Mexiko in den frühen 90ern…langsam, aber sicher macht sich Joaquin „El Chapo“ (der Kurze) Guzman (Marco de la O) auf den Weg im Tijuana-Drogenkartell nach oben. Er ist gerissen, sehr ehrgeizig und baut rasch ein weitreichendes Netzwerk aus, welches ihm beim Weg nach ganz oben später immer wieder hilft. Er wächst im mexikanischen Hinterland als Kind armer Bauern auf und fing schon früh an, sich bei der Opium-Ernte zu verdingen.
Allerdings ist er auch jemand, der Alliierte je nach Nutzen über die Klinge springen lässt und sich dabei viele Feinde schafft.
Die mexikanische Netflix-Serie „El Chapo“ erzählt in bislang zwei Staffeln (eine dritte kommt demnächst) vom Aufstieg (und irgendwann auch seinem Fall!) des Drogenbarons El Chapo, dem mexikanischen Pablo Escobar sozusagen. Aber wo Escobar zumindest noch so tat, als würde er sich auch um seine arme, drangsalierte Heimatstadt Medellin kümmern und sich als Wohltäter feiern ließ, ist El Chapo noch egoistischer und auf seinen Vorteil bedacht. Er lebt nicht im maßlosen Luxus, aber regiert mit harter Hand und lediglich seine Söhne (die er von zwei Ex-Frauen hat) lässt er an sich heran. El Chapo ist nicht so schillernd wie Escobar, aber mindestens genauso skrupellos wie der Kolumbianer. Durch seine mangelnde Exzentrik ist er sicher der weniger "unterhaltsamere" der Beiden, somit steht weniger sein Charakter als sein Agieren im Mittelpunkt.
Auf verstörende Weise imponierend ist jedoch, wie souverän El Chapo mit der Staatsmacht mal kollaboriert, sie mal erpresst und dann wieder umgarnt. Sein wichtigster Helfer ist der spätere Sicherheitsminister Conrado Sol (Humberto Busto), dem er immer wieder Konkurrenten und Widersacher verrät, so dass diese im Knast sitzen und ihm nicht mehr in die Quere kommen. Er kauft sich Polizisten und Spezialtruppen wie unsereins T-Shirts oder Zahnbürsten. Jeder ist käuflich, der Preis muss halt stimmen.
So muss er auch für ein paar Jahre in den Hochsicherheitsknast (der neue Präsident will ein Exempel statuieren), kann sich aber nach einiger Zeit über Kontakte nach draußen in einen anderen Knast verlegen lassen, in dem er der große Boss ist… es ist quasi ein Hotelaufenthalt ohne Ausgangsmöglichkeiten.
Die Serie nimmt sich v.a.in der zweiten Staffel viel Zeit, um Chapos Netzwerk zu illustrieren, den Aufbau einer Föderation von anderen, kleineren Drogendealern, mit denen er ein großes Kartell erschafft.
Die Netflix-Serie schwimmt natürlich im Fahrwasser der bekannteren „Narcos“-Serie, aber sie ist nicht wirklich schlechter. Man merkt sicher stellenweise das etwas niedrigere Budget und das Erzähltempo ist stellenweise etwas zu uneinheitlich (so werden größere Zeitspannen am Anfang seiner Karriere großzügig übersprungen, später ist die Schilderung seines Lebens viel detaillierter).
Die für mich beeindruckenste Folge kam in der Mitte der zweiten Staffel, die sich nur um die Opfer des blutigen Drogenkonflikts in Mexiko dreht, der in den letzten Jahren über 80.000 (!) Tote in Mexiko gefordert hat. Zufallsopfer, die in die Mühlen dieses Konflikts gerieten, z.B. eine hübsche junge Frau, die bei dem blutigen Überfall der Narco-Mafia auf eine Disco als zukünftiges „Spielzeug“ einfach mal mitverschleppt wird und die verzweifelte Suche ihrer Mutter nach ihr, ihr aussichtsloser Kampf mit korrupten Polizisten… wahrlich eine zutiefst traurige, erschütternde Episode, die noch einmal dramatisch deutlich macht, wie sehr Mexiko von dem Krebsgeschwür des Drogenhandels durchsetzt ist. Solange es weltweit viele Drogenkonsumenten gibt und solange es massive soziale Ungerechtigkeit in den Herstellungsländern gibt, solange wird sich daran wohl auch nicht viel ändern.
„El Chapo“ hat mich nicht so begeistert wie „Narcos“, dennoch eine sehr sehenswerte, spannende Serie mit guten Darstellern, trotz einiger dramaturgische Holprigkeiten.
Eine knappe 8 von 10.