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Grenzgänger sind eigentlich Pendler, die im Nachbarstaat arbeiten und spätestens am Wochenende im Inland übernachten. Hinsichtlich der vorliegenden polnischen Produktion, deren Geschichte nah an der ukrainischen Grenze angesiedelt ist, erhält der Begriff jedoch eine gewisse Doppeldeutigkeit, auf die im Verlauf leider kaum eingegangen wird.

Mateusz, ein ehemaliger Grenzsoldat, bezieht mit seinen Teenager-Söhnen Janek und Tomek eine geräumige Hütte, die einst als Kriegsgefangenenlager diente. Direkt nach ihrer ersten Übernachtung landet ein halberfrorener Fremder bei ihnen, der sich als Konrad ausgibt und etwas von zurückgelassenen Menschen murmelt. Mateusz fixiert Konrad mit Handschellen am Bett und begibt sich auf die Suche, während seine Söhne auf den Fremden aufpassen sollen…

Im Kern geht es darum, seinen Mann zu stehen oder zumindest das, was Autor und Regisseur Wojciech Kasperski damit verbindet. In der Eingangssequenz fährt Mateusz ein Reh an, woraufhin er Janek auffordert, das Tier vom Leid zu befreien. Bereits hier ist erahnbar, dass sich eine solche Szenerie in ähnlicher Form noch einmal abspielen wird.
Problematisch ist dabei allerdings, dass die Familietragödie mit der Mutter nur angedeutet wird, es gibt keine Hintergründe, nicht den Hauch einer Vorgeschichte, wodurch nur schwer Empathie aufzubauen ist.

Hinzu kommen mehrere negative Verhaltensweisen der Hauptfiguren, welche einen Sympathiefaktor unmöglich machen. Mateusz etwa nötigt seine Sprösslinge zum Trinken harter Spirituosen, während die Brüder stets grundlos aufeinander herumhacken, was auch schon mal zu einer blutigen Hand führt. Als Konrad schließlich erwacht, machen die Jungs so ziemlich alles falsch, was in so einer Situation falsch gemacht werden kann.
Das ärgert zunächst mehr, als dass es Spannung erzeugt.

Ohnehin weiß Kasperski mit der Mixtur aus Charakterdrama und Thriller lange Zeit nichts anzufangen, selbst die Aufteilung in zwei parallele Handlungsstränge wirkt sich dramaturgisch kaum aus. Erst im letzten Drittel, als die Fäden gewisser Beweggründe aufgrollt werden, kommt ein wenig Suspense ins Spiel.

Derweil vermag die klaustrophobische Atmosphäre durchaus zu zünden, der insgesamt soliden Kamera gelingen einige Aufnahmen der verschneiten Natur und auch der überwiegend zurückhaltende Score wirkt sich positiv auf die beklemmende Stimmung aus. Darstellerisch ist nichts anzukreiden und auch die Synchro geht in Ordnung.

Irgendwo zwischen Coming-of-Age und Home Invasion pendelt Kasperskis erster abendfüllender Spielfilm, dem überraschende Einlagen genauso abgehen wie intensiver Nervenkitzel. In einigen ruhigeren Momenten deutet sich an, was mit tauglichen Figurenzeichnungen möglich gewesen wäre, doch am Ende lässt einen das Treiben beinahe so kalt wie die dazugehörige Winterlandschaft.
5,5 von 10

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