kurz angerissen*
Frontalansichten kleiner Häuser in beschaulichen Vorstadtgebieten sind eine klassische Lösung, wenn es um Establishing Shots in Komödien geht. So fühlt man sich auf Augenhöhe mit den Charakteren; man müsste im Grunde nur die Straße überqueren und könnte an die Tür klopfen. Bei "Game Night" wird hingegen in cineastischen Dimensionen gedacht: Aus Helikopterperspektive zeigt man uns den computergenerierten Modellbausatz eines amerikanischen Vororts mit perfekt gedeckten Hausdächern, portionierten Gärten und detailliert modellierten Miniaturbäumen entlang einer Straße, die in einer Kreisverkehr-Sackgasse endet. Der Clou: Das Ganze soll an ein Spielbrett erinnern. Als die Kamera schließlich in einer dynamischen Fahrt näher heranzoomt, werden die echten Darsteller sichtbar und das vermeintliche Spielfeld entpuppt sich als gelackte Spießer-Realität.
Ein brillanter Kunstgriff, rein konzeptionell betrachtet. Hitchcock hätte seine Thriller heute wahrscheinlich mit ähnlichen Mitteln präpariert, um doppelte Böden auszulegen, Twists zu garnieren und die Postmoderne zum Brettspiel zu erklären. Und es kommt noch besser: Aufwändig geplante Actioneinlagen in raffinierten Kamerawinkeln eingefangen, Knobeleien, die eher an Escape Rooms als an altbackene Schnitzeljagden erinnern, derbe Knalleffekte und der gelegentliche Ausritt jenseits der Grenzen der Comedy-Blackbox: Das moderne Zielpublikum bekommt ordentlich was geboten.
Nur ist Komödie leider immer ein bisschen eigen, was unterstützende Stilmittel angeht. Je mehr der filmische Rahmen an der Planung der Gags aktiv beteiligt ist, desto weniger Entfaltung bekommen die Darsteller zugesprochen. Comedians waren einmal das absolute Zentrum einer jeden Komödie; von Buster Keaton bis Jim Carrey bestimmten sie praktisch im Alleingang die Art des Humors. Jason Bateman und Rachel McAdams könnte man in diesem Event-Film hingegen relativ verlustfrei austauschen. Heute scheint jeder völlig besessen vom Nerdtum an sich zu sein; von extravaganten, individuellen Persönlichkeiten lässt sich das Publikum weniger anziehen. Und die Filmstudios reagieren darauf. Anstatt es einfach dabei zu belassen, dass sich eine Gruppe von Freunden gerne zu Spieleabenden verabredet, muss in einer Rückblende gleich noch gezeigt werden, dass sogar die Hochzeit von Max und Annie wie ein großer Spieleabend inszeniert war. Das kleinkarierte Spießbürgertum wird zum ironischen Party-Motto. Die Charaktere sind bei dieser Entwicklung aber die Leidtragenden. Sie werden bewusst auf eine einzelne Dimension reduziert, damit man das Produkt vermarkten kann als "der Film mit dem Spieleabend".
Diese Defizite sind allerdings eher eine Krankheit Hollywoods als dieser speziellen Produktion. "Game Night" zählt sicherlich trotzdem zu den besseren Komödien der letzten Jahre. Die Grundidee ist präzise ausgearbeitet, das Tempo ist schnell, die Besetzung hochkarätig und die Wendungen originell. Etwas Abrüstung der filmischen Hilfsmittel, ein wenig Vertrauen in die Alleinunterhalterqualitäten komödiantisch begabter Darsteller wäre allerdings auch mal wieder wünschenswert.
*weitere Informationen: siehe Profil