Review

Staffel 1

Eine schrecklich zugerichtete Leiche, geköpft und ohne Genitalien erinnert Inspektor Feracci (Pascal Demolon) an einen weit zurückliegenden Fall einer Serienmörderin, den er vor gut 25 Jahren abschließen konnte. Damals gelang es ihm, die von der Presse als La Mante (die Gottesanbeterin, ein räuberisches Insekt) bezeichnete Jeanne Deber (Carole Bouquet) zu überführen, die insgesamt 8 grausame Morde gestand. Seitdem sitzt die Killerin, die ihre nicht zufällig ausgewählten Opfer mit unterschiedlichen, jedoch immer äußerst grausamen Methoden zu Tode folterte, in Einzelhaft. Für die Öffentlichkeit wurde sie nach einem Flugzeugabsturz für tot erklärt, was hauptsächlich dem Wunsch ihres Sohnes Damien geschuldet war, der mit seiner mörderischen Mutter ein für alle mal gebrochen hatte. Damien änderte seinen Namen, wurde Polizist und ist heute als Undercover-Agent bei der Drogenfahndung tätig.
Da obiger Mord schon der dritte ist, der exakt nach demselben Muster wie dereinst von La Mante ausgeführt wurde, vermutet  Inspektor Feracci einen Nachahmungstäter, der allerdings über Insiderwissen verfügen muß, da die neuerlichen Morde Details beinhalten, von denen Außenstehende nichts wissen können. Er kontaktiert die inhaftierte La Mante und schafft es, sie zur Mitarbeit zu bewegen, den Nachahmer zu fassen - ihre einzige Bedingung ist jedoch, daß ihr Sohn Damien die Ermittlungen leitet. Der hat dazu begreiflicherweise überhaupt keine Lust, hat er doch nicht einmal seiner jetzigen Frau Lucie (Manon Azem) von seiner Mutter erzählt, für die er sich so sehr schämt, daß er nicht einmal Kinder möchte, um nicht die "schlechten Gene" weiterzugeben. Doch schließlich läßt er sich überreden und spricht zum ersten Mal seit Jahren mit der Serienkillerin, deren knappe Kommentare vor allem in Hinblick auf einen weiteren, vierten Mord dem kleinen Team wertvolle Hinweise liefern. Oder spielt La Mante nur ein ganz besonders perfides Spiel, indem sie einen Adepten draußen ihre 25 Jahre zurückliegende Mordserie wiederholen läßt?

Die französische Krimi-Produktion La Mante steigt gleich mit der ersten Szene mitten ins Geschehen ein und liefert in 6 Portionen zu je etwa 52 Minuten eine wendungsreiche Jagd nach einem Serienkiller, der sich freilich in vielerlei Hinsicht bei bekannten Vorbildern wie Das Schweigen der Lämmer oder Se7en bedient. Obwohl es den Drehbuchautoren nicht an Ideen mangelt und auch geschickt falsche Fährten gelegt werden, um das Publikum, welches das Geschehen meist aus der Perspektive von Hauptdarsteller Damien mitverfolgen darf, zu verwirren, bleibt zum Schluß doch ein etwas zwiespältiger Eindruck anhand eines wenig befriedigenden Finales und einiger Logiklöcher zuvor.

Das liegt zum einen an den Darstellern, von denen Carole Bouquet in der Titelrolle als eiskalte Serienmörderin, die dann und wann emotionale Momente zeigt, einfach nicht als die charismatische Mörderin, die sie darstellen soll, rüberkommt. Auch der Inspektor mit dem zerknitterten Gesicht (Feracci), der aus den 1970er Jahren übriggeblieben scheint, wirkt seltsam deplatziert - von den viel zu wenigen Teammitgliedern, die an so einem Fall zu arbeiten haben (nur ein Computerspezialist, ein Telefonoperator, ein Observierer und eine nervige, wenig kompetente Beamtin, die hauptsächlich gerne selbst Teamleiterin wäre) gar nicht zu reden. Mit diesen wenigen "Spezialisten" muß Damien, der eigentlich Drogenfahnder ist, nun Mordkommission spielen und einen hochintelligenten Killer, der der Polizei stets einen, wenn nicht zwei Schritte voraus ist, zur Strecke bringen.

Ein anderer Aspekt ist das anscheinend(?) nicht allzu hohe Budget des Films, denn die Wachstube mit ihrem oft präsentierten Gang und den Dienstzimmern sieht verdächtig nach einer Schule oder einem Hotel aus, und statt Fahndungsplakaten neben großen Aktenschränken hängen dort Gemälde an der Wand über meist sehr aufgeräumten Schreibtischen. Besonders der "Präfekt", bei dem sich Feracci immer das OK für manch unorthodoxe Aktion holen muß, scheint in einer veritablen Luxussuite zu logieren.
Dazu kommt, daß sich das kleine Team stets alleine auf den Weg macht, nie Unterstützung von einem SWAT-Team holt (gerade mal in einer Szene am Schluß sind ein paar wenige Schwerbewaffnete zu sehen) wie überhaupt kaum Massenszenen mit Blaulichteinsatz vorkommen; Triangulation zur Handyortung scheint ebenfalls ein Fremdwort zu sein und Hubschrauber waren wohl ohnehin zu teuer. Daß die Polizei (hier das kleine Team) darüberhinaus wieder einmal etliche taktische Fehler begeht (so sollen z.B. ganze zwei observierende Beamten das Haus des Hauptverdächtigen stürmen, der noch dazu eine Geisel hat), gehört dagegen bei vielen Krimi-Reihen fast schon obligatorisch dazu.
La Mante selbst ist während der Klärung des Falles auf einem streng abgeschirmten Herrensitz untergebracht, dessen Fenster und Türen mit schmalen Käfigen gesichert sind - zur Bewachung ist genau ein Mann vor Ort, der sich 24 Stunden lang um die Schwerverbrecherin zu kümmern hat. Klar, daß dieser Wächter auch einmal übertölpelt wird - mittels eines übrigens sehr fein ausgeklügelten Plans (Stichwort: Insektenkot), obwohl ein Ausbruch mit Sicherheit viel einfacher zu bewerkstelligen gewesen wäre.
Weiters ist die hier allgemein schlechte deutsche Netflix-Synchro zu bemängeln, bei der die Sprecher zum Teil falsch betont  synchronisieren bzw. ihre Texte lieblos ablesen - diesen Mangel kann man der französischen Produktion allerdings nicht anlasten.

Postiv zu erwähnen bleibt neben dem durchaus abwechslungsreichen Drehbuch mit einigen Plot Twists auch die Sorgfalt, mit der z.B. die verunstalteten Leichen graphisch überzeugend hergerichtet wurden, um dann - für meinen Geschmack - viel zu kurz im Bild gezeigt zu werden. Auch setzt man sich zu wenig mit der Vorgeschichte der Opfer auseinander, was dem öfters dezent vorgetragenen Anliegen von La Mante, sie habe mit ihren Morden dereinst die Gesellschaft von "widerlichen Subjekten" befreit, während der Nachahmer wahllos irgendwelche Leute niedermetzelt, eher abträglich scheint.

Fazit: Ein Serienkiller-Krimi mit einigen produktionstechnischen Schwächen und nicht sonderlich überzeugenden Akteuren, prinzipiell spannend mitzuverfolgen mit einem allerdings nicht wirklich überzeugenden Ende. 6 Punkte.

Details
Ähnliche Filme