Review

GODZILLA-ANIME No. 1

GODZILLA: PLANET DER MONSTER

(GODZILLA: KAIJÛ WAKUSEI)

Hiroyuki Seshita und Kôbun Shizuno, Japan 2017

Vorsicht – das folgende Review enthält SPOILER!

In keinem anderen Land der Welt wird dem Zeichentrickfilm auch nur annähernd eine solche Bedeutung beigemessen wie in Japan – die sogenannten Animes haben sich längst zu einer eigenen, das gesamte Filmgeschäft dominierenden Kunstform entwickelt und decken vom Kindermärchen für die Kleinsten bis hin zu Pornografie und wüsten Gewaltorgien sämtliche Genres ab. Und in keinem anderen Land der Welt treibt sich Godzilla auch nur annähernd so gern herum wie in Japan ... weshalb es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis sich Kaijū Eiga und Animation treffen. 2017 war es so weit: Die Tōhō-Studios produzierten in Zusammenarbeit mit Polygon Pictures bis ins Jahr 2018 hinein eine Godzilla-Anime-Trilogie (wenn schon, denn schon ...), die gemeinhin der Reiwa-Ära des Großen Grünen zugeordnet wird und außerhalb ihrer Heimat zunächst nur Netflix-Abonnenten zugänglich war. Ich könnte nun sagen, dass die vorläufig Ausgeschlossenen nicht viel verpasst haben ... aber ich sag’s nicht, sondern fange von vorn an – sprich bei Godzilla: Planet der Monster (im Original gleichbedeutend Godzilla: Kaijû wakusei), dem ersten der drei Filme.

Irgendwann in der Zukunft: Wir befinden uns an Bord eines gigantischen Raumschiffs, auf dem allerlei Dinge geschehen, mit denen wir rein gar nichts anfangen können. Nun, dann lassen wir’s eben.

Nach den Opening Credits macht uns ein schlecht bebilderter Rückblick erst einmal mit der Lage vertraut: Zum Ende des 20. Jahrhunderts tauchten plötzlich überall auf der Erde gewaltige Monster auf und vernichteten fast die gesamte irdische Zivilisation, obwohl die Menschen während der Kämpfe gegen die Kaijū Unterstützung von gleich zwei (!!) unerwartet eingreifenden humanoiden Alien-Spezies bekam: Sowohl die zuerst aufgekreuzten „Exif“ als auch die kurz darauf erschienenen „Bilusaludo“ boten ihre Hilfe an, um im Gegenzug nach dem Sieg über die Monster auf der Erde wohnen zu dürfen – die Exif sogar mit veritablen Herrschaftsansprüchen.

Aber von wegen Sieg: Kein Geringerer als Godzilla, gegen den schlichtweg kein Kraut gewachsen war, entschied die Auseinandersetzung schließlich endgültig zu seinen Gunsten. Die letzten verbliebenen Menschen, Exif und Bilusaludo ergriffen mit dem riesigen Raumschiff „Aratrum“ (das nach Lage der Dinge einer der beiden Alien-Spezies gehören musste, da die Menschen zu dieser Zeit selbst von Marsreisen nur träumen konnten) die Flucht ins Weltall, um irgendwo in dessen Tiefen nach einer neuen Heimat zu suchen – Hoffnung versprach der Planet „Tau Cetus e“ (sic!). Nun wissen wir also Bescheid.

Und damit in die (zukünftige) Gegenwart: Nach zehnjähriger Reise sieht es an Bord der Aratrum ganz mies aus: Sowohl die Sauerstoff- als auch die Lebensmittelvorräte sind bedrohlich knapp geworden, und Tau Ceti e (sagen wir’s richtig) hat sich als herbe Enttäuschung, sprich unbewohnbar erwiesen. Nun gilt es eine Entscheidung über das kommende Vorgehen zu treffen, und hier kommt der hitzköpfige und aus irgendwelchen auf die Schnelle nur schwer nachvollziehbaren Gründen inhaftierte Kapitän Haruo Sakaki ins Spiel, der als Einziger eine ganz klare Position vertritt: Man solle zurück zur Erde reisen und dort erneut gegen Godzilla ins Feld ziehen – er hätte inzwischen auch eine Erfolg verheißende Idee, wie man das Monster besiegen könne. Nach einigem Hin und Her stellt man fest, dass niemand eine bessere Idee hat, entlässt Haruo unter Vorbehalt aus der Haft und macht sich auf den Rückweg, der dank des verfügbaren Warp-Antriebs zum Kinderspiel wird – ruck, zuck ist man am Ziel (zumindest im Film, was natürlich die Frage aufwirft, warum man für den Hinweg zehn Jahre vertrödelt hat – nur eine von vielen dringenden Fragen, die einem hier über den Weg laufen).

