Review

Wenn man in der Schule gerade gehört hat, dass Pi unendlich ist, nimmt man das mit einem interessierten Schulterzucken zur Kenntnis. Oder man richtet sein Leben danach aus und vermutet darin das Muster, das hinter allem steckt.

Wow. So viel Fakten und Pseudowissen zusammengewürfelt und mit wildesten Theorien gekrönt, dass man tatsächlich die ganze Zeit über das Gefühl hat, die Lösung des Weltgeheimnisses zu verfolgen, das System hinter allem, die Antwort auf alle Fragen. Juchhee!
Es ist ein grandioser Trick Aronofskys (oder auch ein billiger, je nach Sichtweise), einen Menschen auf der Suche nach einer Formel zu zeigen, die ohnehin den menschlichen Verstand übersteigt. Man kann also gar nicht kontrollieren, ob das Gezeigte tatsächlich irgendwie einen Zusammenhang erkennen lässt oder nicht. Naja, nur weil ein paar Fakten damit verbunden werden und irgendwie zu passen scheinen, muss doch diese seltsame Theorie nicht stimmen. Oder?

Wie der möglicherweise etwas verwirrte Leser wohl festgestellt hat: Wegen der eigenen Unwissenheit und des Drangs nach einer Lösung wird der Zuschauer in den Film gesogen und schließt sich allen Verschwörungstheorien der Hauptperson an, auch wenn er sich eigentlich bewusst ist, dass da etwas nicht stimmen kann.
Das extrem eigenbrötlerische Mathematikgenie Max Cohen ist genau in dieser Lage (wenn auch auf einem höheren Niveau): Vor seinen Augen befindet sich die Lösung, die Formel, die Antwort. Ganz bestimmt, er fühlt sie! Nur kann er sie nicht greifen. Die Suche danach erfüllt sein ganzes Leben. Diese Manie und seine plötzlich auftretenden rasenden Kopfschmerzen, die mit seltsamen Visionen einhergehen, lassen ihn sich von der Außenwelt so weit wie möglich abschotten: Seine Tür hat vier Schlösser, wenn er seine Wohnung verlassen möchte, wartet er solange, bis niemand mehr im Treppenhaus ist. Die einzige wirkliche Kontaktperson ist sein alter Lehrer Sol. Dieser war genau wie er auf der Suche nach der Lösung, die er ebenfalls in der Zahl Pi vermutete. Kein erkennbares Muster, bis in die Unendlichkeit setzt sich die nie gleiche Ziffernfolge fort - klar, dass das die mathematischen Denker herausfordert.
Allerdings muss man sich jetzt keine Gedanken machen, dass man lieber erst die Lücken im eigenen Mathewissen stopfen sollte, bevor man sich überhaupt an diesen Film heranwagen darf. Aronofsky benutzt Pi nur als Vehikel (wenn auch sehr effektiv, da wunderbar pseudowissenschaftlich), um unsere Frage nach dem letzten Warum zu klären. Dabei ist er ein Meister gefühlter Bedeutsamkeit: Auch wenn man nichts versteht (weil natürlich teils auch gar nichts zu verstehen ist), hat man ununterbrochen das Gefühl, etwas Großen auf der Spur zu sein. Cohen ist nichts als das Destillat dieses suchenden Menschen, die Suche nach Pi das Verlangen nach der Wahrheit, das jeder Mensch mehr oder minder in sich spürt.
SPOILER BEGINN
Das war aber noch nicht alles. Pi hat eine zweite Ebene, die sehr kritisch ist. Cohen wird auf der Suche nach der Wahrheit nach und nach wahnsinnig, seinen Lehrer kostet sie das Leben. Der Rest der Menschheit ist nur darauf aus, aus der Antwort auf alle Fragen Profit zu schlagen - sei es weltlich (die mysteriöse Firma) oder geistlich (die Rabbis). Dabei ist es so einfach. Anstatt sich völlig in die Suche nach etwas zu verrennen, was man letztlich sowieso nicht verstehen kann (oder was gänzlich fatale Auswirkungen hat), darf man ruhig die Scheuklappen entfernen und ungezwungen nach links und rechts sehen. Dann kann man erkennen, dass es tatsächlich Menschen nebenan gibt, sie sich für einen rein persönlich interessieren und dass die Natur auch faszinieren kann, ohne dass überall ein Spiralenmuster erkennen muss. Somit stellt das Ende des Films eine Lösung dar, die ganz anders ist als die, nach der Cohen vorher so fieberhaft suchte. Und nur so kann er Erlösung finden von den Kopfschmerzen, die seinen bohrenden Drang nach Wissen und dessen Schädlichkeit symbolisieren.
SPOILER ENDE

