Season 1
erstmals veröffentlicht: 06.02.2019
Die Identifikationsfigur sei der Nerd! Seine Passion sei das Videospiel, sein Genre die Retro-SciFi! Möge er mit seinen wunderlichen Begleitern aus der Polygonwelt unzählige Zeitzonen durchkreuzen, auf dass die Autoren einen endlosen Vorrat an Filmzitaten einarbeiten können. Reichlich soll es zu lachen geben, eher über als mit dem milchgesichtigen Retter der Menschheit. So gebieten es jedenfalls die Experten von der Marktanalyse, sofern der US-Sender Hulu mit seiner neuen Serie einen kommerziellen Erfolg feiern möchte.
"Futureman" hat demnach einfach alles, was in den letzten Jahren beim Publikum eingeschlagen ist wie eine Bombe... und ziert sich nicht, das gesamte Arsenal schon in der Auftaktstaffel hemmungslos abzufeuern. Obwohl der SciFi-Action-Comedy-Mix auf altbekannte Rollenmuster vertraut, allen voran auf den jugendlichen Nixchecker, der vom Versager zum Helden des Tages wird, war wohl kaum ein Serienstart des vergangenen Jahres so typisch "2010er" wie dieser. Insbesondere betrifft das die ausgeprägte Affinität zu allem, was die 80er an Popkultur hinterlassen haben. Aufgrund der allgegenwärtigen Zeitreise-Thematik werden zwar auch mal die 40er oder 60er besucht, erwartungsgemäß spucken die 80er aber die meiste Lava und lassen allerlei unverblümte Zitate ins Bild regnen.
Dass es dabei an Werken wie "Zurück in die Zukunft" oder "Terminator" kein Weg vorbeiführen würde, war vorherzusehen, allerdings hätte man derart bekannte Meilensteine der Popkultur gerne noch subtiler in die Liste der Referenzen einbinden können. So keimt nun der Verdacht auf, dass man sein Publikum für dumm hält (was andererseits natürlich eine korrekte Beobachtung sein mag). Aber machen wir uns nichts vor, wenn der Held bei der Ankunft seiner zeitreisenden Besucher versehentlich auf selbige ejakuliert, ist im folgenden nicht viel Feingespür zu erwarten (ein Blick auf die Regisseursliste mit Seth Rogen erklärt dann auch einiges).
Trotz der bisweilen äußerst primitiven Gangart ist die Einbettung der virtuellen Welt in die unterschiedlichen Zeitebenen der Realität aber streckenweise erstaunlich witzig geraten, was hauptsächlich am gut harmonierenden Main Cast liegt. Josh Hutcherson ist als Mischung aus Marty McFly ("Zurück in die Zukunft") und Morty ("Rick & Morty") die ideale Identifikationsfigur für die durchschnittliche Couchkartoffel. In triangulärer Verbindung mit seinen Co-Stars fungiert er quasi als Weichstelle, die zum Auffanglager für alle Arten von Gags wird. Eliza Coupe könnte auch eine Warrior Princess in der geplanten "He-Man"-Verfilmung spielen, zumal sie die dafür notwendige Ironie unter Beweis stellt. Derek Wilson serviert derweil eine Karikatur von Actionhelden der Marke Michael Biehn und generiert durch den gezielten Bruch von Männlichkeitsregeln einige der größten Lacher, bevor er die Kurbel gegen Ende dann doch ein wenig überspannt. Hinzu gesellen sich schrille Nebenfiguren, von Akteuren wie Keith David, Haley Joel Osmont oder Ed Begley, Jr. teils mit der gleichen Lust an der Selbsterniedrigung verkörpert wie sie Hutchinson an den Tag legt.
Dass die Produktion offenbar nicht über ein grenzenloses Budget verfügte, verstärkt sogar noch einmal den parodistischen Effekt, hat man doch mitunter das Gefühl, eine Reihe von trashigen Kurzfilmen mit Stock Footage und anderen Handicaps zu sehen. Auf ein einheitliches Produktionsdesign oder runde Storybögen wurde anscheinend auch weniger Wert gelegt als auf ereignisreiche Drehbücher mit überraschenden Wendungen. Hier hat man sich vielleicht ein Beispiel an "Ash vs Evil Dead" genommen und versucht, dessen Rhythmus auf ein neues Genre zu übertragen. Hier wie dort ist das mit vergleichbaren Problemen verbunden, die aber stets zuverlässig zu frischen Ideen führen; alleine James Camerons Haus in der Zukunft (mitsamt künstlicher Intelligenz SIGORN-E) ist die investierte Zeit wert.
Aller Konventionsbrüche zum Trotz ist einem Produkt wie "Futureman" die Marktkalkulation natürlich von der Nase abzulesen. Das gut aufeinander abgestimmte Hauptdarstellertrio sorgt aber dafür, dass die ganze Nummer am Ende nicht zu berechnend wirkt.