Auf der Erde aber sind inzwischen stolze 20.000 Jahre vergangen (Zeitverschiebung, das ist okay), und unsere einstige Heimat hat sich natürlich inzwischen gewaltig verändert – die Vegetation ist fremdartig und die radioaktiv verseuchte Atmosphäre nicht mehr zum Atmen geeignet. Noch schlimmer ist allerdings, dass ... Godzilla bei bester Gesundheit in der Gegend herumsteht (!!)! Aber es gibt ja Haruo, und der hat bekanntlich einen Plan. Den im Detail wiederzugeben ist schwierig, aber im Kern geht es darum, genau dann, wenn Godzillas elektromagnetischer Schutzschild zum Beispiel durch Stress und Ablenkung eine kleine Schwachstelle aufweist, in diese eine Sonde einzubringen, welche dann von innen, ähm ... irgendwie den Schutz zerstört. So in etwa jedenfalls. Wirklich klappen will das alles ohnehin nicht.

Man entsendet Bodentruppen, die sich schon einmal mit dem Großen Grünen anlegen und ihn unter Beschuss nehmen, aber die Entsendeten müssen sich auch noch mit plötzlich auftauchenden Drachen auseinandersetzen und erleiden im Folgenden beträchtliche Verluste. Als Zuschauer fragt man sich derweil, was die Soldaten glauben lässt, dass sie mit ihren Maschinenpistolen etwas ausrichten können, wenn Godzilla dereinst, also vor 20.000 Erdenjahren, nicht einmal durch das gleichzeitige Zünden von 150 Atombomben über und neben ihm zu töten war (!!! – Tatsache, so will es das Skript). Egal – am Ende wird er nach wüsten und opferreichen Kämpfen mit (vor allem im Vergleich zu 150 Atombomben) nachgerade steinzeitlichen Mitteln besiegt: Man lockt ihn in eine Schlucht und sprengt dann die Felswände neben ihm. Godzilla wird verschüttet. Und da sein „inneres Magnetfeld“ dank der nun doch noch vom todesmutigen Über-Helden Haruo eingebrachten Sonde verrücktspielt, explodiert (!) er ein wenig und alles ist gut ... Oder?

Natürlich nicht – sonst wäre die Veranstaltung ja an dieser Stelle beendet. Hier aber geht’s an dieser Stelle erst einmal richtig los: Aus dem Erdreich erhebt sich nämlich jetzt sehr effektvoll der richtige Godzilla (wobei der vorherige eigentlich auch kein falscher war), und der ist stattliche dreihundert (!!) Meter hoch und nun beim besten Willen nicht mehr von Super-Haruo und seinen tapferen Begleitern zu besiegen. Einen Kampf gegen ihn gibt es dann auch gar nicht erst – der Ganz Große Grüne (oder besser der Ganz Große Dunkelgraue) muss nur einmal kräftig mit dem Schwanz durch die Landschaft wedeln, und schon herrscht Ruhe. Haruo liegt in den Trümmern seines Kampfroboters. Schwarzblende. Aus die Maus.

Beginnen wir mit den positiven Aspekten: Was an Godzilla: Planet der Monster beeindruckt, ist sein kompromisslos umgesetztes ultradüsteres Eingangs-Szenario – immerhin wurde fast die gesamte Menschheit dahingerafft und später im Weltraum geht der Ärger weiter: Als an Bord der Aratrum die Vorräte knapp werden, fasst man den Beschluss, sich von den älteren Passagieren zu trennen – man lässt sie in einem Shuttle nach wohin auch immer aufbrechen und sprengt dieses kurz darauf in die Luft beziehungsweise den luftleeren Raum des Universums. Ganz böse. So unschön dies nun im Detail auch sein mag: Es ist erfreulich, eine erwachsene Godzilla-Interpretation zu sehen. Dumm nur, dass man gerade vom Interessantesten, nämlich dem großen Monsterangriff auf die Menschheit (so ehrlich muss man sein) praktisch überhaupt nichts zu sehen bekommt – die wenigen scherenschnittartigen und als „dokumentarisch“ verkauften, also leicht verfremdeten Bilder, die man von ihm vorgesetzt bekommt, sind keinen Pfifferling wert. Und nach einer Minute ist ohnehin alles vorbei. Statt mitten im wilden Kampf gegen Riesenmonster befindet man sich wieder an Bord der Aratrum – wie schon im entsetzlich ungeschickt konzipierten Prolog. Bei aller Enttäuschung muss man jedoch akzeptieren, dass jetzt erst einmal die Vorstellung der Figuren an der Reihe ist. Wiederum dumm, und diesmal sogar richtig dumm ist nur, dass das Skript in diesem Punkt einen Teufel tut – nichts und niemand wird uns hier vorgestellt. Die Personen sind einfach da, haben in einigen Fällen einen Namen und diskutieren über dieses und jenes. Man weiß zunächst nicht einmal zweifelsfrei, wer hier eigentlich Menschen und Aliens sind (obgleich sie gewissermaßen an einem Strang ziehen, möchte man’s schon wissen). Die Exif erkannt man bald an ihrem einheitlichen Outfit und ihrem androgynen Aussehen, die Bilusaludo aber überhaupt nicht. Da kann man nur raten beziehungsweise sich dieses oder jenes zusammenreimen. Überhaupt: Dass die Begegnung der Menschheit mit gleich zwei außerirdischen Spezies hier eingangs in einem Nebensatz abgehandelt wird, ist schon ein starkes Stück. Und während den Exif noch eine gewisse Rolle bei den folgenden Ereignissen zugestanden wird, interessiert sich das Skript für die Bilusaludo während der gesamten Laufzeit nicht mehr eine Sekunde lang.

