„(Nicht) Jeder kann Winnetou - (Karl May´s) Old Shatterhand"
Vom ehemaligen Angestellten auf ureigenem Terrain ausgestochen, oder gar übertrumpft zu werden ist eine Kröte, die so mancher nicht ohne weiteres schlucken würde. Schon gar nicht ein Mann vom Kaliber Arthur Brauners. Das bundesdeutsche Filmproduzenten-Schwergewicht und Chef der Berliner CCC-Film hechelte seinem ehemaligen Zögling Horst Wendlandt schon bei der überaus erfolgreiche Edgar Wallace-Reihe hinterher und durfte nur noch die Brotkrumen in Form der Werke des Wallace-Sprosses Bryan aufsammeln. Selbiges schien sich nun mit der von Wendlandt triumphal aus der jugoslawischen Landschaft gestampften Karl-May-Welle zu wiederholen. Wieder war der findige Horst den entscheidenden Schritt schneller gewesen und hatte eine zweite filmische Goldgrube aufgetan, die sich vortrefflich langfristig ausschlachten lies. So umsichtig wie geschäftstüchtig hatte er sich und der Constantin zudem die Verfilmungs-Rechte an sämtlichen May-Werken gesichert, in dem das kultisch verehrte Blutsbrüderpaar Winnetou und Old Shatterhand auftraten.
Aber Brauner war wild entschlossen sich nicht von vornherein mit den zwar verfügbaren, aber eben weniger populären Orient-Stoffen abspeisen zu lassen und wenigstens ein eigenes Western-Abenteuer ins Rennen zu schicken. Er hatte außerdem ein lupenreines Ass im Ärmel, in Form eines früheren Vertrags mit Shatterhand-Darsteller Lex Barker. Jetzt hieß es nur noch das entscheidende Schlupfloch im Wendlandtschen Vertrags-Dickicht zu finden, was sich letztlich als leichter und v.a. simpler herausstellte als gedacht. So tauchte in keinem der May-Titel der Name dessen Alter Egos auf, was den überaus griffigen Filmtitel „Old Shatterhand" ermöglichte. Dass es Brauner daraufhin auch noch gelang sich Winnetou-Darsteller Piere Brice von der Constantin auszuborgen - immerhin hatte man einen vierjährigen Exklusivvertrag mit dem Franzosen - und damit das so erfolgreiche Heldenduo auch für sein Projekt zur Verfügung stand, ist nur oberflächlich betrachtet erstaunlich. Denn als man bei der Constantin erkannt hatte, dass Brauner definitiv einen Konkurrenzfilm in die Kinos bringen würde, wollte man sich die soeben erschlossene Goldmiene nicht durch einen schlechten Ableger wieder zuschütten lassen. Außerdem durfte Wendlandt im Tausch gegen Brice die seinerzeit begehrte Elke Sommer für eines seiner nächsten May-Projekte (es wurde dann „Unter Geiern") besetzen, so dass beide etwas von dem Deal hatten.
Die Bahn war also frei für „Old Shatterhand" und Brauners Devise war definitiv „Size matters!" Alles sollte eine Spur größer, aufregender, eindrucksvoller sein als bei den Rivalen von der Constantin. Außerdem hatte Brauner den Ehrgeiz auch den internationalen Markt zu bedienen, wenn nicht zu erobern, und vor allem der übermächtigen Genre-Konkurrenz aus Hollywood zu zeigen, dass man auch in Europa aufwändige Western stemmen kann. Dafür engagierte man nicht nur einen international erfahrenen und auch Hollywood-erprobten Regisseur - der Argentinier Hugo Fregonese war allerdings nicht Brauneres erste Wahl gewesen -, sondern trommelte für deutsche Verhältnisse auch einen recht namhaften Cast zusammen (u.a die Amerikaner Guy Madison als bad guy-Offizier Captain Bradley und Charles Fawcett als good-guy-Pendant General Taylor, die Israelin Daliah Lavi als indianische Schönheit und den Sänger Bill Ramsey als Saloon-Pianist). Für die Musikuntermalung verzichtete Brauner auf Martin Böttcher und verpflichtete statt dessen den teureren Italiener Riz Ortolani.
