Daß der Schein oft trügt, sollte allgemein bekannt sein. In der Welt von Wicked City ist der schöne Schein jedoch nicht nur trügerisch, es tun sich wahre Abgründe dahinter auf. Und die können auch schon mal kräftig zubeißen! Nehmen wir nur mal Taki, einen der besten Mitarbeiter einer geheimen Polizeieinheit. Als er mit einer hübschen Frau nach einem amourösen Abenteuer zufrieden im Bett kuschelt, verwandelt sich seine Sexpartnerin plötzlich in ein groteskes Spinnenwesen, und ihre Lusthöhle, die ihn eben noch heiß und fordernd umschlungen hat, mutiert zur Vagina dentata. Ihre zuschnappenden Zähne verfehlen sein bestes Stück nur um Haaresbreite. Nicht viel besser ergeht es Giuseppi Mayart, einem alten, viel zu kurz geratenen Tattergreis, der sich als Lustmolch par excellence entpuppt. Während des Geschlechtsverkehrs mit einer jungen Masseuse nimmt deren Körper eine gallertartige Konsistenz an. Erst versinken seine Hände in ihren Brüsten, dann droht er selbst mit Haut und Haaren von der zähflüssigen Fleischmasse verschlungen zu werden. Und Makie, Takis neue Partnerin, kann ihre perfekt manikürten, roten Fingernägel zu scharfen Messern verlängern, die eine Reichweite von mehreren Metern haben. Die Frauen in Wicked City sind nicht nur wunderschön und faszinierend, sie sind auch tödlich.
Yoshiaki Kawajiris (Ninja Scroll) ausuferndes Animationsspektakel Yôjû toshi basiert auf dem gleichnamigen, im Juli 1985 veröffentlichten Roman von Hideyuki Kikuchi (Schöpfer der Vampire Hunter D Serie) und erzählt die Geschichte des Geheimpolizisten Taki, der für eine wichtige Mission in Gestalt der schönen Makie eine neue Partnerin zur Seite gestellt bekommt. Die beiden müssen den oben erwähnten Lustmolch Giuseppi Mayart, eine ungeheure, ständig plappernde Nervensäge, beschützen, der nach Tokio gekommen ist, um ein wichtiges Bündnis zu verlängern, dessen Gültigkeit eben abgelaufen ist. Bei diesem Pakt geht es um die geregelte Koexistenz zwischen der Menschheit und der Black World, der Welt der Dämonen. Allerdings gibt es im Reich der Dämonen nicht nur Befürworter des harmonischen Zusammenlebens mit den ihnen klar unterlegenen Menschen, und diese finsteren Wesen gedenken, den Vertragsabschluß zu sabotieren, mit allen Mitteln. Was den aufgekratzten Giftzwerg Mayart zur scheinbar leichten Zielscheibe macht. Doch, wie schon geschrieben... oft trügt der Schein. Indes haben die Agenten Taki und Makie (ersterer ist ein Mensch, letztere stammt aus der Black World) alle Hände voll zu tun, um die heimtückischen Attacken ihrer brandgefährlichen und vor nichts zurückschreckenden Gegner abzuwehren. Es wird eine lange, ereignisreiche Nacht.
Auch wenn die Verquickung von Sex und Gewalt zu keiner Zeit solch überbordende Ausmaße annimmt wie in den Urotsukidôji- bzw. den Angel of Darkness-Filmen, so wird das hier Gezeigte dem durchschnittlichen Mainstreamfilmgucker dennoch als viel zu abartig und pervers erscheinen. Zwar ist die erzwungene Penetration des Mundes einer hilflosen Frau mit einer phallusartigen Zunge die einzige, explizit dargestellte Vergewaltigungsszene, allerdings ist die im Folgenden, mehr als nur angedeutete (stundenlange?) Schändung der Unglücklichen durch dämonische Wesen ähnlich unangenehm geraten. Und die detaillierte Zurschaustellung der Vagina dentata, die zwischen den Beinen der Spider-Woman obszön auseinander klafft und schleimiges Spinnengewebe verschießt, sollte beim unbedarften Animationsfilm-Fan, der Zeichentrick üblicherweise mit Disney verbindet, das Kinn merklich absacken lassen. Nein, mit diskreten Andeutungen gibt sich Wicked City nicht ab. Es wird gezeigt, was möglich ist, ohne allzu sehr ins Pornographische abzugleiten. Und diese lustvolle Zeigefreudigkeit betrifft nicht nur den Sex, sondern auch die dargestellte Gewalt und die bizarren Mutationen, die wohl selbst Body-Horror-Maestro David Cronenberg ein anerkennendes Grinsen abringen sollten.
Da explodiert das dämonische Innere förmlich aus einem menschlichen Tarnkörper heraus. Das Fleisch wuchert und bildet neue, monströse Formen. Aus einem geöffneten Bauch schießen zahlreiche Tentakel. Ein kleiner, aus einer weiblichen Brust gesaugter Parasit entwickelt sich blitzschnell zu einem riesigen Monster. Ein abgetrennter Kopf torkelt auf tentakeligen Auswüchsen, an deren Enden Augen/Münder sitzen, durch die Gegend. Der Bauch einer Frau platzt vertikal auseinander, woraufhin das Wesen ein "Now, come into my body" haucht, um den Gegner in die schleimspritzende, mit grellweißem Licht gefüllte Öffnung zu locken. Und ein harmlos scheinender Schatten verschluckt seine Opfer, saugt sie in eine Art Zwischenwelt. Ja, die Schauwerte sind so beachtlich, daß man sich an der nicht gerade überragenden Animation kaum stört.
Doch trotz all der bizarren Bilder, in denen Kawajiris stilistisch eindrucksvoller Film schwelgt, sollte man nicht den Fehler machen, Wicked City auf ein bloßes Sex-, Gewalt- und Mutationsspektakel zu reduzieren, da er auch ansonsten erstaunlich viel zu bieten hat. Das Neo-Noir-Flair, in welches das Szenario getaucht ist, gefällt, die kinetisch inszenierten Actionszenen haben eine enorme Wucht, die mysteriöse Geschichte ist nicht nur interessant, sie wurde auch packend umgesetzt, und überraschenderweise gelingt es Kawajiri sogar, seine Hauptfiguren dem Zuseher so nahe zu bringen, daß er mit ihnen mitzufühlen beginnt. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit in einem Film wie diesem. Dazu kommt ein solider Score mit zwei netten, von Hitomi Tooyama geträllerten Songs (Hold Me in the Shadow & It's Not Easy), eine kraftvolle Farbgestaltung (vornehmlich rot, blau und schwarz), die den surrealen Einschlag des Streifens noch unterstreicht, und ein toller Twist gegen Ende, der das Geschehen zwar nicht auf den Kopf stellt, ihm aber eine schöne neue Perspektive verleiht. All das macht Wicked City zu einem der besten japanischen Animationsfilme, die den Konflikt zwischen Menschen und Dämonen thematisieren. Im Jahre 1992 versuchte sich Peter Mak Tai Kit in der Tsui Hark-Produktion Yao shou du shi (The Wicked City/Mutant City) an einer Live-Action-Adaption der Vorlage. Doch das ist eine andere Geschichte.