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Der erste Dresdner „Tatort“ des Jahres 2018 ist zugleich der erste nach Hauptdarstellerin Alwara Höfels‘ Bekanntgabe, bereits wieder aus dem Format aussteigen zu wollen – aufgrund „unterschiedliche[r] Auffassungen zum Arbeitsprozess“ und eines „fehlenden künstlerischen Konsens“. Auch der Hauptautor der Dresdner Episoden, Ralf Husmann („Stromberg“), hat das Handtuch geworfen, nachdem man in Dresden weg vom Komödiantischen, hin zum konventionellen Krimi umschwenken wollte. An Stelle seiner verfassten Mark Monheim und Stephan Wagner das Skript zu „Déjà-vu“, das vom bisher jüngsten „Tatort“-Regisseur, dem Studenten-Oscar-Gewinner Dustin Loose, inszeniert wurde. Es spricht also vieles dafür, dass dieser „Tatort“ in die Hose hätte gehen können. Doch es kam ganz anders:

Die Geschichte über einen Kindermord, begangen von einem Päderasten, wird mit der nötigen Sensibilität erzählt. Dabei vergisst man auch die Emotionalität nicht, ganz im Gegenteil: Die emotionale Betroffenheit in ihren verschiedenen Facetten, die ein solch unfassbares Verbrechen auslöst, zieht sich durch sämtliche Figuren dieses „Tatorts“: Der aufbrausende Stiefvater (Jörg Malchow, „Spuk am Tor der Zeit“) des Ermordeten gerät mit den den Fundort absichernden Polizisten in Konflikt und macht sich später selbst strafbar, als er auf den vermeintlich pädophilen Schwimmlehrer (Niels-Bruno Schmidt, „Bermuda-Dreieck Nordsee“) des Jungen losgeht, der jedoch Opfer falscher Anschuldigungen wurde – und dabei Hauptkommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) gleich mit ins Krankenhaus befördert. Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) hadert nach wie vor mit dem ähnlichen, drei Jahre zurückliegenden Fall des gleichaltrigen verschwundenen Jakob Nemec, dessen Eltern Matej (Jörg Witte, „Hirngespinster“) und Julia (Anna Grisebach, „Nachthelle“) angesichts des aktuellen Falls hellhörig werden. Von sensationslüsternen Boulevard-Journalisten wird Schnabel immer wieder auf Jakob angesprochen und fast schon verhöhnt, was Schnabel nicht auf sich sitzen lassen möchte und u.a. in einer spontanen Brandrede die Lockerung datenschutzrechtlicher Bestimmung einfordert, um z.B. DNA-Spuren besser auswerten zu können. Zu einem späteren Zeitpunkt erinnert Sieland ihn an Gründe für diese strengen Vorschriften. Durch das Gegenüberstellen beider Positionen greifen die Dialoge eine aktuelle Debatte auf. Bei Hauptkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) liegen die Nerven blank, als sich ihr Sohn ihres Erachtens etwas zu sehr mit ihrem Nachbarn anfreundet, mit dem sie eine frische Affäre unterhält – die prompt darunter leidet, vermutlich gar zerbricht. Und während der Täter (Benjamin Lillie, „Dead Man Working“) sich bereits sein nächstes Opfer ausguckt, weiß dessen attraktive Freundin (Alice Dwyer, „Kombat Sechszehn“) eigentlich sehr genau Bescheid, will es jedoch nicht wahrhaben…

Es ist brütend heiß in diesen Dresdner Tagen. Die flirrende Hitze macht ohnehin schon allen zu schaffen und dann bricht auch noch eine solche Tat über der Stadt herein. „Déjà-vu“ wird ein Stück weit zu einem Porträt einer Stadt im emotionalen Ausnahmezustand, heruntergebrochen auf einige durch den Fall miteinander verknüpfter Charaktere. Das Whodunit? wird schnell aufgelöst, fortan bleibt man im Krimi/Thriller/Dramen-Mix nah an den Ermittlungsarbeiten der Polizei – mit all ihren Widrigkeiten, letztlich aber auch Erfolgen. Jung-Regisseur Loose überzeugt dabei überraschend auf fast ganzer Linie, denn das richtige Timing, Dramaturgie und Spannung scheint er locker aus dem Ärmel zu schütteln. Die Kamera darf hin und wieder zeigen, was sie kann, ohne sich dabei allzu sehr in den Vordergrund zu drängen: Unterwasseraufnahmen in Zeitlupe, ausdörrende Sommerhitze in weiten Panoramen, reflektierende Autokarosserien, prasselnder Sommerregen, dessen starke symbolische Wirkkraft eng mit dem Ende dieser Folge verknüpft ist. In seiner atmosphärischen Entfaltung hat „Déjà-vu“ nicht viel mit dröger Standard-TV-Krimi-Kost gemein.

Es ist schade, dass dieses Team nun auseinandergerissen wird (filmisch angedeutet durch eine Schwangerschaft Sielands). So etwas Gutes kam schon lange nicht mehr aus Dresden.

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