Das "open house" ist im amerikanischen ein ganztägiger Besichtigungstermin eines zum Verkauf stehenden Hauses. In einem solchen wohnen seit kurzem umständehalber eine Mutter mit ihrem jungen Sohn, nachdem der Vater überfahren wurde. Da der Verblichene nichts Pekuniäres hinterlassen hat, bietet die Schwester der Witwe ihr und ihrem Sohn eine vorübergehende Bleibe in eben solch einem ihr gehörenden, jedoch zum Verkauf stehenden "open House"-Ferienhaus - das ist die Ausgangslage.
Schon auf der langen Fahrt zu diesem etwas einsam gelegenen Haus in bergigem, bewaldeten Gelände geschehen seltsame Dinge, die sich nach Einzug ins neue Domizil noch verstärken. Der Boiler versagt beim duschen seinen Dienst, ein Handy verschwindet, eine Schüssel Cornflakes ebenso und taucht an einem anderen Ort wieder auf und dergleichen. Als die Kaufinteressenten das Haus besichtigen, müssen Mutter und Sohn einen ganzen Tag aus dem Haus und kehren erst abends wieder zurück, während tagsüber Fremde dort waren. Nicht gerade anheimelnd.
Der Film baut einen langsamen Spannungsbogen auf und fokussiert sich mit zunehmender Dauer auf den Keller. Was verbirgt sich dort? Was hat es mit der seltsamen älteren Nachbarin auf sich, die angeblich verwitwet ist, dann aber von ihrem Mann erzählt? Welche Bedeutung hat eine Bekanntschaft auf dem Parkplatz des Einkaufscenters? Ist gar der für den Boiler herbeigerufene Klempner in die Sache verwickelt? Selbst zwei Polizisten, herbeigerufen als das Telefon nicht mehr zu klingeln aufhören will, können nichts entdecken.
Wirkliche Überraschungen bietet "open house" zwar nicht, aber das setting ist sauber, die Kameraführung - aus verschiedenen Blickwinkeln einwandfrei - und die Spannung wird stetig gesteigert. Zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse, als der nicht zu erkennende Täter sich zuerst zur Mutter ins Bett legt, diese dann fesselt und foltert, und der als "Verstärkung" im Haus übernachtende neue Freund mit durchschnittener Kehle im Auto sitzt... der verbliebene Sohn, durch seine Kurzsichtigkeit (Brille) gehandicapt, wächst adrenalinüberflutet über sich hinaus und will den Täter allein zur Strecke bringen, aber...
...aber. Ja, aber! Die geschilderten dramatischen Szenen spielen sich in der Nacht ab, und dann ist es plötzlich früher Morgen, der Sohn hat es nicht überlebt, Schwenk auf ein neues "open house"-Schild und das wars. Keine Auflösung, nicht einmal der kleinste Hinweis, der Film ist vorbei. Ende.
Ich bin mir nicht sicher, ob dies ein - reichlich unverschämter - Zwang zu einem bald folgenden Sequel sein soll, oder ob da wieder mal ein Drehbuch nicht fertig geschrieben wurde, was bei netflix ja nicht zum ersten mal passiert sein soll. Jedenfalls sehr ärgerlich für den Zuseher! Geneigt, diese Verarschung mit nur 1 Punkt zu bestrafen (welcher aber sachlich nicht gerechtfertigt wäre) gebe ich 4 Punkte für einen Film, der sich mit einem - halbwegs - ordentlichen Ende ansonsten solide 6 Punkte verdient hätte.