Review

Das Herz und die Rache Frankreichs

Luc Besson war Ende der 90er noch definitiv der heisse europäische Scheiss, vor allem was Look und Sound betrifft. „Das Fünfte Element“ hatte mich weggeblasen und bleibt bis heute einer meiner Lieblingsunterhaltungsfilme. Und die „neue Sandalen- und Historienwelle“ kam gerade erst richtig in der Filmwelt ins Rollen. Da kam „Joan of Arc“ mit der (selbst mit hässlichster Bubenpottfrisur!) unverschämt attraktiven Milla Jovovich und saß irgendwie mit dem hübschen Popo auf mehreren Stühlen gleichzeitig, die ich damals im Kino nicht richtig auf Reihe bringen konnte… Nun gab's nach fast einem Vierteljahrhundert ein Wiedersehen mit Bessons „Johanna von Orleans“, die Frankreich vor England verteidigte, das ganze Volk mitnahm und dafür auf dem Scheiterhaufen brannte… 

Eine Reevaluierung wert?

Besson ist das Gegenteil eines feigen, Ron Howard'artigen Regisseurs und Handwerkers. Er war schon immer Exzentriker und Künstler. Das macht ihn aus, das beeindruckt, das hat Pro wie Contra. Sein „Cinema de Look“ war jedenfalls prägend für die Neunziger. Nicht immer hatte das Erfolg oder nur Fans - „Johanna von Orléans“ wurde beispielsweise vielerorts verrissen ohne jegliche Bremse. Aber er macht immerhin keine halben Sachen. Eine Art „MTV-Regisseur“ schon bevor Musikvideomacher in die Filmbranche drängten. Und sein Schlachtengemälde über die berühmte Ritterjungfrau, die der Legende nach halb England das Fürchten lehrte, ist da keine Ausnahme. Sicher nicht fehlerfrei. Und von wahrhaften historischen Fakten könnte das kaum weiter entfernt sein. Und dennoch ziehe ich das neueren Historienschinken a la „Gladiator II“ oder „Napoleon“ trotzdem meilenweit vor. Allein als schon in der Einstiegsviertelstunde ein kleines Mädchen (!) an die Wand gespießt (!!) und dann von einem fiesen Engländer tot (!!!) vergewaltigt (!!!!) wird - und er dann auch noch seine zwei Kumpels auffordert es ihm gleich zu tun!!!!! - da wusste ich, dass das hier erstens kein Hollywood war und Besson zweitens wieder mal keine Kompromisse machen würde. Jovovich passt in die naiv-legendäre Rolle und Rüstung. Ausstattung und Sets können sich echt sehen lassen. Die Schlachtenszenen sind äußerst brutal und kinetisch und kreativ. Die Nebendarsteller sind mehr als hochkarätig mit u.a. Cassel, Dunaway oder Hoffman. Und der Film wird nie langweilig, funktioniert als europäisch-dreckige Blockbusterunterhaltung einfach bombig. Trotz seiner dümmlicheren, musikvideoartigeren Momente und Überlänge und der im Grunde mehr als bekannten Story. 

Fazit: sehr unterhaltsam, sehr glänzend und doch dreckig, sehr europäisch, sehr Besson… Manchmal dümmlich, meistens sinnlich. Köstlich verfälschter Geschichtsunterricht done damn fine. Im trashig-spektakulären Popcornsinne. 

Details
Ähnliche Filme