Review

kurz angerissen*


Nicolas hinter den Spiegeln, oder: Was passiert in Cages Gesicht, wenn sich ihm am anderen Ende des Tunnels eine unwirkliche Märchenwelt offenbart?

Völlig in die irrealen Farben der Neonröhren einer "Vacancy"-Tafel getaucht, baut Tim Hunters Mystery-Thriller "Looking Glass" eine beachtliche Atmosphäre auf und der bärtige Hauptdarsteller eine ebensolche Präsenz. Es ist diese Art Stimmung, bei der man jeder kleinen Geste, jeder mimischen Entgleisung und jedem Satz Bedeutung beimessen möchte. Verdächtig ist grundsätzlich alles und jeder, erst recht durch den im Prolog aufgebauten Trauerschleier, der jedes Urteilsvermögen nichtig macht.

Das Drehbuch nutzt diesen Umstand gnadenlos aus, zerstört den Film letztlich aber durch seine maßlose, völlig wirre Umverteilung von Verdachtsmomenten. Rote Heringe werden hier nicht einfach nur ausgelegt, sondern mit dem LKW angeliefert und auf dem asphaltierten Parkplatz der Motel-Anlage ausgeschüttet. Der Stamm der Handlung verzweigt sich in unzählige kleine Sackgassen, die man allesamt kommen sieht. Doch es hilft alles nichts, wir befinden uns im linearen Medium Film und müssen die Irrwege samt und sonders mitgehen. Nach und nach verliert alles an Bedeutung; die Trauer der Eltern um das verlorene Kind, die wahre Identität der ominösen Einheimischen und Pendler, die Geheimnisse des Vorbesitzers. Cage versucht sich in der allgegenwärtigen "Don't trust anyone"-Stimmung an einer Art gelangweilten Abwehrhaltung, so als würden ihn die Dämonen nicht heimsuchen, wenn er nur desinteressiert genug an den Vorgängen erscheint. Aber natürlich handelt es sich um Plagegeister, die den unvermeidlichen Plottwist um jeden Preis vorantreiben wollen (Filme müssen schließlich irgendwann enden), also wird Cage quasi dazu gezwungen, schlussendlich doch wieder jene Art von Anfällen auszuleben, die ihn so sehr für den B-Film prädestinieren. Was Robin Tunney angeht, so ist es nett, sie noch einmal wiederzusehen, doch in der Perspektive der Hauptfigur, die man als Betrachter einnimmt, verschwimmt auch sie zu einem vagen Schatten, ebenso wie der Lastwagenfahrer, der Polizist, die Domina oder wer auch immer die Rezeption betritt.

Cage hat in den letzten Jahren Filme gedreht, die wesentlich unschöner anzusehen waren; "Looking Glass" ist dennoch ganz gut aufgehoben in der Wüste, in der er gedreht wurde.


*weitere Informationen: siehe Profil

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