Review
von Leimbacher-Mario
Mini-Serie
Mini-Serie
Der Würde der Frauen war immer antastbar
"Alias Grace" ist eine in sich abgeschlossene Miniserie auf Netflix, basierend auf einem historischen Kriminalfall und der Feder Margaret Atwoods, deren Werke nach "The Handmaids Tale" momentan weggehen wie geschnittenes Brot. Es geht um eine Frau, die für einen angeblichen Doppelmord schon fünfzehn Jahre, fast ihr halbes Leben, hinter Gittern sitzt. Nun soll eine Art Psychologe durch ein tagelanges Gespräch mit ihr prüfen, ob sie begnadigt werden kann, was in ihrem Kopf vorgeht und was wirklich passiert sein könnte...
Ich fange mit dem Titelscore an. Das gehört sich nicht, doch der ist einfach zu gut, um ihn in einem Nebensatz abzuhaken. Das ist gefühlvolle, emotionale und epische Weltklasse, bei der man ganz sicher nicht den Credit-Skip-Knopf bei Netflix nutzt. Völlig zu recht mit Preisen überhäuft. Fast genauso gelungen ist die Ausstattung der sechs knackigen Episoden und die dezenten Spezialeffekte fügen sich ebenfalls homogen und stark ein. Außerdem brilliert Sarah Gadon in der Titelrolle und ihre packende, vielschichtige Performance hilft einem locker über die eine oder andere erzählerische Trockenphase. Dagegen wirken nahezu alle ihre Filmpartner etwas steif, besonders Edward Holcroft als "Arzt, dem die Frauen trotz Perücke vertrauen". David Cronenberg in einer kleinen Nebenrolle ist sehen macht Freude. Besonders, wenn einem klar wird, dass es sich ja auch irgendwie um Body Horror handelt...
Doch das ist nur die raffinierte und oft glänzende Oberfläche. Die echte, bleibende Qualität dieser womöglichen Femme Fatale liegt in ihren Mysteryqualitäten und der Ambivalenz. Ist sie eine eiskalte Mörderin, Lügnerin, Verführerin? Oder haben die Umstände ihres schweren Lebens und der bösen Männerwelt sie nahezu gezwungen? Wieviel sehen der Unterdrückung und des abscheulichen männlichen Verhaltens kann man auf die heutige Zeit übertragen? Wird gegen Ende zu dick aufgetragen, zu viel verraten? Oder ist der meist vage, sich jedem sein eigenes Bild ermöglichende Ton durchweg die größte Stärke des Rätsels um die junge Frau? "Alias Grace" zeichnet eine Welt in der man sich gerne verliert - bis man böse wachgeküsst wird. Ein Horror der leisen Töne. Delikat und verletzlich - oder doch nicht?
Fazit: erhabenes, rätselhaftes und sozialwichtiges Historienkino für den kleinen Bildschirm - mehr als ansehnlich, gnadenlos gut gespielt und mit schwerwiegenden Themen gefüttert, die leider noch lange nicht aus der Mode sind. "Alias Grace" ist rundes Mini-Serien-Futter mit Anspruch und Eleganz. Vielleicht etwas wenig wahren Höhepunkten, aber definitiv aus einem Guss. (7,5/10)