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Kurz vor Weihnachten verschwindet in einem kleinen, abgelegenen Dorf in den italienischen Alpen ein junges Mädchen spurlos - auf diesen Fall wird Sonderermittler Vogel (Toni Servillo) angesetzt, ein älterer, mit allen Wassern gewaschener Ermittler, der relativ unnahbar im Stile eines Patrons auftritt und alle möglichen Tricks und Raffinessen einsetzt, um den Täter, den er von Anfang an in der Dorfgemeinschaft vermutet, ausfindig zu machen. Zu seinen Methoden gehören scheinbar zufällig abgegebene Statements genauso wie das Legen falscher Fährten, auch bedient er sich hierzu gerne der Medien, im Speziellen einer bekannten Journalistin, die ihren Part nicht immer zu seiner Zufriedenheit ausfüllt. Mit dem noch nicht lange im Dorf wohnenden Lehrer ist bald ein dringend Tatverdächtiger gefunden, der sich jedoch mit allen Kräften gegen die Vorwürfe wehrt. Noch ist die Leiche des rothaarigen Kindes nicht gefunden, noch hoffen dessen strenggläubige Eltern auf einen glimpflichen Ausgang...

Der nach einem Bestseller-Roman von dessen Autor Donato Carrisi auch als Regisseur gedrehte titelgebende Nebelmann ist eine Legende, ein Phantom aus jener Gegend, ersonnen zu einer Zeit, als mehrere rothaarige junge Mädchen spurlos verschwanden. Damals, vor 30 Jahren, gab es noch keinen Sonderermittler Vogel und die Fälle blieben ungelöst. Hat das Phantom nach 30 Jahren der Inaktivität wieder zugeschlagen, wie es eine ältere Dorfbewohnerin vermutet, die seit Jahrzehnten akribisch privat dazu recherchiert? Oder sind das nur Hirngespinste? Sonderermittler Vogel scheint sich seiner Sache ziemlich sicher, dazu kommen noch ein paar "dumme Zufälle", mit denen sich der Lehrer selbst verdächtig macht.

Das Interessante am Nebelmann sind die vielen kleinen Puzzleteile, die den Zuseher stets miträtseln lassen, wer nun der Täter sein könnte und welches der vielen Details wirklich wichtig ist. Die Welt des verdächtigen Lehrer Loris Martini (Alessio Boni) gerät schwer ins Wanken, er muß sich auch gegenüber seiner Frau rechtfertigen und sieht seine kleine Familie (inklusive Tochter) sich langsam auflösen - sein Kampf um seine Reputation lassen ihn sich den Bart abrasieren und den Schuldienst wieder aufnehmen, so als sei nichts passiert. Einen Kontrapunkt zum dramatischen Kampf des bodenständigen Lehrers setzt die als mondäner Vamp auftretende Journalistin Stella (Galatea Ranzi), die scheinbar eiskalt ihre Quote kalkuliert. Das Drehbuch läßt sich später sogar noch Verdachtsmomente gegen den Sonderermittler einfallen und verwirrt damit den Zuschauer, der bisher an dessen Unfehlbarkeit glauben wollte - immerhin konnten Vogel vor ein paar Jahren anläßlich eines Lebensmittelvergiftungs-Erpressers Unregelmäßigkeiten nachgewiesen werden. Aber wer ist wirklich schuldig in dem verschneiten kleinen Dorf, dessen Panorama öfters in Form eines Holzmodells gezeigt wird?

Der Film beginnt mit dem Sonderermittler im Büro eines örtlichen Polizisten (Jean Reno), der jenen vernimmt, da der Sonderermittler gerade einen Unfall hatte und Blutflecken auf seinem Hemd - dann wird die eigentliche Story in langen Rückblenden erzählt. Für Jean Reno auf dem Cover, der - gemessen an der Screentime - jedoch nur eine kleine Nebenrolle spielt, gibt es den ersten Punktabzug, zwar ist sein Wirken nicht ganz unwichtig, den Film dominiert jedoch von Anfang bis Ende Toni Servillo. Den zweiten Punktabzug gibt es für die nicht ganz stimmige Filmdramaturgie am Ende - nachdem fast 90 Minuten lang in aller Ausführlichkeit Verdachtsmomente präsentiert werden (und manche davon vielleicht etwas zu ausführlich) zieht der Nebelmann in den letzten ca. 30 Minuten dann mit mehreren Plot Twists tempomäßig zu stark an und läßt - nach einem überraschenden Ende - auch einige Fragen offen. Diese Auflösung, die im eigentlichen Sinn gar keine ist, hat mir nicht gefallen. Ohne allzuviel zu spoilern: Es sei angeraten, den Film wirklich ganz bis zum Ende zu verfolgen.

Somit bleibt der Nebelmann ein spannender Thriller, der einen durch die prägnanten Charaktäre zwei Stunden lang durchaus zu fesseln vermag, den man sich jedoch, so man die (unbefriedigende) Auflösung kennt, wohl kein zweites Mal anschaut. 7,4 Punkte.

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