Lords of Chaos lautet der Titel des in einer Retrospektive aus Sicht von Gitarrist Euronymous erzählten Werdegangs der norwegischen Band Mayhem - von ersten kleineren Auftritten zu lokaler Bekanntheit, die mit wechselnden Bandmitgliedern und dem stets nachdrücklich befeuerten Image, wirklich böse zu sein, langsam Kreise zieht. Der zwischenzeitliche Selbstmord des depressiven Sängers wie auch die später erfolgten Brandstiftungen in Kirchen dienten dem Erregen von Aufmerksamkeit, um eine (künstliche) Bewegung - jene des sogenannten true norwegian black metal - zu etablieren. Als dann ein - immer noch bescheidener - Bekanntheitsgrad erreicht ist, spitzt sich das Geschehen zu: Während Euronymous den von ihm initiierten zerstörerischen Satanismus nicht allzu ernst nimmt und ihn für sein Plattengeschäft instrumentalisieren will, wirft der erst später zur Band hinzugestossene Kristian 'Varg' Vikernes, sein Konkurrent um die Vorherrschaft innerhalb der Gruppe, ihm den Ausverkauf und Verrat der Bewegung vor, von dessen Wichtigkeit Varg voll und ganz überzeugt ist. Ein tödliches Spiel um angebliche Wahrhaftigkeit und Gruppenführung nimmt seinen Lauf...
Regisseur Jonas Åkerlund, in ganz frühen Jahren selbst einmal Schlagzeuger bei einer Metal-Band, legt hier auf Basis des 1998 erschienenen gleichnamiges Buches ein recht unterhaltsames Werk vor, das ein offenbar größeres Publikum ansprechen soll und dabei dennoch mittels vieler kleiner und kleinster Details einen authentischen Einblick in einen Teil der norwegischen Black-Metal-Szene Anfang der Neunziger vermittelt (die mir vorliegende erweiterte deutsche Buch-Ausgabe 2007 enthält übrigens deutlich mehr Material, als im Film gezeigt wird).
Euronymous hat also eine Band gegründet und spielt mit tiefer gestimmter Gitarre seine Version des Rock, die sich allerdings wie so oft als brotlose Kunst erweist. Durchaus intelligent überlegt er sich Strategien, die Bekanntheit seiner Band Mayhem ("Chaos") zu steigern, als sich auf seine Suche hin ein neuer Sänger aus Schweden meldet: Death nennt sich der blonde Shouter, der sich perfekt ins Bandgefüge einpasst und seine Auftritte in Clubs mit dem Verspritzen seines eigenen Blutes ins Publikum "würzt" - solche extremen Auftritte fördern die Popularität, wie Euronymous fasziniert zur Kenntnis nimmt. Der neue Sänger jedoch ist schwer depressiv und jagt sich bald selbst eine Kugel in den Schädel, was Euronymous, der die Leiche findet, zu Fotos derselben animiert, die er später für ein neues Plattencover verwenden will. Mitleid? Nein, eher die Faszination, als die-Band-deren-Sänger-sich-erschoss bekannt zu werden treiben den Mayhem-Gründer an, der aus dem zermatschten Gehirn des Toten kleine Schädelstückchen entnimmt, um sie später als Halskettchen den anderen Bandmitgliedern zu überreichen (noch später allerdings erwähnt er, daß dies Hühnerknochen gewesen seien). Ein eigener Plattenladen wird eingerichtet, in dessen Keller sich ein "innerer Zirkel" trifft - hier fängt der geschäftstüchtige Euronymous bald von brennenden Kirchen zu phantasieren an, brennende Kirchen als Symbol für seine true norwegian black metal-Bewegung. Unter den vielen Metal-Freaks, die den Laden und die Konzerte besuchen, ist auch ein eher schüchterner Typ, der ganz offensichtlich mit zum inneren Kreis gehören will - Kristian 'Varg' Vikernes, den anfangs keiner ernst nimmt und der wegen eines Scorpions-Patch auf seiner Kutte verarscht wird. Ein Poser sei er, also einer der verachteten Rockfans, die nur so tun als wären sie besonders hart - aber Varg lernt schnell, und vor allem hört er gut zu: Die krausen Ideen von Euronymous, Kirchen anzuzünden, setzt er erstmals eigenhändig um. Der Bann ist gebrochen, Varg wird in den inneren Zirkel aufgenommen. Im Laufe der Zeit zündet er weitere Kirchen an, wird als Bassist der Gruppe eingestellt und schreibt an Songs etc. mit. Somit entwickelt er sich zum ernsthaften Konkurrenten um die Führung der Gruppe, was Euronymous (nicht öffentlich) auch einräumt. Varg jedoch, dessen Geltungsdrang noch stärker ausgeprägt ist als der von Euronymous, beschließt eines Tages einer Zeitung ein Interview zu geben, um seine als Heilstaten verkannten Verbrechen einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen - natürlich wird er danach verhaftet, und Euronymous muß die Füße stillhalten, was ihm sichtlich schwer fällt. Als aber ein größeres Musikmagazin anruft, verwandelt sich sein Zorn auf Varg, der aus reiner Eitelkeit vieles aus dem inneren Zirkel verraten hatte, in eine Neubewertung der Situation: geschäftstüchtig gibt er Interviews und bietet auch Varg, der mangels Beweisen inzwischen entlassen wurde, einen neuen Plattenvertrag an. Aber Varg hat mittlerweile genug von ihm, er hält Euronymous für einen Verräter an der gemeinsamen Bewegung und möchte reinen Tisch machen. Zudem hat er gesteckt bekommen, daß Euronymous in einem Zornanfall davon gesprochen hatte, ihn (Varg) umzubringen. Das kann er natürlich nicht zulassen...