„Nicht kleckern, sondern klotzen" galt auch für Ausstattung, Bauten und Sets. Vor allem das Fort Grant mit seinen stolzen Ausmaßen von 140 Meter Länge und 40 Meter Breite sowie die Westernstadt Golden Hill mit einer Länge von 180 Metern stellten so manche Hollywood-Produktion in den Schatten. Bei den schon in „Winnetou I" verwendeten Krka-Wasserfällen errichtete man das Domizil der Halbindianerin Paloma (Lavi) und nicht weit entfernt das Zelt-Dorf der Apachen. Aus der Umgebung der Drehorte verpflichtete man Heerscharen von Statisten, die als Städter, Indianer (Apachen und Comanchen) und US-Kavalleristen den Großproduktionsanspruch des Films auch personell unterstrichen. Dazu gab es Planwagen, Zugpferde, mehrere hundert Uniformen, Indianerkostüme sowie eigens in Italien angefertigte Revolver.
Das alles hatte natürlich seinen Preis und schraubte das Budget in die für damalige deutsche Verhältnisse enorme Höhe von 6 Millionen DM. Bis heute ist „Old Shatterhand" damit der teuerste May-Film. Ob sich dieser Aufwand gelohnt hat, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Brauner selbst ist heute der Meinung, dass der Film auch mit einem schmäleren Budget genauso gut funktioniert hätte. Tatsache ist aber auch, dass „Shatterhand" im Ausland einer der erfolgreichsten May-Filme war und dies zu großen Teilen sicherlich der bewusst internationalen Ausrichtung geschuldet ist. Andererseits führte die deutliche Amerikanisierung der Mayschen Westernwelt zu einem deutlichen Verlust an (der mit dem Stoff untrennbar verbundenen märchenhaften, wild-romantischen) Atmosphäre.
Durch diesen sichtbaren wie spürbaren Mangel wird Harald Reinls oft unterschätzte Fähigkeit, trotz enormer inhaltlicher Abweichungen Geist und Ton der literarischen Vorlage kongenial auf die Leinwand zu übertragen, erst so richtig deutlich. Vor allem die Verwendung der beindruckenden jugoslawischen Landschaften als handlungsrelevantes Stilmittel, als eigenständiger Filmcharakter gehörte zu seinen großen Stärken und war ein wesentlicher Baustein des Erfolgs. Fregonese dagegen fehlt dieses Gespür und so liefert er auch lediglich statische Postkartenansichten. Wenig May-Flair verbreitet auch Ortolanis Score, der sich nicht nur stark an gängige US-Motive anlehnt, sondern für die Titelmusik sogar recht dreist bei Elmer Bernsteins berühmten Thema für „Die glorreichen Sieben" abkupfert.
Dass Brauner in erster Linie auf den schnellen und möglichst breiten finanziellen Erfolg abzielte und wenig bis gar kein Interesse an einer einigermaßen werkgetreuen Umsetzung des angeblich immerhin May-inspirierten Stoffes hatte, entlarven schließlich auch Plot und Figurenzeichnung. So wirkt der kriegsbemalte und -bereite Winnetou auf den May-kundigen reichlich befremdlich und entspricht so gar nicht dem besonnenen und stets auf Ausgleich bedachten Häuptling der Romane. Des weiteren kopierte man recht schamlos wesentliche Handlungs-Topoi aus „Der Schatz im Silbersee". Anstatt Shatterhand darf diesmal Winnetou einen Zweikampf mit einem generischen Häuptling austragen und der finale Angriff der Apachen auf Fort Grant hat große Ähnlichkeit mit der Attacke der Tramps gegen die an ein Fort erinnernde Butler-Farm.
Mit Winnetous Adoptivsohn Tujunga versuchte man ein vergleichbar emotional-berührendes Element einzubauen wie mit seiner Schwester Nscho-tschi in „Winnetou I"- beide sterben am Ende den tragischen Opfertod -, was allerdings auf ganzer Linie scheitert, da der junge Allain Tissier zwar wie Brice einen französischen Pass und eine Fallschirmjäger-Vergangenheit vorweisen kann, aber über kein vergleichbares Charisma verfügt und seine Figur zudem sehr schlampig und oberflächlich angelegt ist. Am Ende trauert dann auch niemand außer Winnetou. Selbst Old Shatterhand lässt das Schicksal des jungen Apachen relativ unberührt.
Bloße Staffage bleiben auch die allermeisten Nebenfiguren. Daliah Lavi als Halbblut-Schönheit Paloma hat erstaunlich viel Screentime für ihre gänzlich handlungsirrelevante Rolle und dient ganz offenkundig und ausschließlich als attraktiver Blickfang bzw. Zugpferd für das männliche Publikum (völlig dekuvrierend ist in diesem Zusammenhang die plottechnisch mit nichts zu rechtfertigende, vermeintliche Nacktszene Lavis, bei der ein Körperdouble zwischen den Wasserfällen plantscht). Kitti Mattern als resolute Saloonwirtin kann nicht einmal damit punkten und ist ebenso überflüssig wie der unvermeidliche Komiker-Sidekick Bill Ramsey, der wie seine Vorgänger Eddi Arent (Lord Castlepool) und Chris Howland (Reporter Tufftuff) für den (ebenso deplatzierten wie unkomischen und hier gar kaum vorhandenen) Humor herhalten muss.
