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La Piovra 1-4

Cattani als Commissario Super Mario


Unbeschwert spaziert er am Strand mit seiner Tochter, ein lebenslustiger Mann mit etwas kindlichen Zügen, so dass die Tochter ihn mehr für einen Freund als für einen Vater hält. Er ist nach Trapani gekommen um ein dickes Brett zu bohren, und hat es so gut wie durchbohrt: das Komplott aus dem Anwalt Terrasini, dem Bankier Ravanusa und der Baulöwin Camastra beginnt zu wackeln, der örtliche Mafia-Vollstrecker Cirinna ist als Mörder seines Vorgängers Marineo überführt, der stolze und etwas arrogante Kommissar triumphiert. Da ist noch die zerbrochene Beziehung zu seiner Frau Elsa, sie trennten sich während der Ermittlungen, aber dafür hat er in der jungen hübschen Zeugin Titti Pecci Scialoia seine neue Liebe gefunden. Wie das Leben so spielt, - vielleicht kehrt er doch zu seiner Frau zurück, vielleicht auch nicht. Sein mächtiger Mentor in Rom ist jedenfalls stolz auf ihn.Das Ende der vierten Folge der ersten Staffel von "La Piovra" schließt einen Vorlauf ab, die erste Runde ist gelaufen. Das Gute siegt klar nach Punkten, aber ein junger Polizist musste durch einen unvermittelten Kopfschuss in einem Café sein Leben lassen. Dafür werden die Drahtzieher dieses vom lokalen inzüchtigen Bandittendepp begangenen Verbrechens teuer bezahlen, und sie sind drauf und dran, in den Knast zu wandern. Was die Guten noch nicht wissen - für die Bösen hat es sich um eine Runde Sparring gehandelt, ja, das war nur eine Runde zum Aufwärmen. Der Lebemann Terrasini, der tölpelhafte Schrank Ravanusa und die gewitzte Contessa Camastra haben noch gar nicht angefangen. Man muss schon sagen, dass sie den neuen Kommissar, den Sunnyboy Cattani bewundern, Self-Made-Woman Olga findet ihn sogar richtig süß.Der charmante Prinzipienreiter ist von weiblichen Bewunderern umgeben - seine Tochter kämpft um ihn, will nicht zur Mutter ziehen, sondern bei ihm bleiben, die reiche Erbin Titti verliebt sich in ihn, seine Frau macht ihn mit einer Affäre eifersüchtig, um ihn zurückzugewinnen, und die Contessa Olga Camastra will ihn durch ihre Klugheit beeindrucken und mit ihrem stolzen Auftritt verführen. Cattani ist fast am Gipfel seiner persönlichen und beruflichen Entfaltung, allein gegen die Mafia ist er im Begriff, ein Star zu werden, wobei er sich gegen die Hilfe seines Partners Altero sogar noch wehrt. Natürlich wird er bald den Platz seines Mentors in Rom einnehmen. Natürlich gehört die Herrschaft der Mafia in Sizilien der dunklen Vergangenheit an, und die strahlende Zukunft dem Recht und Gesetz. Doch nach einem anonymen Anruf kommt alles ein wenig anders als geplant...

Es ist World 1-5, da sind die Guten gerade im Begriff, die Mafiosi von Trapani einzulochen. Des Kommissars Tochter wird aber entführt, und um sie zu retten, macht er in dieser Folge alles zunichte, was er sich zuvor hart erarbeitet hatte: er vernichtet seinen Ruf, lässt seine Geliebte fallen, und gerät selbst ins Visier der Ermittler. In World 1-6 stellt Cattani, der eigentlich Corrado heißt, dass er durch den Fleischwolf gedreht worden ist, aber er ist dennoch Mario, denn die erste Staffel, die erste Welt endet für ihn quasi mit den Worten: Danke, Mario, aber der wahre Drache ist in einem anderen Schloss.Je weiter Commissario Super Mario in die Welt des organisierten Verbrechens hineintaucht, umso idyllischer erscheint die eigentlich fast schon verstörende erste Staffel. Was nie und niemals gelingen kann, dass nämlich eine Fortsetzung das Original übertrifft (der Regisseur der ersten Staffel, Damiano Damiani, war verständlicherweise gegen eine Fortsetzung), schafft Florestano Vancini leicht schon in der ersten Folge der zweiten Staffel: Cattani zieht sich zurück, um bei seiner (von einem der Entführer vergewaltigten) Tochter in einer Klinik in den Alpen sein zu können, sein Partner Altero und der Richter Bordonaro machen dort weiter, wo er in 1-4 aufhören musste, und knacken schließlich einen der drei Verschwörer, den Bankier Ravanusa. Cattani ahnt, dass das das Ende für sie war, und seine Ahnung bewahrheitet sich umgehend. Nun sitzt aber der wahre Drache nicht mehr auf der Insel, sondern in der Hauptstadt: es ist kein Geringerer als sein alter Mentor Cannito, der von Rom aus gemeinsam mit dem Vorsitzenden einer Geheimverbindung Professor Laudeo die Fäden zieht. Was dann passiert, ist dramaturgisch großes Kino (übrigens waren sowohl der Regisseur der ersten als auch der zweiten Staffel eigentlich Kinoregisseure): die korrupten Staatsbeamte in Rom und die Mafiosi in Sizilien streiten sich ums Geld und der Streit eskaliert zu einem Krieg. Cattani braucht nur noch im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein, um beide Parteien gegeneinander auszuspielen.Ab der dritten Staffel übernimmt der Fernsehregisseur Luigi Perelli, was sich durchaus negativ auf die Spannung auswirkt, aber keinesfalls das Niveau der Serie senkt: sie wird noch düsterer und tiefgründiger. Der stolze Staranwalt Terrasini ist für den Endgegner aus der dritten Staffel, den großen Bankier Nicola Antinari, ein kleiner mieser dreckiger Bandit, und während der kurzen Zeit der gemeinsamen Anstrengungen zur Rettung seiner Bank ist Antinaris Verachtung für diesen Geschäftspartner deutlich zu spüren. Es deutet sich aber bereits in der dritten Staffel an, wen Mario in der vierten zum Enddrachen bekommt: keine solch joviale Figur wie Antinari, aber ein Mitglied des obersten Rates der Mafia. Doch auch die dieser Höhe entsprechenden Figuren aus anderen Bereichen der Gesellschaft - Politik und Big Business - werden in der dramaturgisch insgesamt rundesten und für den Kommissar letzten vierten Staffel nicht fehlen. La Piovra, der Krake, das ist nicht nur die Mafia, das sind auch die, die mit ihr zusammenarbeiten, wodurch sich das organisierte Verbrechen erst zu einem großen Ganzen, einem Staat im Staate, vereint.In der vierten Staffel passieren Dinge, die dazu führen, dass ein echter La-Piovra-Kenner die fünfte Staffel nicht mehr zu La Piovra zählen kann. Es ist nicht allein der Tod des Commissario Cattani, es ist auch der Kopf des Drachen, der, wäre La Piovra ein Spiel, könnte man sagen, das Super-Mario-Spiel La Piovra gewnnt. Logisch geht es nicht mehr weiter, der Geist der Geschichte ist am Ende der vierten Staffel zu sich zurückgekehrt, ja, dort ist die Geschichte zu Ende. Was danach passiert, hat eine für den Zuschauer wahrnehm- und mitfieberbare Existenz, aber keine Wirklichkeit mehr. 

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