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Rache als Strafe

Marvel kann auch anders. Dem Vorwurf des Primats der Familientauglichkeit hatte die erfolgreiche Superheldenschmiede zwar schon mit „Deadpool" den Kampf angesagt, aber die ironische Brechung, der trotz aller Brutalitäten und Zynismen fortwährend komische Ton haben die Goutierbarkeit des Ganzen deutlich massenkompatibler gestaltet. Der Pionierarbeit Quentin Tarantinos sei Dank. An Drastik minus Humor traute man sich also bisher nicht heran, bisher. Wieder einmal sorgten die Möglichkeiten der modernen TV-Landschaft für gesprengte Ketten. Vor allem die gut verdienenden Streamingportale eröffneten ganz neue Möglichkeiten der Finanzierung und Refinanzierung. Also nahm man kurzerhand die stalleigenen ABC-Studios mit ins Boot, kontaktierte Streaming-Primus Netflix und gab eine Neuauflage eines der düstersten Eigengewächse in Auftrag: den Punisher.

Der Punisher ist fraglos eine Kultfigur, aber nur in bestimmten Kreisen. Selbstjustiz ist im marvelschen Superheldenzirkus beileibe keine Seltenheit und die Konkurrenz hat mit Batman ebenfalls einen schwarz gewandeten Vigilanten mit sehr speziellem Ehrenkodex an Bord. Der Punisher ist dennoch eine ganz andere Dimension, denn sein Vorgehen ist mit dem der menschlichen Fledermaus kaum vergleichbar. Frank Castle ist ein Killer, seine Rache ist tödlich, ohne wenn und aber. Er tötet auch nicht in einem fiktiven Moloch, bevölkert mit schillernden Gangsterfiguren wie dem Riddler oder dem Joker. Seine Rachefeldzüge verwüsten existierende Straßen, Viertel und Städte, sind deutlich mehr in der Realität verankert und dementsprechend grimmiger. Die bisherigen Kinofilme waren dann auch weit weg vom Blockbuster-Status der deutlich konsumentenfreundlicher angelegten Rächer-Combo um Iron Man, Thor und Captain America.

Der Neuanfang über das TV-Serien-Format ist in mehrfacher Hinsicht eine weise Entscheidung. Hier läuft man gar nicht erst Gefahr, sich in Vergleichsgefechten mit den Kinokollegen eine blutige Nase zu holen. Die für das Funktionieren der Figur unabdingbare Härte und Brutalität muss nicht den Zwängen eines Millionenbudgets geopfert werden und man hat erheblich mehr Zeit, den zutiefst ambivalenten Charakter des Antihelden zu entwickeln, so dass er nicht auf einen schießwütigen Psychopathen beschränkt bleibt. Dafür braucht es natürlich eine zündende Idee, ein schlüssiges Konzept und vor allem einen überzeugenden Cast.

Showrunner Steve Lightfoot sorgte für das entsprechende Triple, wobei die Besetzung von Jon Bernthal in der Titelrolle der entscheidende Streich war. Bernthal wird häufig und gern für unsympathische und zwielichtige Typen genommen, die dazu gern eine permanent schwelende Gewalttätigkeit umgibt. Er ist zudem enorm präsent, weshalb man ihn klugerweise bei seinem Durchbruch in „The Walkin Dead" recht schnell aussortiert hatte, da er drauf und ran war dem deutlich blasseren Hauptdarsteller die Show zu stehlen. Für Frank Castle ist er eine Idealbesetzung, mehr als die bisher beste Inkarnation durch Thomas Jane. Der ist zwar auch kernig und düster, aber trotz allem wesentlich gefälliger, sympathischer und mehr dem klassischen Heldentypen entsprechend. Bernthal dagegen wirkt permanent angepisst und latent bedrohlich, eine tickende Zeitbombe eben. Ihm kauft man den moralisch gebrochenen Ex-Marine mit dunkelster Militärvergangenheit und privaten Schicksalstraumata sofort ab.

