Das gleichnamige Buch von William S. Burroughs gilt als unverfilmbar. Die inkohärente Aufzeichnung von Szenerien, Phantasien und Trips der handelnden Figuren im Verbund mit Burroughs' Erlebnissen während des Drogenkonsums und den Phasen des Entzugs eignen sich mit ihrer Sprache und den stark von sexuellen Themen durchzogenen Gebilden wenig für die Leinwand. David Cronenberg gehört definitiv zu den Regisseuren, denen man zutraut, sich solch einem Werk anzunehmen. Und dennoch steht hier eine berechtigte Frage im Raum. Wie verfilmt man nun so eine Vorlage?
Die Antwort ist: gar nicht. Denn Cronenberg, der auch das Skript beisteuerte, arbeitet sich nicht direkt am Inhalt des Buches ab. Er transponierte es in eine andere Sichtweise, vermischte Versatzstücke aus dem inhaltlichen Wust und schuf eine Perspektive auf Burroughs und seinen Schreibprozess hinsichtlich des Buches. Dazu wob er Biographisches und weitere Elemente mit ein und fertig ist ein gleichnamiges, aber eben nicht gleichartiges Werk, dessen Abstammung dennoch spürbar ist.
William Lee, Schriftsteller und Kammerjäger mit einer Vorliebe für sein eingesetztes Gift, tötet seine Frau im Rausch. Es folgt die Flucht in die Interzone, wo sprechende Schreibmaschinen, merkwürdige Kreaturen und Agenten ihn begleiten. Eine Reise durch Realität und Halluzination.
Angefüllt mit Mehrdeutigkeiten stolpert Lee (Peter Weller) durch dieses Szenario, welches ziellos wirkt und entschlüsselt werden will. Oder sich einfach begaffen lässt. Beide Herangehensweisen scheinen erstrebenswert und unmöglich, leicht zugänglich ist Cronenbergs Blick auf die Vorlage, ihre Entstehung und den Autor nicht. Weiß man auch um den völlig andren Ansatz, so fällt das Fehlen mancher Bestandteile dennoch auf. Mit den Themen Homosexualität und Drogenkonsum geht die Filmversion behutsam um, eine direkte Umsetzung hätte aber auch kaum zu einem sinnvollen Ergebnis geführt. So bedient sich die Filmvariante einer mit Metaphern angereicherten (Bild-)Sprache, sodass man diese Elemente erahnen kann. Der Fokus liegt dennoch auf dem Prozess des Schreibens, ebenfalls eine Sucht, auf den kreativen Mechanismen. Dazu gehört auch der für Cronenberg typische Bodyhorror. Hier und da wird es etwas matschig und transformabel, die Effekte sind dabei gelungen.
Die mitunter herrschende Chaotik findet sich auch in der musikalischen Untermalung wieder. Neben dem Score von Howard Shore bekommt man hier und da Jazzeinlagen, die auf ihrer Ebene zur Erzählung passen. Dazu sieht „Naked Lunch“ richtig gut aus. Wirken die Sets auch oft nicht groß oder ausladend, so sind sie immer ansprechend ausgestattet und von der Kamera eingefangen.
Peter Weller als Hauptfigur transportiert den Trip mit seiner Ruhe ansprechend, mit Ian Holm, Judy Davis und Julian Sands sind auch die weiteren Rollen gut besetzt. In diesem Wahn steht das Ensemble aber immer etwas hinter dem Szenario zurück, hinter der Welt und ihren Sprüngen, der fehlenden Orientierung und den stets durch die Luft wabernden Fragen.
„Exterminate all rational thought.“
Cronenberg versucht sich nicht an einer Interpretation des Buchs, sondern an einer des Autors. Berücksichtigt man dabei, dass die Vorlage selber als Film keinen Sinn ergeben würde, ist das ein spannender Ansatz und so finden sich Elemente aus Burroughs' Leben hier wieder, gepaart mit denen seiner Arbeit. Im Ergebnis ein in einer unerwarteten Ruhe erzählter Blick auf sein Schaffen und die Wege, die es vielleicht genommen hat.
Ein sehenswertes Werk übers Schreiben, das einen gefangen nehmen kann.