Zu den in unseren Breiten noch relativ unbekannten Ländern gehört der Indochina-Staat Kambodscha, der in den 1970ern einen Bürgerkrieg und in dessen Folge ein mörderisches kommunistisches Regime erlebte - die roten Khmer, in deren kaum fünfjähriger Gewaltherrschaft diese an die 2 Millionen Landsleute ermordeten. Während im Nachbarland Vietnam zeitversetzt etwas früher ebenfalls ein verlustreicher langer Krieg tobte - über den die (Kino-)Welt mit Platoon, Rambo, Hamburger Hill und Konsorten den Zuschauer deutlich besser informierte - fand das Schicksal Kambodschas bisher kaum Niederschlag auf den Kinoleinwänden. Niemand anderer als Megastar Angelina Jolie hat sich daher dieses bisher wenig beachteten Themas angenommen und nach ihrem Regie-Debut zugunsten vergewaltigter Frauen im Bosnienkrieg (In the Land of Blood and Honey, 2011) erneut einen Film über Kriegsopfer gedreht. Basierend auf einem autobiographischem Roman der Kambodschanerin Loung Ung, die den Wahnsinn der roten Khmer überlebt hat, schildert Jolie in Der weite Weg der Hoffnung (so die etwas euphemistische deutsche Übersetzung des im Original First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers lautenden Titels) den Einmarsch der im Bürgerkrieg siegreichen Kommunisten aus der Sicht der sechsjährigen Loung Ung.
Loung Ung, die noch zwei Schwestern und einen Bruder hat, wohnt mit ihrer Familie in der Hauptstadt Phnom Penh, als eines Tages im April 1975 die roten Khmer einmarschieren. Neugierig blickt sie mit ihren Geschwistern aus dem Fenster, doch ihre vorbereiteten Eltern drängen sie bereits sanft - alle Einwohner müssen für 3 Tage die Stadt verlassen, angeblich wegen zu erwartender Bombardements der Amerikaner, dann dürfen sie wieder zurück in ihre Wohnungen. Der Auszug verläuft anfangs noch einigermaßen kommod, da Loungs Vater einen Pick-up besitzt, mit dem sie im endlosen Treck der Städter etwas schneller vorwärts kommen. Doch bald wird dieses Fahrzeug requiriert: Angka benötigt es, wie ein bewaffneter roter Khmer mit Nachdruck feststellt - also muß die Familie mit ihren wenigen Habseligkeiten zu Fuß weitermarschieren. "Angka" war die seinerzeit im Sinne eines Pluralis Majestatis verwendete Bezeichnung für die Organisation der roten Khmer: Angka braucht dies, Angka erwartet von dir, Angka ist der Meinung, daß... usw. usf. Und da niemand ernsthaft an Angka zweifeln mochte (zumindest niemand, der halbwegs bei Verstand war) liessen sich mit dieser Floskel sämtliche Forderungen der Kommunisten durchsetzen. Als es Abend wird, ist schon keine Rede mehr von der Rückkehr nach 3 Tagen, dennoch gibt sich Loungs Vater, ein herzensguter Mensch, alle Mühe seinen Kindern die immer unbequemeren Forderungen der neuen Machthaber schmackhaft zu machen oder zumindest zu erklären. Nachdem sie schlußendlich in einem der zahlreichen Arbeitslager gelandet sind und zuvor selbst die jüngste Schwester ihr rotes Kinderkleidchen abgeben mußte, weil es einem Wachtposten gerade so gefiel, macht sich bei den Kindern eine gewisse Ratlosigkeit breit. Laut der kommunistischen Diktion dürfen die Menschen nichts mehr besitzen, selbst die Klamotten, die sie am Leibe tragen, müssen mit einer Strauchfrucht dunkel eingefärbt werden, damit alle (inklusive rotem Halstuch) in einem Einheitslook unterwegs sind, wenn sie tagsüber auf den Feldern unter primitivsten Bedingungen Reis und Gemüse pflanzen und ernten. Bei minimalsten Essensrationen werden Mangelerscheinungen und Hunger bald zum täglichen Begleiter des monotonen Tagesablaufs, und als eine der beiden älteren Schwestern einmal erwischt wird, wie sie ein paar frisch gepflückte grüne Bohnen in den Mund steckt statt sie in den Korb zu legen, hagelt es Ohrfeigen und Schläge für das bedauernswerte Kind, das das unreife Gemüse ausspucken und auf den Knieen um ihr Leben flehen muß. Ähnlich ergeht es dem hungernden Bruder, der sich nachts einmal heimlich aus dem Lager schleicht und von den allgegenwärtigen Wachposten erwischt und blutig geprügelt wird.