Das große Problem dieses Streifen liegt damit auch schon auf dem Tisch: Ein Personal, mit dem man nichts, aber auch absolut gar nichts anfangen kann, blockiert selbstredend den Zugang des Betrachters zum Geschehen – sowohl bezogen auf das grundsätzliche Interesse an der Handlung als auch, und dies ganz besonders, im emotionalen Bereich. Immerhin: Im Verlauf der zahlreichen Scharmützel mit der Riesenechse (respektive den Riesenechsen) und den Drachen wird sehr wohl auch unter den exponierteren Figuren fleißig gestorben, aber es ist einem wirklich vollkommen wurst. Noch schlimmer als Figuren, mit denen man nichts anfangen kann, sind indes Figuren, die einem auf die Nerven gehen – und davon haben wir hier ein Prachtexemplar: Haruo Sakaki ... genau derjenige, dem ganz eindeutig die Protagonistenrolle zugeordnet ist. Dieser Haruo ist ein verbitterter, vom Hass auf Godzilla noch mehr als alle anderen zerfressener, unleidlicher, großmäuliger, überschlauer, unendlich wagemutiger und im Übrigen für seine Funktion viel zu jung aussehender Unsympath, der so aufdringlich zum Superhelden hochstilisiert wird, dass man dazwischenhauen möchte. Mit diesem Haruo ist unseligerweise auch ein Hang zum bitter- bis todernst gemeinten Pathos verbunden, das einem diesen Film bisweilen echt zu vergällen droht. Wenn der Betrachter aber eher Godzilla als dem ausgewiesenen Helden des Treibens die Daumen drückt (ich werde sicher nicht der Einzige gewesen sein, der dazu geneigt hat), dann läuft ganz grundsätzlich etwas schief.

Dass Godzilla erst relativ spät ins Geschehen eingreift, ist derweil nichts Ungewöhnliches – das war in der Vergangenheit schon des Öfteren so und hat den aufrechten Kaijū-Freund nie umgebracht. Während bisher aber immer das Bemühen erkennbar war, einer Art Handlung, so hirnrissig und bekloppt sie auch gewesen sein mag, zu folgen, wird hier entweder pseudowissenschaftlicher Firlefanz dahergeschwafelt (womit man sich phasenweise wieder einmal wie im allerfeinsten Asylum-Heuler fühlt) oder eben mit überwiegend wenig Sinn und Verstand (mich wollen die 150 Atombomben nicht loslassen ...) herumgeballert. Immerhin sind die Actionszenen, die sich gegen Ende in erfreulichem Maße häufen, sehr ansehnlich – zumindest was unmittelbar den (oder die) Titelhelden betrifft. Wenn Menschen, Exif und vereinzelte Bilusaludo mit ihren Flugmotorrädern und Mechas angreifen, dann wirkt das eher etwas albern (ich bin bekanntermaßen kein Mecha-Freund), aber sobald Godzilla selbst und seine spätere 300-Meter-Neo-Inkarnation tätig werden (so bewegungsunfreudig sie auch sein mögen), dann bekommt man Momente von beeindruckender Intensität geboten – so wie man sie auch erhofft hat. Leer geht man hier also bei allen Problemen nicht aus.

