Review

kurz angerissen*

Dass „Greatest Showman“ keine richtige Biografie über die äußerst ambivalente Persönlichkeit P.T. Barnum geworden ist – geschenkt. Im Mittelpunkt steht die reine Performance. Der Song, die Choreografie. Die Menschen und ihre Zeit gehen im Kandis der Tanzeinlagen unter; der von Charmebolzen Hugh Jackman gespielte Barnum darf seine wahre Gestalt die meiste Zeit hinter der Show verbergen. Nur selten blitzen seine Schattenseiten auf, und wenn, dann werden sie bei weitem nicht konsequent genug verfolgt. Michelle Williams hat im Zuge dessen nichts Besseres zu tun, als mit den Kindern in der Ecke zu hocken und ihrem Ernährer zuzujubeln. Legitim ist das trotzdem, wenn dafür am Ende eine große Show geliefert wird.

Auch die Entscheidung, Musik des 19. Jahrhunderts in moderne Pop-Nummern zu verwandeln, ist nicht per se verwerflich. In der TV-Serie „Westworld“ hat das beispielsweise mit Hilfe eines Western-Pianos (im umgekehrten Sinn: Moderne Stücke altmodisch aufbereitet) sehr gut funktioniert. Die Bühnennummern im vorliegenden Musical sind spürbar mit dem Schwung der heutigen Zeit aufgezogen. Flotte Trapez-Akrobatik, fliegende Wechsel der Tanzpartner, die meist im Duett, manchmal auch in großen Gruppen auftreten (Zendaya und Efron, Efron und Jackman, Jackman und Williams... hier macht's jeder mit jedem), offensive Kommunikation mit dem Publikum und Momente der Stille, die als ironisch augenzwinkernde Pseudo-Ruhepausen nur den nächsten Höhepunkt ins Visier nehmen. Das Gespielte orientiert sich an zeitgenössischem Pop, der noch einmal extra geschliffen wurde für den großen Sprung vom Musikvideo in die Kinosäle. Was leider auch die mindeste Maßnahme darstellt, um überhaupt noch etwas aus dem gewählten Ansatz zu retten. Schließlich befindet sich die Popmusik dieser Tage auf einem dermaßen erbärmlichen Niveau, dass selbst die auf Hochglanz polierten Nummern der vorliegenden Hollywood-Varieté anmuten wie ein American-Idol-Special mit Zirkus-Kulisse.

Dem verabscheuungswürdigen Ethos gemäß, das Instant-Superstar-Fabriken aus dem Fernsehen regelmäßig an den Tag legen, werden zwischen den geschmetterten Zeilen auch Minderheiten-Themen abgehandelt. Das ehrliche, kraftvolle Statement von Tod Brownings „Freaks“ ist ganz, ganz weit entfernt. Über Barnums Zwerge, Affenmenschen und bärtige Frauen soll vielmehr das Abnormale bestaunt und beklatscht werden, nach dem Motto: Wow, diese fette Frau hat ja eine schöne Stimme! Dieser kleine Wicht hat ja Gefühle! Anstatt jedoch die dadurch erzeugte Sensationsgier vorzuführen (der Zirkus hätte diesbezüglich die perfekte Manege abgegeben), schließt man sich ihr an, vorgebend, die Artenvielfalt zu feiern, ohne jedoch die Selbstverständlichkeit in ihr zu erkennen.

Was macht das aus „Greatest Showman“? Es ist ein okay gesungenes, nett choreografiertes Musical mit extrovertierten Darstellern und hübschen Retro-Kulissen, das aber mit dem Kleister kontemporärer Pop-Muzak nicht gerade heller scheint. Eine Biografie, die sich mit ihrem eigenen Betrachtungsgegenstand keinen Deut kritisch auseinandersetzt; und ein Ausgrenzungsdrama, das bestehende Missstände nicht etwa ausbessert, sondern das Potenzial hat, sie ungewollt weiter zu zementieren.

*weitere Informationen: siehe Profil

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