Review

THE STRANGERS – OPFERNACHT

(THE STRANGERS: PREY AT NIGHT)

Johannes Roberts, USA 2018

Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!


Es ist gar nicht so lange her, dass ich Bryan Bertinos The Strangers nach Jahren der Ignoranz endlich einmal angeschaut habe und zwar nicht begeistert, aber auch nicht unzufrieden war. Immerhin wurde darin ein ikonisches Killertrio eingeführt, welches für mich Grund genug sein sollte, so mein damaliges Fazit, auch den bereits vorhandenen Nachfolger (von einer Fortsetzung kann man nicht wirklich reden) anzusehen, wenn er mir eines Tages über den Weg läuft. Und nun ist er gelaufen – im nächtlichen TV-Programm und damit mir über den Weg.

Eine kurzer, aber wirkungsvoller Prolog zeigt uns, wie „Dollface“, die junge Frau mit der markanten Puppenmaske, des Nachts ein älteres Paar in seinem Haus aufsucht – und auch wenn wir keine Einzelheiten sehen, gibt es keinen Zweifel daran, wie diese Begegnung ausgeht ... Und damit zum regulären Start.

Cindy und Mike, Eheleute in den Vierzigern, haben es nicht leicht mit ihrer Spät-Teenie-Tochter Kinsey, die auf schulische Verpflichtungen pfeift und sich auch darüber hinaus renitent zeigt – wie sie eben so sind, die „rebellischen Töchter“ im Genrefilm (arrgh!). Cindy und Mike sind derweil mit ihren erzieherischen Mitteln bereits am Ende und haben Kinsey in einem Internat angemeldet, auf dass sie dort Manieren lernt und ihre Lebenseinstellung korrigiert. Nun will man Kinsey in ihrem neuen Zuhause abliefern (sicher ist sicher ...), unterwegs aber noch im Trailerpark von Tante Sheryl und Onkel Marv haltmachen und dort als komplette Familie ein Wochenende verbringen (na ja, Cindy und Mike wollen das ...). Zur kompletten Familie gehört noch der kurz vor dem College-Abschluss stehende Sohn Luke, der sehr viel reifer als seine Schwester wirkt, auf das Trailerpark-Wochenende jedoch ebenso wenig Lust hat wie die verständlicherweise gerade besonders mies gelaunte Kinsey. Ach ... hätten sich Cindy und Mike doch nur dem Willen ihrer Kinder gebeugt – dieser Familienausflug war definitiv die schlechteste Idee, die sie jemals hatten. Und auch so ziemlich die letzte ...

Nach den üblichen Verzögerungen kommt die Familie erst am späten Abend im Trailerpark an und wundert sich über die gespenstische Ruhe, die auf dem weitläufigen, im Nebel liegenden Wiesengelände der Anlage herrscht. An der Rezeption findet Cindy eine Nachricht von Sheryl und Marv – sie sollen sich’s schon mal in ihrem Trailer gemütlich machen und am Morgen würde man sich dann sehen.

Wird man nicht. Und gemütlich wird’s erst recht nicht, denn noch während die Familie in ihrem Trailer, sprich in ihrer mobilen Bretterbude beim Auspacken ist, klopft es an der Tür ... Eine junge Frau, vermutlich noch eine Teenagerin, steht vor der Tür und fragt nach Tamara (genau genommen nuschelt sie so lustlos, dass es wie „Tara“ klingt). Es ist natürlich „Dollface“, hier noch ohne Maske, aber in der Dunkelheit kann man ihr Gesicht kaum erkennen. Wenn nun Dollface nach „Tamara“ fragt, das wissen zumindest Kenner des Vorgängerfilms, dann will sie eigentlich gar keine Antwort haben, sondern spricht ein Todesurteil aus. Hier weiß das freilich bislang niemand, weshalb man ihr höflich mitteilt, dass sie offenbar einem Irrtum unterliegt. Als sie jedoch kurz darauf erneut aufkreuzt und gleichgültig nach Tamara fragt, wird’s Cindy und den Ihren unheimlich. Das sollte es auch, aber es ist schon zu spät (nochmals Spoilerwarnung!): Dollface kommt ein drittes Mal, und nun mit Maske und Messer. Cindy erwischt es auf der Stelle, und bald darauf wird auch Mike bei seinem Versuch, mit dem Auto zu fliehen, aus dem Verkehr gezogen – nachdem er verunfallt ist, ersticht ihn der „Man in the Mask“. Das „Pin-up Girl“, die Dritte im Psychopathenbunde, ist natürlich auch mit von der Partie, und so beginnt für die Kinder, die unterdessen bei einem nächtlichen Ausflug die übel zugerichteten Leichen von Sheryl und Marv gefunden haben (die Auftaktsequenz ...), ein hammerharter und blutiger Überlebenskampf ...

