Nicht immer bekommt man zu Weihnachten die Geschenke, die man sich gewünscht hat. Clint Howard jedenfalls schaut wie ein verdutzter kleiner Junge aus der Wäsche, als auf einmal ein halb verbranntes menschliches Kohlestück aus dem Himmel fällt, noch ofenwarm. Wo kommt das denn jetzt her? Sollte Santa nicht gerade im Namen der Franchise Axthiebe verteilen und „Merry X-Mas“ grunzen? Stattdessen jagt er Rudolf mutmaßlich volltrunken über den wolkenlosen hellblauen Himmel von Los Angeles und verliert unkontrolliert Grillgut.
Ho Ho Ho, Plottwist: Es gibt ja gar keinen Weihnachtsmann mehr. Es gibt nur noch Screaming Mad George im roten Fummel, und der hat abgesehen von menschlichem Brennholz auch noch jede Menge Schleim und Rieseninsekten in verschiedenen Geschmacksrichtungen in seinem Sack mitgebracht.
Okkult-Orgie statt Schnitzelplatte: „Welcome to Hell“, im O-Ton unter „Silent Night, Deadly Night 4: Initiation“ eindeutig einer seit 1984 laufenden Slasher-Reihe zugeordnet, unterläuft radikal sämtliche Erwartungen. Gäbe es in den anderthalb Stunden anhaltender Irritation nicht zumindest die ein, zwei besinnlichen Familienwohnzimmermomente, in denen der Hausherr seine „Frauen gehören in die Küche“-, und „Eva ist nur Adams Rippchen“-Glückskekse unter den festlich geschmückten Weihnachtsbaum legt, würde man die übernatürliche Story um eine aufstrebende Investigativjournalistin und einen Neo-Hippie-Zirkel mit Dämonen-Wiedererweckungsfantasien nicht einmal unbedingt als Weihnachtsgeschichte wahrnehmen. Maximal herbstlich-mild mutet die Kulisse an, wenn im Stadtpark gemütliche Picknicks veranstaltet werden und die Kakerlaken nach wie vor hochgradig aktiv durch die Apartmentküche wuseln.
Franchise-Quereinsteiger Brian Yuzna, immer noch neongrün beschmiert von seiner gerade erst beendeten letzten Schicht am „Bride of Re-Animator“-Set, konnte sich auf den bereits existierenden Drehbuchentwurf offenbar nicht wirklich einen Reim machen. Ergo entschloss er sich einfach, Yuzna-Sachen zu machen. Um die pure, reine Essenz der blutigen Klinge zu inszenieren, ist er ohnehin immer der falsche Mann gewesen. Der Horror hat sich unter ihm gefälligst in blumigen Metaphern zu manifestieren, die weit über die Gesetze der schnöden Schneidephysik hinausreichen. Das gilt sogar für die rituelle Opferung, normalerweise DAS Motiv des ultimativen filmischen Todes, das den zeremoniellen Aspekt mit dem Slasher-Genre teilt, unter Yuzna jedoch zu einem formlosen Strudel zerfließt.
Aus diesem Grund hat Yuzna auch wieder seinen „Society“- und „Bride of Re-Animator“-Effektkünstler Screaming Mad George im Gepäck, dessen Arbeit sich für die Gesamtwirkung dieses Streifens noch als essenziell erweisen wird. Kakerlaken von der Größe eines Flachbildfernsehers an der Wand vergisst man eben nicht so schnell, ganz zu schweigen von Clint Howards „Jugend forscht“-Gesichtsausdruck, als er eine schleimige Riesenlarve aus dem Lüftungsrohr eines Hochhausdachs zieht. Und wenn sich schließlich Hände verknoten und Unterleiber einrollen, dann hüpft das Bodyhorror-Herz.
In wohldosierten Einlagen durchziehen derartige Spezialeffekte die komplette Handlung und verleihen „Welcome to Hell“ eine traumartige Stimmung, ähnlich der Rubberband-Reality aus den „Nightmare on Elm Street“-Filmen, an denen Mr. George ebenfalls beteiligt war; nur, dass es diesmal keine verunsicherte Teenagerin, sondern eine erwachsene Frau ist, die sich durch ihren persönlichen Alptraum quält. Neith Hunter steigt gleich mal kompromisslos mit einer wilden Sexszene ein und wuselt dann mit Hummeln im Hintern durch die Handlung, angetrieben von ihrem Wunsch, einen großen Fall aufzudecken, um Karriere zu machen. Mit ihren Outfits und ihrem zur Schau getragenen Skeptizismus nimmt sie in Teilen bereits Gillian Andersons Paraderolle als Dana Scully vorweg, ihren Feuereifer wiederum hat sie David Duchovnys Fox Mulder voraus. Die komplette Akte X in einer Person, kurzum, da steckt schon eine Menge Power in der Hauptrolle.
Auch einige der Nebenfiguren sind interessant; Clint Howard ohnehin, der diesmal einen Weg gefunden hat, völlig irrationales Verhalten ganz selbstverständlich wirken zu lassen, weshalb er es wohl ist, der neben den Spezialeffekten am stärksten in Erinnerung bleibt. Aber auch die staubtrockene New-Age-Darbietung von Ex-Bondgirl Maud Adams („Octopussy“) ist eine echte Schau, und „Mulholland Drive“-Fans werden sich über Jeanne Bates in einer weiteren Creep-Rolle freuen. Sogar Reggie Bannister aus der „Phantasm“-Reihe grüßt recht freundlich aus der zweiten Reihe.
Tommy Hinkley taumelt als leicht unterbelichtet wirkender Freund der Hauptfigur allerdings ein wenig hilflos durch die Gegend und weiß mit Neith Hunter zu keinem Zeitpunkt Schritt zu halten. Seine Figur ist es auch, an der sich viele Probleme des Films festmachen lassen: Miese Dialoge und Ungereimtheiten im Schnitt lassen sich im Wesentlichen immer dann klar benennen, wenn er auf der Bildfläche auftaucht.
Aber auch sonst spürt man Yuznas Hadern mit dem eigenen Stoff. Verkrampft sucht er nach dieser Verknüpfung zwischen der Protagonistin und dem beschworenen Feuerdämonen, um eine feministische Komponente nach dem Vorbild von Heather Langenkamp („Nightmare on Elm Street“) oder Ashley Laurence („Hellraiser“) auszuarbeiten, nicht ohne sie im Stil der Okkult-Thriller der 60er („Rosemaries Baby“) und 70er („Wicker Man“) zu einer geschmeidigen Suspense-Kurve auszuarbeiten. Aber es hakt immer wieder an den wenig durchdachten, bruchstückhaften Plotelementen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass der biologische Horror, der als roter Faden durch die Handlung führt, nach rund einer Stunde doch wieder aufgebrochen wird, wenn die Ereignisse in einer Home-Invasion-Sequenz münden, deren Terror in dem ironischen Grundton ein wenig bitter schmecken kann.
So fährt man vermutlich besser, wenn man „Welcome to Hell“ einfach als krude Geisterbahnfahrt betrachtet, die von ihren soliden visuellen Effekten, ihrem Abwechslungsreichtum, ihren eigenwilligen atmosphärischen Ansätzen abseits weihnachtlicher Stimmung und einem durchaus interessanten Cast lebt… überstrahlt von einem Clint Howard in der absoluten Blüte seiner Exzentrik. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch der erstaunlich kunstvolle Vorspann und der gewohnt dichte Soundtrack von Richard Band. Das macht alles noch keinen runden Film, erzeugt aber unter Umständen zumindest vergnügliches Chaos.