Immerhin aus Karl-May-Film-historischen Gründen erwähnenswert sind die jeweils ersten Auftritte von Rik Battaglia und Gojko Mitic. Der schillernde Italiener sollte in nicht weniger als 8 May-Filmen auftreten und v.a. als Titel-(Anti-)Held in dem Orient-Abenteuer „Der Schut" sowie als Winnetous Mörder Rollins in „Winnetou III" einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der muskelbepackte Mitic durfte in „Winnetou II" und „Unter Geiern" bereits deutlich größere Indianerrollen übernehmen, bis er dann in den DEFA-Indianerproduktionen zu einem der beliebtesten Filmstars der DDR aufstieg. In „Old Shatterhand" fügen sich beide allerdings nahtlos in das Gros der blassen und schlampig gezeichneten Figuren ein.
Das größte Manko des Films ist dann sicher auch das banale und oberflächliche Skript, das sich nicht nur wenig bis kaum für die handelnden Personen interessiert, sondern auch keinen relevanten Spannungsbogen und/oder überraschende Wendungen vorweisen kann. Zwar war und ist es durchaus gang und gäbe, dass eine Vielzahl an Autoren an einem Drehbuch herumpfuschen - hier waren es nicht weniger als sechs -, aber nicht zwangsläufig muss dabei ein solch unausgegornes und seltsam blutleeres Potpourri herausspringen wie im vorliegenden Fall. So führt man beispielsweise Guy Madison als zunächst nicht zu erkennenden, geheimnisvollen Drahtzieher im Hintergrund ein, nur um ihn dann wenig später als nicht gerade ideenreichen Intriganten-Dilettanten zu präsentieren, der auf den umgemein innovativen Einfall kommt, die Apachen als Kriegstreiber hinzustellen, um so an ihr Land zu kommen. Der Titelheld Shatterhand hat erstaunlich wenig zu tun und reagiert weitaus mehr, als dass er agieren würde. Den großen Endkampf verbringt er gar angekettet auf einem Wachturm des Forts, was ihm zumindest einen Panoramaausblick auf das bunte Getümmel verschafft.
So bleibt „Old Shatterhand" ein zwar nett anzusehender Westernbilderbogen, unter dessen hochglanzpolierter Oberfläche und pompöser Aufmachung (man drehte im ausladenden MCS-70 mm Superpanorama-Format) aber eine spannungsarme Geschichte und blasse Figuren lauern. Das in den ersten beiden Rialto-Produktionen von Harald Reinl so trefflich eingefangene, märchenhaft-mysthische Karl-May-Flair vermisst man hier zur Gänze, was neben dem schwachen Drehbuch v.a. der seelenlosen Regie Hugo Fregoneses sowie der sich zu offenkundig an amerikanische Vorbilder anlehnenden Musikuntermalung Riz Ortolanis anzulasten ist.
Arthur Brauner wird seinerzeit dennoch sehr zufrieden gewesen sein. Nicht nur hatte er seinem Erzrivalen Horst Wendlandt ein veritables Schnippchen geschlagen und sich ein saftiges Stück aus dessen Erfolgskuchen abgesäbelt, sondern eben auch das Publikum überzeugt. „Old Shatterhand" war nach „Winnetou - 1. Teil" der besucherstärkste deutsche Film der Spielzeit 1963/64 und heimste ebenfalls die begehrte Auszeichnung der Goldenen Leinwand für mehr als 3 Millionen Besucher binnen eines Jahres ein. Die May-Serie hatte sich also selbst in den Händen eines uninspirierten Trittbrettfahrers als absolut Erfolgs-wetterfest erwiesen. Brauner-Konkurrent Horst Wendlandt zog daraus die richtigen Schlüsse und nahm das Duo Barker-Brice unter Exklusivvertrag. So waren seinem früheren Boss nicht nur weitere May-Western versagt, sondern er hatte nun endlich auch das unangreifbare Monopol auf die filmische Goldmine.
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Literatur:
Chatain, Michael, „Vom Silbersee zum Tal der Toten". Das große Karl May Filmbuch, 2012, S. 116-135.
Kastner, Jörg, Das grosse Karl May Buch. Sein Leben - Seine Filme - Die Filme, Bergisch Gladbach 1992, S. 159-168.
Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik, Bamberg 1999.