Während die erste Staffel einen besonders langen Zeitreisetunnel vom amerikanischen Sender Hulu ins deutsche Amazon Prime zu durchqueren hatte, kommt die zweite Staffel nun relativ zeitnah zu uns und fühlt sich dadurch wie ein hastig zusammengebauter Nachklapp an. Man würde jetzt gerne sagen, dass die Qualität der neuen dreizehn Folgen diesen Eindruck schnell pulverisiert; stattdessen bestätigt er ihn. Wo der infantile Humor unverändert auf seinen geistigen Erschaffer verweist, der in der letzten Folge einen nur allzu typischen Gastauftritt absolviert, da reduzieren sich doch leider die Mittel und Wege der Umsetzung; als habe jemand eine Drossel in die Zeitmaschine eingebaut. Wo die erste Staffel noch reich war an bereisten Epochen und zugehörigen Zitaten aus Film und Kultur, da ist die zweite Staffel hauptsächlich reich an Joshs; genug jedenfalls, dass Wolf zu der Feststellung gelangt, die berühmte Nadel im Josh-Haufen gefunden zu haben.
Das ist schön für Fans des Dreigestirns aus Josh Hutcherson, Derek Wilson und Eliza Coupe, denn von ihnen bekommt man mehr als genug in allen möglichen Variationen. Insbesondere Letztgenannte darf ihr komödiantisches Repertoire mit der wirklich gelungenen Darbietung einer geistig minderbemittelten Teenager-Göre aufstocken. Auch Haley Joel Osments Rolle wurde massiv vergrößert. Der ehemalige Kinder-Star, der inzwischen aussieht wie ein junger Al Borland, bereichert das Ensemble mit einer hochmotivierten, sehr physischen Leistung, die ihren Höhepunkt in einer abgefahrenen Musical-Nummer findet, die wie eine Live-Umsetzung eines "Family Guy"-Spektakels wirkt.
Doch bei der Konzentration auf diesen Kern wird nahezu alles andere schwer vernachlässigt. Das Drehbuch beispielsweise entpuppt sich als extrem sprunghaft. Das ist nicht zwangsläufig ungewöhnlich beim Thema Zeitreisen, aber hier werden fragmentarisch neue Ansätze geformt und im Aufbau begriffen wieder fallen gelassen. Und trotzdem ist man gezwungen, endlos viel Zeit an nicht allzu interessanten Orten zu verbringen. Weder der Plotstrang um Wolf und seine vier Ehepartner noch die nicht enden wollenden Zwiegespräche zwischen Tiger und Stu im hell erleuchteten Flügel-Raum sind interessant genug, als dass man immer wieder Zeit dort verbringen möchte. Und dann fällt plötzlich auf: Trotz der vielen Joshs, herrscht nicht doch irgendwie am Ende Josh-Mangel, dafür, dass er immerhin die Hauptfigur ist?
Es gibt natürlich trotzdem wieder eine gute Handvoll guter Gags, aber sie nähern sich aus dem toten Winkel. Das Skript ist zu bruchstückhaft, die Schauplätze zu variationsarm und die Anspielungen auf Popkultur nicht vernetzt genug, als dass der Humor organisch in das große Ganze eingebunden wäre. Um die Eindrücke zu krönen, macht die Abschlussfolge noch mal eben ein neues Fass auf - und eine dritte Staffel, die bereits als finale Staffel bestätigt ist, unumgänglich. Hoffentlich kann der Knoten darin wieder aufgelöst werden; er erscheint nämlich, Stand jetzt, unentwirrbar.
Game of Thrones, erste Staffel, 2012. Tyrion führt seine Krieger zur Schlacht am Grünen Arm, als einer seiner Mitstreiter ihn unbeabsichtigt mit dem Hammer K.O. schlägt. Weil die Szene aus Tyrions Perspektive gezeigt wird, verschwindet die Schlacht hinter dem dunklen Vorhang sich schließender Augenlider. Die zu jenem Zeitpunkt in Sachen Budget noch nicht gefestigte Serie spart sich auf diese Weise geschickt Kosten ein und lässt die Epik vorerst nur in Gedanken aufblühen.
Future Man, dritte Staffel, 2020. Josh befindet sich mit seinen Partnern Tiger und Wolf in einem Aufzug auf dem Weg in eine Kampfarena, wo er zur Belustigung des Publikums gegen unvorstellbare Ungeheuer antreten soll. Während seine Mitstreiter Witze reißen und sich auf das bevorstehende Abenteuer freuen, beobachtet er mit Schnappatmung die sich öffnende Aufzugtür. Blind kreischend läuft er geradewegs ins Licht – und wird nach einem Drei-Meter-Spurt von einem Speer an die Wand genagelt. Auch diesmal gilt das Motto: Hauptsache Geld gespart. Aber im Gegensatz zu Game of Thrones war hier von Epik ohnehin nie die Rede.
