Der bereits 32. Fall des komödiantischen Münsteraner „Tatort“-Teams aus Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Dr. Boerne (Jan Josef Liefers) findet vor dem Hintergrund der alle zehn Jahre stattfindenden realen Kunstveranstaltung „Skulptur.Projekte“ statt und begibt sich somit ins Milieu Kunstschaffender. Das Drehbuch stammt aus der Feder Christoph Silbers und Thorsten Wettckes; die Regie übernahm erneut Lars Jessen („Dorfpunks“), der damit bereits zum dritten Mal einen „Münsteraner“ inszenierte. Erstausgestrahlt wurde der „Gott ist auch nur ein Mensch“ betitelte Fall im November 2017.
Die Skulptur-Ausstellung wurde noch nicht offiziell eröffnet, da müssen Thiel & Co. auch schon in einem Mordfall ermitteln: Ein Päderast und ehemaliger Stadtrat, der aufgrund eines Justizirrtums freigesprochen wurde, wird mausetot im Inneren einer überlebensgroßen Clown-Skulptur aufgefunden – den Schuldbeweis auf einer SD-Karte gespeichert, die der Leiche implantiert wurde. Nichts liegt näher als zunächst die Eltern der missbrauchten Kinder zu befragen. Kurz darauf wird die Kunstveranstaltung jedoch von einer weiteren Leiche überschattet: einem mit einem Gandhi-Zitat drapierten Neonazi. Nun gerät die exaltiere Kunstszene ins Visier der Ermittler, u.a. Aktionskünstler Zoltan „G.O.D.“ Rajinovic (Aleksandar Jovanovic, „Auf kurze Distanz“) – ist er ein ebenso wahnsinniger wie kunstaffiner Serienmörder auf dem Selbstjustiztrip?
Das Hauptaugenmerk dieses Münsteraner „Tatorts“ liegt mitnichten auf Slapstick und/oder Klamauk, sondern auf kunstvollen Morden bzw. vielmehr kunstvoll aufbereiteten Mordergebnissen, der zwielichtigen, undurchsichtigen Gestalt des sich G.O.D. nennenden Künstlers und der Persiflage einer sich häufig selbst etwas wichtig nehmenden, schrulligen oder der Realität entrückten Künstlerinnen- und Künstlerszene, in die – welch Wunder – der narzisstische, elitäre Boerne so gut hineinpasst, dass er von G.O.D. zu seinem „Meisterschüler“ auserkoren wird. Mit seiner Prämisse orientiert sich dieser Fall damit an Psycho-Thriller-Sujets, wenn auch ohne dieses wirklich auszukosten oder komödiantisch hochzunehmen. Das ist schade, denn mit einem seine Rolle ideal ausfüllenden Aleksandar Jovanovic, der etwas vom großen Lee Van Cleef hat, waren die Voraussetzungen eigentlich gut. Stattdessen verliert sich das Drehbuch in uninteressanten Exkursionen und Nebenschauplätzen wie der unglaubwürdigen Geschichte um Kuratorin Klara Wenger (Victoria Mayer, „Die Wolke“), die Thiel angeblich bereits aus fernen Kindheitstagen kennt, in denen er zwischen anderen Hippiekindern in Mädchenklamotten gesteckt wurde – welch hanebüchener Blödsinn, allein schon angesichts des offensichtlichen Altersunterschieds der beiden.
Doch einmal mehr konnten die Drehbuchautoren nicht an sich halten und schlugen weitere Kapriolen: G.O.D. wird ein Hirntumor angedichtet und letztlich eine aktive Verwicklung in den Fall mit seiner überkonstruierten Auflösung. Sämtliche Nebenfiguren inkl. Thiels bekifftem Vater (Claus D. Clausnitzer) lässt man mind. einmal auflaufen, was hier und da für netten Dialogwitz und den einen oder anderen Gag sorgt, das Potential der Handlung jedoch weiter unterläuft: Wenn man schon aus den Psycho-Thrill-Aspekten nichts weiter herausholt, hätte man sich genüsslich der Kunstszene und ihren Eitelkeiten, ihrer Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit oder ihrer Prätentiösität widmen können. Die Persiflage bleibt jedoch oberflächlich. Und aufgrund der Selbstjustizthematik eine kritische Auseinandersetzung mit dem Versagen des Rechtssystems in bestimmten Fällen zu erwarten, hätte vermutlich ohnehin nicht in die komödiantische Ausrichtung des Münsteraner Konzepts gepasst.
Was bleibt, ist ein kurzweiliger, vergnüglicher „Tatort“ mit ganz realem Kunstbezug, der die Münsteraner Skulptur-Veranstaltung ins Bewusstsein rückt und damit bei aller Verballhornung der Kunstszene gleichzeitig Werbung für sie betreibt – zumal Künstler Christian Jankowski als Jan Christowski eine Nebenrolle einnimmt, für eine wirklich gelungene Post-Pointe jedoch auch als er selbst in Erscheinung tritt. Unter Lars Jessens Regie gelingen Kameramann Rodja Kükenthal zudem einige echte Hingucker – angesichts derer es aber umso betrüblicher ist, dass man sich gerade im Mittelteil derart verzettelt. Publikumsrenner und bewährtes Rezept hin oder her: Der Münsteraner „Tatort“ scheint sich mit Abweichungen von seiner ihm eigenen Norm besonders schwerzutun.