Diese wunderbare Geschichte ist in industrielle Bilder und Klänge gehüllt, die die krankhafte Fixierung weg vom Menschlichen auf das nackte System, auf die Zahl, atmosphärisch transportieren. Am ehesten könnte ich die visuelle Inszenierung mit der von Eraserhead (wenn auch nicht gar so albtraumhaft) vergleichen, doch hat Pi seinen eigenen Stil. Die schwarzweiße Optik wirkt hier noch nüchterner, das Grieseln beunruhigend. Albtraumhafte Bilder verdeutlichen die wirklichen Probleme Cohens, wenn er zum Beispiel in einem Gehirn herumstochert oder schließlich den Bohrer an die eigene Schläfe setzt. Wird er mit dem Zeigefinger zucken?
Die Kamera verwackelt immer wieder das Bild, hebt den Fokus auf, zeigt extreme Close-ups und schneidet wirre Bildfolgen rasend schnell aneinander - so zeigen sich vor allem die Kopfschmerzen, die Cohen vorantreiben, aber auch zugrunde richten. Der Ton unterstützt die kranke Optik nach Kräften: Rauschen, Quietschen, Lärm im Rhythmus der Bilder (in diesen Szenen habe ich mich doch sehr an Tetsuo erinnert gefühlt). Klaustrophobisch wirken die meisten Szenen; Cohen gefangen im eigenen Hirn. Dann wieder seltsam erhabene Bilder, doch auch hier Hektik: Zahlenreihen, Spiralen, Börsenticker, Menschenströme - da muss doch ein System sein, hinter allem versteckt sich doch was! Dazu Mansells minimalistische, aber nichtsdestotrotz gut gelungene Musik, die natürlich auch rein elektronisch ist. Überhaupt zeigt Mansell, offensichtlich Aronofskys Stammkomponist, wie auch in The Fountain (wenn auch dort noch ein Stück besser), was an Können und Einfühlvermögen in die jeweilige Szene in ihm steckt.
Die Schauspieler überzeugen ebenfalls durch die Bank mit ihrer Natürlichkeit (und der bei einigen absichtlich grotesk übersteigerten Klischeehaftigkeit am Ende). Hauptsächlich ist da natürlich Sean Gullete in der Rolle des Max Cohen zu erwähnen, der rundum begeistert. Keine Geste, keine Mimik wirkt hier übertrieben oder fehl am Platze; die große Differenz zwischen der gewöhnlichen Emotionslosigkeit Cohens, dessen plötzlicher Begeisterung bei Fortschritten, der Depression bei Rückschlägen und den wahnwitzigen Ausbrüchen meistert er, ohne je zu wenig oder zu viel Einsatz zu zeigen. Ebenfalls sehr überzeugt hat mich Mark Margolis (beide Schauspieler haben übrigens ihren Auftritt in The Fountain) als Cohens Lehrer, der in seiner Lebensweisheit rundum menschlich wirkt.

Pi ist ein besonderer, ein wichtiger, und trotz aller scheinbaren Exzentrizität überhaupt kein unzugänglicher Film, da er sich um ein Streben, einen Drang dreht, der uns allen innewohnt (ein Thema, das Aronofsky immer wieder verfolgt). Er ist lediglich konsequent, will ihn ins Extreme steigern und uns dessen Folgen aufzeigen. Ist das Unternehmen gelungen? Ja. Muss man sich ihn deshalb ansehen? Auf jeden Fall.

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