Und „Punisher" nimmt sich ausgiebig Zeit, diesen düsteren Charakter in all seinen Facetten zu durchleuchten. Geschickt werden dabei die bekannten Topoi aus den diversen Comic-Varianten mit aktuellen Bezügen verknüpft. Dieser Frank Castle war damit Mitglied einer streng geheimen Spezialeinheit ausgesuchter Elitesoldaten, die im Auftrag der CIA in Afghanistan brisante Informationen beschaffen sollten. In Flashbacks, die gleichzeitig Franks Albträume darstellen, erfährt man nach und nach, dass dabei Mord und Folter an der Tagesordnung waren. Kurz nach seiner letzten Mission werden seine Frau und Kinder ermordet und Frank sinnt seither auf blutige Rache. Die Bezüge zur Terrorbekämpfung der Post-9/11-USA sind evident, in einem engeren Rahmen geht es aber auch ganz konkret um die psychischen Spuren, die diverse Kriegseinsätze bei den Soldaten hinterlassen. Einer von Franks engsten Freunden leitet eine Selbsthilfegruppe für körperlich und seelisch verwundete Veteranen, die immer wieder für den Storyverlauf relevant wird. Die Serie wird damit auch zum Psychogramm einer Nation, die längst ihre Unschuld verloren hat und der in ihren Kriegen für die Freiheit immer mehr ihre Integrität und Wertskala abhanden gekommen ist. Längst ist die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse einer Grauzone aus Gewalt, Gegengewalt und moralischer Untiefen gewichen. Frank Castle steht symbolisch für all diese Verwerfungen, wenn auch in sehr extremer Form.

Dieser komplexe gesellschaftskritische und psychologische Ansatz dient auch der Wahrnehmung der Actionszenen. Anders als in den Filmversionen und den allermeisten Vigilantenreißern verkommen sie hier nicht zum Selbstzweck. Die vielen ruhigen Passagen machen die folgenden Gewaltausbrüche besonders brachial und wuchtig. Und wenn Frank zur blutigen Tat schreitet, dann lässt auch die Inszenierung jegliche Zurückhaltung fahren und richtet teilweise regelrechte Schlachtfeste an, denen man nicht durch Schnittstakkato oder Wackelkamera bequem entfliehen könnte. Hier schlägt der Comicgehalt am deutlichsten durch, nicht nur aufgrund der sehr explizit gezeigten Brutalitäten, sondern auch wegen der nicht minder exaltierten Geber- wie Nehmerqualitäten Franks. Jack Bauer und John Wick geben sich hier ein fröhliches Stelldichein.

Dass dennoch der Eindruck eines grimmigen und düsteren Realismus überwiegt, liegt daran, dass auch viele andere Figuren entsprechend Raum bekommen. Der frühere NSA-Analyst David Lieberman ist wie Castle in Ungnade gefallen und versteckt sich seither im Untergrund, von wo aus er als Hacker „Micro" permanent Daten sammelt, um seine Gegner doch noch zu Fall zu bringen. Gleichzeitig beobachtet er seine Familie- die ihn für tot hält - via geheimer Kameras, um so noch irgendwie an ihrem Leben teilzuhaben. Die beiden bilden eine Zweckgemeinschaft, die sich erst langsam zu einer tiefen Freundschaft entwickelt. Franks unzugängliches Wesen spielt da eine zentrale Rolle, aber auch seine unbeholfenen Versuche Liebermans Familie als Freund zur Seite zu stehen. Lieberman erdet Frank gewissermaßen und legt die letzten Reste an Menschlichkeit immer wieder frei.
Ein innige Beziehung verbindet Frank auch mit seinem ehemaligen Kriegskumpel und Mittäter Billy Russo. Der ist als Besitzer einer privaten Sicherheitsfirma zu Ansehen und Wohlstand gekommen, ahnt aber zunächst nichts von Franks Überleben. Ben Barnes spielt diesen ebenfalls enorm vielschichtigen Charakter als positiven Gegenentwurf zu Bernthals Fuck-you-Attitüde, was ihre Geschichte bis zum Finale enorm spannend hält. Und schließlich ist da noch Homeland Security Topagentin Dinah Madani (Amber Rose Revah), die aus persönlichen Motiven unbedingt die Ereignisse in Kandahar aufklären will und dabei zwischen Frank und Billy aufgerieben zu werden droht.

„The Punisher" ist also mitnichten lediglich ein möglichst brutales Actioninferno - auch wenn dieser Anspruch immer wieder eingelöst wird - sondern eben auch düsteres Charakterdrama sowie unbequemer Kommentar zur Seelenlage der modernen USA als Kriegsnation. Die Rahmenhandlung ist klug konstruiert, wartet aber schon auch mit der ein oder anderen Unglaubwürdigkeit auf, die es einfach zu schlucken gilt. Diverse Subplots und Nebencharaktere führen nicht zu Verwässerung und unnötigen Längen, sondern verleihen Figuren wie Themen mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit. Ob das dem puristischen Comicfan uneingeschränkt gefallen wird, steht auf einem anderen Blatt. Als düsterer und knallharter Kontrapunkt zum ansonsten doch recht bunten und leicht verdaulichen MCU setzt „The Punisher" aber ein dickes Ausrufezeichen und zeugt vom klaren Willen Marvels, auch ein erwachsene(re)s Publikum zu bedienen.

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