Ein Hausboot auf einem Fluß im australischen Outback: Der Endvierziger Andy (Martin Freeman) hat sich dorthin mit seiner Frau Kay (Susie Porter) zurückgezogen. Die Angespanntheit der beiden gilt der Sorge um Töchterchen Rosie, einem etwa einjährigen Baby, welches sie undedingt schützen wollen. Schützen vor anderen Menschen, die - von einer unheilbaren Seuche befallen - wie Zombies umherstreifen und nach Blut lechzen. Dummerweise kann diese Seuche jeden betreffen, und nachdem auch Kay infiziert wurde und recht bald stirbt, ist der ebenfalls infizierte Andy bald ganz auf sich allein gestellt: Wird er es schaffen, innerhalb von 48 Stunden die kleine Rosie an verantwortungsbewußte, nicht-infizierte Menschen zu übergeben, bis die Seuche auch ihn dahinrafft?
Hinter dem eher irreführenden Titel Cargo verbirgt sich einer der ungewöhnlichsten Zombie-Filme - die lebenden Toten spielen hier nur eine untergeordnete Rolle und stehen für die ständige Bedrohung der titelgebenden "Fracht" - nämlich der kleinen Rosie. Unter der Regie von Yolanda Ramke und Ben Howling gab es diese Thematik schon 2013 als gleichnamigen Kurzfilm, 2017 wurde daraus der vorliegende Streifen in Spielfilmlänge.
Cargo verwendet sehr viel Zeit auf eine ausgewogene Figurenzeichnung und die Interaktion derselben untereinander. Hauptdarsteller Andy mit seinem unerschütterlichen Optimismus, sein Ziel zu erreichen, wächst einem durch seine freundliche, oft von Selbstzweifeln geplagte aber stets gewaltfreie Art schnell ans Herz. Auf seinem Weg durchs australische Hinterland begegnet er den verschiedensten Menschen und schafft es, mit allen (zumindest irgendwie) auszukommen. Die Frage, ob er sein Ziel erreicht, stellt sich schon bald nicht mehr, spannend ist vielmehr der Weg, wie er es erreicht. Da ist beispielsweise die ehemalige Lehrerin, die im Dunkeln einer verlassenen Schule das Ende erwartet, ihm aber selbstlos mit dem Baby hilft. Eine andere Familie mit kleinen Kindern will zunächst nichts mit ihm zu tun haben, später stellt sich heraus, daß sie kollektiven Selbstmord planen um der Seuche nicht anheim zu fallen. Wir lernen den Redneck Vic (Anthony Hayes) kennen, einen rücksichtslosen Egoisten, Rassisten und Kriegsgewinnler, hassenswert in allem was er tut - doch selbst ihm gesteht das Drehbuch am Ende einen ambivalenten Part zu. Das Aborigine-Kind Thoomi (Simone Landers) schließlich erhält von allen Nebendarstellern die meiste Screentime - an ihr ist am schönsten zu sehen, wie sich das Verhalten der Menschen in einer Zeit gegenseitigen Misstrauens und Isolation doch - zum Guten hin - ändern kann.
Neben den bekannten Themen eines Survival-Films (mangelndes Essen, Wasser, Fortbewegungsmittel, Waffen etc.) transportiert Cargo trotz der dargestellten widrigen äußerlichen Umstände eine positive Botschaft: Wer an seine Ziele glaubt, der wird es schaffen. Daneben kommt ganz unaufdringlich auch noch eine völkerverbindende Komponente hinzu, nämlich die Freundschaft zwischen dem älteren Weißen Andy und dem jungen Aborigine-Mädchen Thoomi.
Zu den wenigen Kritikpunkten an Cargo zählen die teilweise zu "glatten" Abläufe der Reise. Zwar liegt der Fokus wie geschildert auf der Interaktion der Menschen und keineswegs auf Action, dennoch erschienen mir die fast stets vollgetankt herumstehenden Autos, die auch immer sofort anspringen (ein einziges Mal muß Andy den Zündschlüssel unter dem Wagen hervorholen), der reichlich vorzufindende Proviant (und teilweise verzehrbereit aufgetischtes Essen) sowie der komplette Mangel an Kämpfen mit den Zombies doch zu unspektakulär. Nicht erklärt wird auch der Umstand, daß Thoomi in westlicher Kleidung auftritt und die Sprache der Weißen fließend beherrscht, während der Rest ihrer Familie traditionell (Kleidung, Bemalung, Speere) im Outback lebt - dabei ist die vielleicht 10jährige Thoomi keineswegs verstossen (ihre Mutter sucht sogar nach ihr). Am Unlogischsten jedoch erscheint mir das geradezu pflegeleichte Verhalten der kleinen Rosie, die keinerlei Babynahrung benötigt, fast nie schreit (auch nachts nicht), nicht fremdelt und mit maximal zwei Windelwechseln volle zwei Tage übersteht. Aber diese und andere Begleitumstände stehen ja auch nicht im Mittelpunkt des Films...
Noch ein Wort zur Thematik der schnell übertragbaren Seuche: Man kennt diese beispielsweise aus 28 Days Later (2002) - hier spielt sie wiegesagt eine weniger dominante Rolle (überdies ist Cargo dramaturgisch geradezu das Gegenteil des selbstzweckhaft abgefilmten britischen Endzeit-Schockers) dennoch fallen dem geneigten Horror-Freund einige Details auf, die belegen daß sich die Regie sehr wohl Gedanken darum gemacht hat: Die unumkehrbare Infektion erfolgt über Bisswunden, worauf nach einigen Stunden ein honigartig-gelbes Sekret aus den Kopföffnungen austritt, gepaart mit einem schier unbezwingbaren Blutdurst. Von individuell früher einsetzenden Anfällen abgesehen ist spätestens nach 48 Stunden dieser Zustand unumkehrbar, und der Infizierte torkelt als ständig blutdürstiger Zombie langsam in der Gegend umher. Die Opfer (andere Menschen) werden dabei gerne in die am leichtesten zugänglichen Stellen am unbekleideten Kopf gebissen, was dazu führt, daß manche Infizierte sich vor dem endgültigen Ausbruch selbst beerdigen, indem sie knieend ihren Kopf in selbstgegrabene flache Gruben stecken und diese mit der Hand zuschaufeln - solche und andere höchst interessante Details (wie ein von der Regierung ausgegebenes Notfall-Set für Infizierte, das auch ein Selbsttötungs-Werkzeug enthält) werden allerdings nur nebenbei gestreift, man übersieht sie fast. Angesichts dieser vielen tollen Einfälle und der guten Darsteller keimt in mir der Wunsch, Cargo analog zu Romeros Meisterwerk Dawn of the Dead (1978) in einer zwei- oder sogar dreistündigen Fassung zu sehen, in welcher auch die Zombie-Thematik gebührend ausführlich dargestellt wird.
Fazit: Ein anrührender Survival-Thriller mit einem grundsätzlich lebensbejahenden positiven Unterton und trotz einiger kleinerer logischer Schwächen absolut sehenswert. 7,5 Punkte.