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Max Cohen, menschenscheues und von ständigen Kopfschmerzattacken geplagtes Mathematikgenie, ist von der Idee besessen, dass alles in der Natur auf gewissen Mustern und Schemata basiert und somit durch Formeln dargestellt und berechnet werden kann. Sein Apartment ist eigentlich nur eine einzige selbst zusammengeschusterte Computeranlage, vor der er den Großteil seiner Zeit verbringt, um nach einer Formel zu suchen, mit der man den Inbegriff der Unberechenbarkeit berechnen kann: den Aktienmarkt. In seinem Wahn distanziert er sich immer mehr von der Realität, stößt schließlich auf eine geheimnisvolle 216-ziffrige Zahl, an der auch ein paar skrupellose Börsenmakler und eine Gruppe fanatischer Juden interessiert sind.
Oberflächlich ist der Film ein verworrener Verschwörungsthriller voller zwielichtiger Gestalten mit ebenso zwielichtigen Beweggründen. Unter der Oberfläche ist der Film das Psychogramm eines Einzelgängers, der an der Schwelle zum Wahnsinns diese immer weiter überschreitet. Je näher er seinem Ziel kommt, desto mehr zieht er sich von seiner Außenwelt zurück, desto mehr Anfälle hat er, die er mit umso mehr Medikamenten zu lindern versucht. Er verliert sich in seinen rationalen Denkmustern und seiner Paranoia, sieht in jedem Passanten eine Bedrohung, wird von verstörenden Visionen geplagt, in denen sein Gehirn an Orten auftaucht, an denen es eigentlich nichts verloren hat, so dass am Ende die Frage offen bleibt, was von dem Erlebten nun eigentlich Wirklichkeit war und was sich nur in Max’ Kopf abgespielt hat.
Sean Gullette ist hervorragend, fast schon beängstigend authentisch in der Hauptrolle, und er schafft es, dass der Zuschauer trotz seinen vielen unsympathischen Zügen nicht das Interesse an ihm verliert, obwohl es keine einzige Szene ohne ihn gibt. Aber auch Pamela Hart als penetrante Marcy Dawson, Ben Shenkman als Lenny Meyer oder Mark Margolis als Max’ Mentor Sol sollten hier nicht unerwähnt bleiben.
Dann wäre da noch die technische Seite, die ihr Übriges tut, Max’ Seelenleben so begreifbar wie möglich zu machen. Kamera und Schnitt sind überwältigend, mal ruhig, dann wieder vollkommen hektisch (gerade bei den unruhigen und verwackelten Verfolgungssequenzen in den Gängen der U-Bahnstation wird der Einfluss von Tsukamotos Cyberpunk-Meisterwerk „Tetsuo“ überdeutlich), je nach Gemütszustand des Protagonisten, das ganze in einer Schwarz-Weiß-Optik, die den Namen wirklich verdient hat, denn Aronofsky war darum bemüht, die Kontraste so hoch wie möglich zu schrauben und fast keine Graustufen zuzulassen. Ebenso berauschend wie das Visuelle ist der auditive Teil, sowohl die beunruhigende Klangkulisse, als auch der großartige elektronische Soundtrack, vor allem die Originalmusik von Clint Mansell.
Bei einem Film, der so vor Paranoia, Wahnsinn, düsteren Klang- und Bilderwelten und Bohrmaschinen, die in Köpfe eingeführt werden, überquillt, ist es fast schon gemein, dass Aronofsky seinem Protagonisten einen Ausweg aus dieser Misere verschafft. Ein Happy End sozusagen.
Fazit (das muss sein): Fesselnd, innovativ, überragende Schauspieler, technisch mehr als überzeugend. Ja, dieser Film ist toll.

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