Für Freunde des bizarren Kinos unbedingt zu empfehlen.

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