Es ist die Kraft solcher (und ähnlicher) Bilder, die den Film auszeichnen - die Gewalt, mit der infolge eines Bürgerkrieges ein mörderisches Regime in das Leben unschuldiger Kinder hereinbricht, sie von gewohnten Sitten und Gebräuchen entfremdet und ihnen schließlich auch die Eltern nimmt - eines Tages stehen zwei rote Khmer vor der Bambushütte im Dorf: Loungs Vater solle beim Bau einer Brücke helfen, Angka verlange dies. Loungs Vater, früher im Dienst der im Bürgerkrieg unterlegenen Partei, hat diesen Tag erwartet. Er weiß sofort, daß dies sein Todesurteil bedeutet, da die roten Khmer seine Vergangenheit herausgefunden haben. Er erbittet sich nur einen kurzen Augenblick, seine Frau und Kinder zu umarmen, dann folgt er schicksalsergeben den bewaffneten Schergen. Niemand im Dorf nimmt von diesen kurzen Momenten Notiz, nur Loung ruft ihm noch hinterher, er solle umkehren, doch er wird nie wiederkehren, er landet - kurz darauf sang- und klanglos ohne Gerichtsurteil oder Zeugen exekutiert - in irgendeinem Massengrab, wie Millionen anderer Kambodschaner, die den Kommunisten irgendwie "aufgefallen" waren. Loungs Mutter, dasselbe Schicksal vor Augen, fasst noch in derselben Nacht den Entschluß, ihre drei Kinder getrennt voneinander fortzuschicken, als verirrte Waisen würden sie vielleicht eine Überlebenschance haben, denkt sie. Und so verlassen die drei Kinder (eine Schwester war schon zuvor mangels medizinischer Versorgung in einem schäbigen Krankenlager verstorben) ihre Mutter - an einer Buddha-Statue, der von den roten Khmer der Kopf abgeschlagen wurde, trennen sich ihre Wege: Der Bruder in die eine, die beiden 7 und 10 Jahre alten Mädchen in die andere Richtung. Fortan müssen sie getrennt zu überleben versuchen, eben dort wo sie "gnädig" Aufnahme finden...
Die wenige Kritik, die beim kambodschanischen Publikum zuhause wie auch in der Diaspora aufkam, betraf ausschließlich die zu wenig drastische Schilderung des Wesens der roten Khmer: So wurden die KZ-artigen Einrichtungen, in denen in kürzester Zeit abertausende dem Regime mißliebige Personen hingerichtet wurden nicht erwähnt, auch das Unwesen der Zwangsverheiratungen, natürlich sexueller Mißbrauch und einige weitere Umstände wurden vollkommen ausgespart - um diese Dinge ging es der Regisseurin allerdings auch nicht, sie wollte - und das wird in den fein komponierten Bildern des Films immer wieder deutlich - die verstörende Wirkung des "von oben" verordneten Steinzeit-Kommunismus auf Kinder abbilden. Loung und ihre Geschwister versuchen so gut es geht, die harte Arbeit abzuleisten und im allgegenwärtigen, von der Partei verordneten Spitzelunwesen keine Fehler zu machen - und dennoch vergessen sie nie ihre Familie, von der beispielsweise Loung nur ein kleines, sorgfältig zusammengerolltes und im Saum ihres Kleides verstecktes Foto geblieben ist. Als geeignet eingestuft, wird sie zur Kindersoldatin ausgebildet - und ihr der Hass auf die vietnamesischen Nachbarn mit rassistischen Kampfliedern eingebläut ("Die Vietnamesen sind wie Kakerlaken"). Als diese nach einigen Jahren (die USA hatten sie zu diesem Zeitpunkt schon aus dem Land geworfen) in Kambodscha einmarschieren, muß Loung erneut Schießereien erleben und im Kugelhagel flüchten. Doch die Vietnamesen kamen als Befreier, und in einem Flüchtlingslager können sie und andere Kinder endlich wieder aufatmen: Kein Drill mehr, keine Schläge...
Es gibt so viele berührende Momente in diesem Film, den man einfach "entdecken" muß. Der US-Amerikanerin Angelina Jolie (die eine gewisse Mitschuld der USA an der anfänglichen Zustimmung der Bevölkerung zu den roten Khmer durch das jahrelangen Bombardement seitens der US-Truppen mittels einiger zeitgenössischer Bilder von Präsident Nixon zu Filmbeginn auch einräumt) ist ein bewegendes Kinderporträt gelungen, vor dessen guter Absicht sowieso, vor allem aber dem Resultat man nur den Hut ziehen kann. Empfehlenswert! 8 Punkte.