Es ist die Abschiedsrunde für das Zeitreise-Bübchen mit dem eingebrannten Stirnfragezeichen, dessen Nachname wie ein onomatopoetisches Kofferwort aus „Future“ und einem knatternden Furzgeräusch klingt. Für Josh Futturman wünscht man sich einen versöhnlichen Abgang, seit er seinen mitleiderregende Erscheinung erstmals den abgehärteten Elite-Besuchern aus einer anderen Welt präsentierte.
Der Abschluss der zweiten Staffel kokettierte mit einem Zuwachs an Budget und Größenwahn, ähnlich wie „Ash vs. Evil Dead“ am Ende der dritten Staffel, wissend darum, dass es keine vierte geben würde. Der ausführende Produzent und Regisseur Seth Rogen trat vor die Kamera und gewährte einen kurzen Ausblick auf eine abgedrehte Variation aus „Rollerball“ und „Running Man“. Doch man kannte die Serie bereits gut genug, um zu wissen, dass es niemals zur Einlösung dieses Tickets kommen würde. „Future Man“ war nie eine Serie der großen Bilder und des Spektakels; sie hat Derartiges durch den unendlichen Vorrat an Kostümen und Drehorten lediglich immer frech vorgegaukelt. Insofern ist es keine Enttäuschung, wenn statt pompöser Bilder aus der prall gefüllten Diecathalon-Arena mit ausrastenden Riesen-Kraken und anderen absurden Kampfgegnern lediglich eine Tentakel-Prothese ins Bild gehalten wird – und ein demolierter Josh, der in einem Kanister voller Heilungs-Gel schwimmt und die Stimme Gottes in seinem Kopf vernimmt.
Die dritte Staffel ist ein Füllhorn von Zeitreisefilmklischees, sich hektisch aufeinander stapelnd, weil sie diesmal in nur vier Stunden beziehungsweise acht Episoden über die Bühne gegangen sein müssen. An die einstmals vorherrschenden Achtziger Jahre erinnern höchstens noch die Diecathalon-Gladiatorenanzüge. Ansonsten dominieren Impressionen mittelalterlicher Gefilde wie bei „Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit“, „Waxwork II“ oder „Just Visiting“ sowie eine von Salvador Dalís surrealistischen Träumen inspirierte Himmelswelt voller verstorbener Prominenter, die im klebrig-süßlichen Farbspektrum von buttergelb bis zuckerwatterosa schimmert. Als Schicksalsberg für das Finale hat man sich den Millenniumswechsel aufgehoben, dessen trostlos-düsteres Ambiente mit pickeligen Hackern und Anspielungen auf das glorreiche Filmjahr 1999 gespickt ist.
In dieser ebenso uneinheitlichen wie abwechslungsreichen Spanne an Sets geht es für das ungleiche Trio darum, die eigene jüngere Vergangenheit zu reüssieren: Wer bin ich, fragt sich jeder Einzelne von ihnen, und vor allem: Wer bin ich innerhalb der Ménage à Trois? Rollen werden getauscht, Gehirne gewaschen und neue Dinge ausprobiert, stets mit diesem pansexuellen Subtext, mit dem das Dreieck zur verschworenen Einheit verschmilzt. Josh Hutcherson, Derek Wilson und Eliza Coupe entwickeln ihre Rollen nicht unbedingt weiter, vielmehr verleihen sie ihre Charaktereigenschaften aneinander und beobachten sich hin und wieder auch mal von außen. Dass dabei auch mal der große Onkel den Besitzer wechselt, gehört dabei zur Normalität in diesem Universum – schließlich hat Josh bereits früh in der Serie das gewaltige Kriegsgerät von Wolf geerbt. Nur ein Symptom einer unwiderstehlichen Dreiecks-Liebesgeschichte mit Verschmelzungsgarantie.
Wer Spaß an derartigen Rollenwechseln hat und auch dem etwas eigenwilligen Humor Seth Rogens nicht abgeneigt ist, kann eine Menge Spaß haben mit der dritten Staffel und wird gegenüber der zweiten vielleicht auch wieder eine Steigerung sehen. Wenn es in das Zusammenspiel mit Prominenten der Marke Osama Bin Laden, Marilyn Monroe, Abraham Lincoln oder Jesus geht, wird es streckenweise schon herrlich bescheuert. Andererseits bleibt es stets eine Interaktion mit reinen Karikaturen. Man vermisst Figuren mit Herz, wie sie etwa von Haley Joel Osment, Ed Begley Jr. oder Robert Craighead vormals zum leben erweckt wurden. Dadurch wirkt das Ambiente ein wenig lebloser als bisher.
Andererseits müht man sich immerhin, den gewaltigen Knoten zu entwirren, den die zweite Staffel hinterlassen hatte. Generell ist es eine schöne Sache, dass man sich darum bemüht hat, die Geschichte um Josh und seine außerdimensionalen Besucher zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Das geschieht zwar nicht mit einem Knall, aber doch mit ansteckender Vorliebe für alberne Rollenspiele und einen entwaffnend flachen Humor, der so niedlich ist, dass man einfach mit ihm lachen muss.