Das Erfreuliche an Lords of Chaos ist der recht unbekümmerte Stil, in dem der Film abgedreht wurde sowie die reichlich komischen Momente, die die vermeintlich bösartigen jungen Leute als typische Jugendliche auf der Suche nach Identität präsentieren: Euronymous fährt stets in Papas Volvo spazieren, da es für ein eigenes Auto nicht reicht, er redet davon, daß seine Musik die Leute in den Selbstmord treiben soll und phantasiert von der Unterdrückung der ehemals heidnischen Bevölkerung durch die Christen - selbst ist er jedoch zu keiner Zeit in der Lage, seine verquasten Ideen in die Tat umzusetzen: Weder traut er sich auf Konzerten sich selbst zu ritzen (wie der suizidale Sänger) noch eine Kirche anzuzünden - da seine Entourage jedoch eher brav und gedämpft alles abnickt, was der große Maestro da von sich gibt, macht ihn niemand auf diesen Wiederspruch aufmerksam. Erst als Varg auftaucht, entwickelt sich eine Konkurrenz - denn Varg glaubt den Unsinn und handelt danach. Er ist sogar stolz darauf, ins Gefängnis zu gehen, da er zu seinen Taten steht - während Euronymous längst die Notbremse gezogen hat, sich mit einem der ganz wenigen Mädel dieser Szene zusammentut und sich sogar seine langen Haare abschneiden läßt.
Großes Lob muß den Darstellern gezollt werden, denn sowohl die Nebenrollen als auch insbesondere Rory Culkin als Euronymous wie auch Emory Cohen als Varg Vikernes spielen ihre Parts glaubhaft und überzeugend - und hier könnte eine gewisse Kritik ansetzen, denn die beiden bieten trotz der sehr speziellen Thematik wenig Angriffsfläche: zu zahm bzw. vielleicht auch zu verständnisvoll begegnet Åkerlund den beiden, zeigt ihre Motive, ihr eher aus Langweile affektiertes Auftreten und ihre manchmal drolligen (und nicht immer erfolgreichen) Versuche, die Band bzw. ihre "Bewegung" bekannt zu machen. Wenig bis gar nichts wird über die Ursprünge des Black Metal verlautbart, genausowenig über andere Black-Metal-Bands, das so szenetypische corpse-painting oder wie die Fanszene die geschilderten Vorkommnissen aufgenommen und sich weiterentwickelt hat (und bis heute noch teilweise existiert). Auch die Folgen der Brandstiftung werden nicht thematisiert, die der Black-metal-Bewegung innewohnende Misanthropie nicht weiter ausgeführt und die dort häufig - zumindest latent - rechtsextreme, homophobe und xenophobe Gesinnung scheint demzufolge auch nur aufgesetzt: Ein Mord an einem Schwulen, begangen von einem Mitglied des Zirkels, wird als Abwehr eines zudringlichen älteren Mannes dargestellt; Varg hängt sich für das Interview zwar extra eine Hakenkreuzfahne auf, in Euronymous´ Büro jedoch hängt unter vielen anderen Bildern neben Mao und Lenin auch ein gerahmtes Jugend(!)foto von Erich Honecker... offenbar wurde also alles, was nicht dem als langweilig bezeichneten gemäßigten norwegischen Staat entsprach, für die gewünschte Rebellion, für das Anders-sein instrumentalisiert. Im Grunde unpolitische Jugendliche also? Man ist geneigt, dieser Version Åkerlunds Glauben zu schenken, sie ist neben ihrer Glattheit nämlich vor allem eins: versöhnlich. Ob sie wirklich stimmt, sei dahingestellt: Zumindest Vikernes ließ in späteren Interviews eine üble Nazi-Gesinnung erkennen und diente späteren Rechtsrock-Bands damit als Vorbild. Ehemalige Mayhem-Bandmitglieder übrigens haben sich negativ zum Film geäußert, was aber kein Wunder ist, werden sie doch mehr oder weniger als durchgeknallte Kasper gezeigt, die so gerne ernst genommen werden woll(t)en...
Trotz der Überlänge ist Lords of Chaos ein unterhaltsames Drama, das auch "branchenfremde" Seher anspricht und trotz fast zwei Stunden Lauflänge keine Durchhänger aufweist. Einige wenige blutige Szenen sind sehr realistisch dargestellt, weswegen der Film hierzulande den bekannten roten Aufkleber erhielt - insgesamt ein empfehlenswerter Coming-of-Age-Streifen der etwas anderen Art über eine jugendliche Subkultur, der stets zu unterhalten weiß: 9 Punkte.