„Was sind schon 46 Minuten Sex in einem eineinhalbstündigen Film?!“
Die französische Komödie „Ein Tolpatsch auf Abwegen“ von Regisseur Georges Lautner („Der Profi“) aus dem Jahre 1976 und mit Komödien-Star Pierre Richard („Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“) in der Hauptrolle nimmt die Filmbranche bzw. ihren Porno-Ableger aufs Korn.
Der glücklose Werbefotograf Francois (Pierre Richard) ist genervt und angeödet von seinem Beruf und fühlt sich zu Höherem berufen. Zusammen mit seinem Freund Mercier (Henri Guybet, „Der große Blonde kehrt zurück“) hat er ein Drehbuch verfasst und ist auf der Suche nach einem Produzenten. In Morlock (Jean-Pierre Marielle, „Sturmtruppen“) findet er einen Interessenten, doch ist diesem das Buch zu anspruchsvoll: Er möchte viel lieber einen Porno daraus machen und er hat auch schon einem Namen dafür: „La Vaginale“. Mercier ist strikt dagegen, doch Francois lenkt widerwillig ein – ohne Merciers Wissen... Er boxt die entsprechenden Drehbuchänderungen an seinem Freund und seiner Frau Christine (Miou-Miou, „Themroc“) vorbei durch und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Direkt zu Beginn zeigt „Ein Tolpatsch auf Abwegen“ eindrucksvoll, weshalb der Beruf des Werbefotografen nicht unbedingt erstrebenswert ist und weckt Verständnis für Francois, als eine Fliege die Käsefotografie empfindlich stört und ins Chaos stürzt. Kein Wunder also, dass er sich nach einer beruflichen Veränderung sehnt. Dennoch hadert er mit seiner schicksalhaften Entscheidung, die Ursache vieler Turbulenzen ist. So hat Mercier zum Beispiel nichts ahnend der Tochter seiner Chefin eine Rolle im Film versprochen. Doch damit nicht genug: Als seine attraktive Freundin Christine von der Sache Wind bekommt, will sie Francois ein Schnippchen schlagen und bewirbt sich als Darstellerin für den Film, ohne dass Morlock von ihrer Beziehung zu Francois weiß.
Daraus ergibt sich die Situationskomik des Films, der karikativ überzeichnet sowohl Filmproduzenten aufs Korn nimmt, die fürs schnelle Geld „Schmuddelfilme“ drehen und an wahren Inhalten schlicht überhaupt nicht interessiert sind, als auch die bizarre Stimmung der Vorbereitungen eines Pornodrehs, in die plötzlich arglose Biedermänner ebenso involviert sind wie zugeknöpfte Entscheidungsträger und Geldgeber. Doch über weite Strecken ist „Ein Tolpatsch auf Abwegen“ nur wenig lustig, stattdessen eher tragisch und dramatisch – was ihm sehr gut tut und Richard auch einmal von einer nur marginal klamaukigen Seite zeigt. So entwickelt man im Laufe der Handlung Verständnis für Francois und Christine und für die Versuche, Kompromisse zwischen allen Parteien zu finden. Zwar hat auch „Ein Tolpatsch auf Abwegen“ seine schlüpfrige Seite, doch wenn Christine nackt beim Darsteller-Casting die Blicke über sich ergehen lassen muss, fließen Tränen. Offensichtlich wollte man Erotikfilme nicht per se verdammen, denn zahlreiche weibliche Nackedeis bestimmen ebenso die Szenerie wie der kritische Blick auf die Pornoindustrie. Ein männlicher Porno-Darsteller freut sich darüber, „mal nicht bumsen zu müssen“ und übt damit subtil Kritik an Erwartungshaltung und Leistungsdruck, der Reduktion sexueller Lust auf eine Ware, während „im großen Finale“ sozusagen alles drunter und drüber geht und der Film zurückkehrt zu absurdem, übertriebenem – dabei komischem – Humor.
„Ein Tolpatsch auf Abwegen“ wird durchgehend spannend aufgebaut, da man als Zuschauer nie weiß, wie das alles ausgehen wird – und wie weit der Film gehen wird. Das ist nicht selbstverständlich für ältere Komödien und trägt entscheidend zum sehr positiven Gesamteindruck bei. Eine mutige, sich eindeutig an ein erwachsenes Publikum wendende Komödie mit teils derber Wortwahl, die gut gespielt den Grenzbereich zwischen harmloser Komik und provokantem Tabubruch auslotet, indem sie sich über eine tabulose Branche lustig macht.
7,5 von 10 Punkte
P.S.: Irritiert hat mich ein Dialog Merciers mit seiner Chefin, in dem er ihr eine Terrorismus-Geschichte auftischt und sie daraufhin von einer „gerechten Sache“ spricht...?! Oder ist Verständnis für gewaltsame, radikale Umwälzungen typisch für Arbeitgeber im Land der französischen Revolution?