Optisch präsentiert sich Godzilla: Planet der Monster eher unauffällig – um es wohlwollend auszudrücken, denn in diesem Bereich hätte man durchaus etwas mehr erwarten dürfen. Der Streifen kommt im normalen TV-Format daher und sieht deutlich älter aus als er ist, was in erster Linie an einem zumindest bei Innenaufnahmen fast permanent vorhandenen leichten bräunlichgrauen Schleier liegt, der selbst den schönsten, detailliertesten und buntesten Hologramm-Computer-„Bildschirmen“, mit denen hier stets und ständig gearbeitet wird, ihre Wirkung nimmt. Eine gewisse visuelle Faszination entwickelt der Streifen nur bei den wunderbaren, von fremdartigen Pflanzen dominierten Schauplätzen auf der seit 20.000 Jahren sich selbst und den Monstern überlassenen Erde. Die technische Umsetzung der Kampfszenen ist derweil seltsam zwiespältig, was sich besonders bei den zahlreichen Explosionen und den mit ihnen verbundenen Rauchwolken zeigt: Hin und wieder (vor allem aus der Ferne) sehen sie ganz ausgezeichnet aus, genauso oft aber auch wirklich billig. An den ohne Zweifel leichter umzusetzenden Weltraumszenen gibt es aus diesem Blickwinkel indes wenig zu nörgeln. Gut so, denn beim Personal geht das Genörgel gleich weiter: Das Charakterdesign ist extrem schlicht gehalten – die Figuren, die wir sehen, sind auffallend detailarm dargestellte und austauschbare Anime-Allerwelts-Standards, denen man genau so auch in allen möglichen anderen Produktionen begegnen könnte. Als Paradebeispiel dafür darf die einzige halbwegs nennenswerte weibliche Mitwirkende Yuko Tani gelten, die nicht den kleinsten Funken von Eigenständigkeit oder Charakter aufweist und in jedem Kinder- und Jugend-Anime besser aufgehoben wäre als in einem Monster-Schocker, in dem sie auch noch eine Soldatin verkörpern soll (auf den ersten Blick ist man nicht einmal sicher, ob es überhaupt eine weibliche Mitwirkende ist). Selbst die Figur des Helden Haruo meint man schon hundertfach gesehen zu haben – ein weiterer Punkt, der nicht gerade für sie spricht. Godzilla aber, um endlich zur Sache zu kommen, hat man so wie hier noch nie gesehen. Jedenfalls nicht ganz so. Natürlich sieht er aus wie Godzilla, aber in der vorliegenden Zeichentrick-Variante ist er deutlich muskulöser und kantiger als üblich, was ihm in manchen Einstellungen durchaus zugutekommt. Schade, dass er so statisch bleibt und fast durchweg nur herumsteht – etwas Bewegung hätte ihm und dem Film nicht geschadet. Auffällig ist derweil, dass er in manchen Szenen sehr räumlich wirkt – was sich mit den ganz der alten Schule verpflichteten zweidimensionalen Figuren und Hintergründen bisweilen heftig beißt. Der Score ist zu guter Letzt um Vielseitigkeit bemüht, bleibt aber, was immer er auch für Motive wählen mag, sehr blass. In manchen Actionszenen scheint er sogar ein wenig nerven zu wollen, aber darüber kommt man hinweg. Eine echte Hilfe ist er allerdings niemandem. Ganz lustig ist hingegen der Abspanntitel „White Out“ von Xai.

Bis dahin ist freilich nichts lustig: Der erste animierte Godzilla-Streifen zeigt sich ungeachtet seines im Kern schlichtweg haarsträubenden Inhalts (so ehrlich muss man sein, aber das ist für den Kaijū-Eiga-Kenner eigentlich gesetzt) als finstere und nachgerade exemplarisch humorlose Science-Fiction-Monster-Dystopie. Aus diesem Nährboden hätte fraglos Großes erwachsen können, aber Godzilla: Planet der Monster gräbt sich mit eklatanten erzählerischen Schwächen, zahlreichen Logikaussetzern und einem bis an die Grenze zur Durchsichtigkeit farblosen Personal leider selbst das Wasser ab. Dem Genre (respektive den Genres) verbundene Filmfreunde sind hier indes noch immer richtig, und nicht zuletzt als Angehöriger dieses Personenkreises hatte auch ich mit dem Anime-Debüt Godzillas einen unterhaltsamen Abend und sehe seiner Fortsetzung mit Neugier entgegen – in die sich allerdings auch etwas Sorge mischt: Mit Blick auf die Trilogie steht die Sache bedenklich auf der Kippe.

(04/23)

Knappe 7 von 10 Punkten unter guten Freunden und mit doppeltem Feiertagsbonus, ansonsten 5 von 10.





Details
Ähnliche Filme