Zugegeben: Ich war immer zu sehr der Beckenrandschwimmer, um mich in den skandinavischen Rockmahlstrom des Black Metal - Genres zu werfen. Selbsternannte Szeneelitisten und die Befürchtung, doch irgendwie an rechte oder andere Knalltüten zu geraten haben mich immer erfolgreich davon abgehalten, den Kopfsprung ins Brackwasser zu wagen, obwohl mir das Genre seit ich 14 bin hochsympathisch ist: Was kann frau / mann an musikalischer Aggression und postpubertärer lavey'scher Christenprovokation denn bitteschön nicht lieben? Nun, "Lords of Chaos" von Jonas Akerlund zeigt jene Schattenseiten, die selbst hartgesottenen Fans lange vor Filmstart im wundgeschrienen Halse stecken blieben oder zumindest dort stecken bleiben sollten, wenn man kein grenzpsychopatischer Arsch ist. Einige Fans neigen ja dazu, den Extremismus damaliger Szenemitglieder auf's schwarze Blut zu verteidigen und selbst gesittetere Metalheads stempeln die damaligen Gewalttaten gerne mal nur mit einem Schulterzucken und "War halt so." ab. Umso besser, dass Akerlund dieses "War halt so." in deutliche, bedrückende Bilder umsetzt, ohne einem die ganze Szene zu vermiesen. Wobei die Buchvorlage meines Wissens nach weit mehr als nur den Burzum - / Mayhem - Konflikt, hier Kern des Filmes, abdeckt und auch auf unrühmliche deutsche Kapitel wie die Band Absurd eingeht. Aber lassen wir das, ich bespreche schließlich den Film.
Der beginnt mit der späteren Szeneikone Oysteyn Aarseth, meist nur beim Künstlernamen Euronymous genannt. Aarseth war zu Lebzeiten vieles: Satanist, Stalinist, Gitarrist und glühender Fan von Metal, speziell düstereren Truppen wie Venom und Bathory. Direkt zu Anfang erklärt der Getötete uns Zuschauern, dass es kein gute Ende mit ihm nehmen wird und fungiert auch im Rest des Filmes als Erzähler, der von den Proberaumtagen seiner heute legendären band "Mayhem", der Eröffnung seines Plattenladens "Helvete" und ersten Erfolgen in der Szene berichtet. Zuerst alles ein derber schwarzer Streich gegen das norwegische Establishment, dass von blinder Adelsverehrung und dem Einfluss des verhassten Christentums geprägt ist. Das ändert sich spätestens mit dem Verlust von Sänger Dead, der sich das Leben nimmt und dem enttäuschten Austritt von Bassist Necrobutcher, der es Euronymous noch bis heute übel nimmt, wie er mit Deads Tod umgegangen ist (er fertigte aus dessen Schädelsplittern Schmuck an, fotografierte dessen Leiche und aß angeblich sogar Teile seines herausgeschossenen Gehirns).
Auftritt Kristian Vikernes alias "Varg", Heide, Neonazi, Musiker und ebenfalls Black Metal - Fan. Und, wie es der Zufall will, riesiger Fan Mayhems. Der anfangs als schüchterner Poser gezeigte Vikernes wird schnell zu einem engsten Vertrauten Aarseths und darüber hinaus neuer Bassist von Mayhem, hebt aber auch die Messlatte an unmenschlichem Verhalten deutlich an: schon bald brennen Kirchen und mit der feigen Bluttat des Emperor - Drummers "Faust" erreicht der Inner Circle um Hieronymous und Varg einen neuen geistigen Tiefpunkt. Später ist im "Helvete" die Hölle los, zumal Varg mit einem Interview an die Öffentlichkeit geht. Die Freundschaft beider junger Männer zerbricht und was darauf folgte ist mittlerweile nicht nur Szenewissen, sondern ein auch der Popkultur bekanntes Schauermär, gerne von Kritikern genutzt, um eine gesamte Subkultur über einen dreckigen Kamm zu scheren. Und über allem schwebt die Frage, was Authentizität und was Verrat ist...
Wie oben bereits angedeutet bin ich kein großer Szenekenner, habe aber durchaus eine Zeitlang Bands wie Mayhem, Impaled Nazarene und 1349 gehört, wenn ich auch mit diesen Vorlieben in meiner Punkclique von einem Mitstreiter abgesehen iemlich alleine war. Der Film ist eine längst überfällige Antwort auf die gerne zwischendurch mal in die Medien gestreuten Berichte über angeblich satanische und / oder neonazistische Verbrechen in der Szene, die in den allermeisten Fällen von Musikern, seltener von Fans ausgingen, wenn man das traurige Kapitel NSBM (National Socialist Black Metal) mal ausklammert, dass mit der ursprünglichen Szene soviel zu tun hat wie die katholische Kirche mit christlicher Nächstenliebe. Akerlund bringt die wichtigsten Ereignisse in der krankhaften Beziehung zwischen Euronymous / Varg bzw. Mayhem / Burzum auf den Punkt und verschont uns nicht vor der grausamen Realität, macht aber auch keine Anstalten, die Szene zu verdammen, was ich sehr begrüße.
Die Authentiitätsfrage hier ist eine schwierige, da Euronymous, der den Mord von Kumpel Faust an einem Homosexuellen laut Film regelrecht al Schritt in neue Extreme zelebriert hat wiederrum Vargs Schritt an die Öffentlichkeit als Aufmerksamkeitsheischerei verurteilt. Den Konflikt fasst Akerlund abgesehen vom Festhalten auf Film zum Glück nicht mit der Kneifzange an, geht aber sehr wohl auf die Ausverkaufsvorwürfe ein, die sich nicht nur die beiden Hauptbands des Filmes, sondern auch viele andere Gruppen schon vom Szeneanbeginn gegenseitig an den Kopf geschmissen haben und die zum Teil zur Radikalsierung ihrer Protagonisten beigetragen haben durften. Apropos Authentizität: mir ist es unbegreiflich, warum Schwede Akerlund die Hauptrollen mit den Amerikanern Rory Culkin und Emory Cohen besetzt hat. Die spielen die beiden Urväter der zweiten Black Metal - Welle zwar hervorragend, aber dennoch wäre die Wahl eine naheliegendere gewesen.
Alles in allem hat mich der Film aber gepackt und teilweise richtig unangenehm berührt. Gerade die im Film gezeigten Gewalttaten sind auch für Zuschauer mit starken nerven schwer zu verkraften. Die Realität ist immer noch dreckiger und beunruhigender als jeder Film. Muss ich an der Stelle betonen, dass Akerlund Szenekenner ist und dass der Soundtrack (unter anderem deswegen) hervorragend ist? Ich glaube, das sollte allein der Filmtitel geklärt haben. Klar sollte auch sien, dass der Film sich vor allem an Fans oder zumindest Leute mit einem Hauch Ahnung richtet. Und dennoch empfehle ich dieses packende Fanatismusdrama, dass ein unschuldiges Hobby wie Rockmusik in pure Besessenheit ausarten lässt, auch Zuschauern außerhalb der Szene. Das hier ist ein kritischer, aber auch anerkennender Film und kein moralinsaurer Dreck auf Fernsehniveau. Black Metal war und ist wie jede Form von Musik ein Ventil, eine Rückzugsmöglichkeit aus der Realität. Scheinbar aber leider auch eine, die nicht jedem gut bekommt. Aber das ist Schuld des Einzelnen und nicht der Szene.