Als Biopic eine Null, als Musical ein sofortiger Klassiker
"Greatest Showman" ist das Phänomen der Wintersaison. Von den Kritikern (witzigerweise parallel zu einer Nebenstory im Film) mäßig bis miserabel aufgenommen, vom Publikum, vor allem in den Staaten, euphorisch gefeiert. Es gibt Leute, die sich seit kurz nach Weihnachten gut ein Dutzend mal von P.T. Barnums Entstehungsgeschichte des Zirkus' verzaubern haben lassen sollen. Dieser langanhaltende Erfolg ist eine Anomalie in der heutigen Zeit und erinnert eher an die goldenen Jahre des Kinos ala "The Sound of Music" oder "Gone With The Wind", als Filme noch Monate manchmal Jahre die Kinos unsicher machten. Zugetraut hätte das Hugh Jackman und seiner nächsten Musicalnummer nach "Les Miserables" keiner. Ich inklusive. Warum ist die Mundpropaganda zu dieser Zirkusrevue also derart überwältigend? Warum rennen die Leute gleich mehrmals in die Manege? Warum kann man ihn guten Gewissens schon jetzt einen modernen Klassiker seines Genres nennen? Und warum startet der Verleiher clever mittlerweile sogar Sing-A-Long-Vorführungen?
Das ist alles gar nicht so einfach zu beantworten. Denn die Kritiker haben schon recht wenn sie sagen, dass sämtliche Figuren dünn wie Esspapier bleiben, dass man schon besser gefilmte Choreos gesehen hat und vor allem, dass das Theater nur noch minimal mit dem Leben des polarisierenden amerikanischen Visionärs zu tun hat. Alles fast Fakten. Nur ist das egal. Es kümmert den Film und anscheinend die Zuschauer nicht. Denn das Ding ist eine reine Gefühlsbombe. Kitsch im Überfluss, die Aussage über Individualität und Außenseiter alles andere als subtil, nicht jeder Effekt sieht top aus und Zeit für die ruhigen Momente gibt es kaum. Aber es sitzt alles am richtigen Fleck wie Zac Efrons Frack. Broadway wird zu Kino. Klassik verschmilzt mit der Moderne eines Musikvideos. Jede Sekunde verfliegt, jede Emotion, egal wie sehr mit Zuckerguss und Glitzer überzogen, erreichte mich. Nach dem Kino war ich besser gelaunt als vorher. Wesentlich besser. Selbst am (wetterlich) grausten Tag des Jahres.
Hinter all der Gloria und der unübersehbaren Oberflächlichkeit höre ich ein Herz schlagen und seine gute Laune sprang auf mich über. Vielleicht wegen dem fantastischen Soundtrack voller Ohrwürmer, der seit Wochen völlig zu recht durch die Charts tanzt. Vielleicht wegen einem mal wieder ALLES gebenden Hugh Jackman oder vielleicht wegen bezaubernden Nebenfiguren wie Zendaya, die aus Wenig enorm viel herausholen. Wahrscheinlich wegen der gut verrührten Mixtur aus all dem. Kinetisch, magisch, ansteckend positiv drauf. Feel-Good-Kino, das es spielend leicht schaffte, mich über seine Fehler und Eitelkeiten hinwegsehen zu lassen. Wenn der Funke nicht überspringt, dann kann ich einen Verriss absolut nachvollziehen. Doch bei mir und Michael Graceys Regiedebüt (!) hat es einfach gepasst. Fast zentimetergenau. Und keine Angst: man kann "La La Land" und "Greatest Showman" gleichzeitig lieben. Musicalische Polygamie ist nichts, wofür man sich schämen muss.
Fazit: das vielleicht letzte große Musical von 20th Century Fox (nach der Disneyübernahme) ist eine farbenfrohe, gut gelaunte und zugegeben auf den ersten Blick oberflächliche Sensation. Lässt man sich von dem Spektakel und den auf der Stirn getragenen Emotionen und Aussagen allerdings wegspülen, erlebt man Kino in seiner Reinform. Überlebensgross, spektakulär und überwältigend. Ein Publikumserfolg mit mehr Charme und Nachhaltigkeit als man bei seiner Hochglanz-Oberfläche vermuten könnte. Standing Ovation!