Ja, The Strangers – Opfernacht hat mir eindeutig besser gefallen als der erste „Strangers“-Film, und es ist nicht schwer zu ergründen, warum: Das Personal war mir wesentlich näher als das von Scott Speedman und Liv Tyler verkörperte Problempärchen des Vorgängers. Erfreulicherweise gilt das vor allem für Kinsey, die in ihrer Klischeefunktion als „rebellische Tochter“ spielend den ganzen Film hätte versenken können – ich bin wirklich heilfroh, dass es das Skript von Bryan Bertino und Ben Ketai gerade in dieser Sache mit der Exposition nicht übertreibt und uns nervtötendes Gezänk zwischen der Tochter und dem Rest der Welt weitgehend erspart. Und ein gesundes Verhältnis zu Kinsey ist hier essenziell, denn natürlich ist sie unser Final Girl. Rebellische Töchter sind immer Final Girls.

Darüber hinaus ist auch Luke eine sehr angenehme und wohltuend ausgeglichene Figur, und selbst mit Cindy und Mike bin ich bestens zurechtgekommen – solange sie da waren. Es sind also zumindest in meinen Augen Leute am Start, mit denen man mitfiebern kann, und da Johannes Roberts durchaus weiß, wie im Horrorgenre der Hase läuft und eine ordentliche Inszenierung abliefert (abgesehen davon, dass auch er die Finger nicht von billigen Jump Scares lassen kann), gerät The Strangers – Opfernacht zu einer hoch spannenden Angelegenheit, obwohl wirkliche Überraschungen ausbleiben und kritisch betrachtet auch nur Malen respektive Töten nach Zahlen betrieben wird. Dafür stimmt die Atmosphäre, die beginnend mit der Ankunft unserer Familie im nächtlichen, von Nebelschwaden durchwaberten Trailerpark durchgehend ungemütlich und bedrohlich ist – kein Wunder, denn man weiß schnell, dass auf dem Gelände ein paar ausgemachte Psychopathen unterwegs sind, deren Handeln sowohl aufgrund seiner Gnadenlosigkeit als auch seiner Kälte extrem verstörend wirkt. Die Taten der Maskierten haben keinen erkennbaren Grund und erfolgen fast gleichgültig, als müsse eben getan werden, was getan werden muss – oder getan werden kann, wenn man nichts Besseres zu tun hat und nicht daran gehindert wird: Als Dollface vor ihrem Ende gefragt wird, warum sie und ihre Begleiter wildfremde Menschen töten, antwortet sie fast spöttisch: „Warum nicht?“

Nun ist es allerdings so, und in diesem Punkt begibt sich The Strangers – Opfernacht dann doch auf das Niveau billiger Allerweltsware hinab, dass dem Killertrio die Arbeit auch sträflich leicht gemacht wird – mit anderen Worten: Unsere Protagonisten benehmen sich in feinster Genretradition so dämlich, dass man meinen könnte, sie möchten ermordet werden. Allein der Umstand, dass die drei nach Cindys frühem Dahinscheiden Verbliebenen einen Revolver besitzen und es fertig bringen, ihn nicht ein einziges Mal zu benutzen, spricht Bände. Auch daraus, dass sich die Titelhelden eigentlich nur schlurfend fortbewegen, können ihre Opfer keinen Nutzen ziehen. Schlussendlich müssen Luke und Kinsey regelrecht zur Gegenwehr gezwungen werden – erst als ihr eigenes Leben unmittelbar auf dem Spiel steht, drehen sie den Spieß um. Und ja, das tut gut, weil sie sich viel Sympathie erarbeiten konnten.

Leider exterminiert das Skript im Finale zwischen Kinsey und dem Maskenmann seine Bodenhaftung rückstandslos und verleiht dem mehrfach niedergemetzelten und sogar schon verbrannten Killer ein scheinbar ewiges Leben. Das ist idiotisch. Mit ihm (nehmen wir einmal ganz optimistisch an, dass er am Ende wirklich tot bleibt) ist dann auch das komplette „Strangers“-Trio ausgelöscht – und eine Fortsetzung mit dem „bewährten Team“ ausgeschlossen. Das Klopfen an Lukes Krankenhauszimmertür, mit dem sich der Streifen verabschiedet (der fiese Twist im letzten Bild – eins der ödesten Genreklischees überhaupt), werte ich einfach einmal als kleinen Gag und nicht als ernst gemeinten Hinweis auf Nachfolgendes.

Optisch macht The Strangers – Opfernacht einen guten Eindruck. Der Film kommt mit sehr sauberen Breitwandbildern daher und versucht auch etwas aus ihnen zu machen, sodass wir des Öfteren in den Genuss von atmosphärischen und wie schon erwähnt gern mit ein paar Nebelschwaden ausgeschmückten Nachtaufnahmen des weitläufigen Schauplatzes kommen – der allerdings der einzige bleibt: Wir verbringen hier genau eine Nacht im Trailerpark. Umso dankbarer sollte man also für die Bemühungen um sehenswerte Bilder sein. Auch die Arbeit der Tricktechniker verdient Anerkennung, obgleich sie sich im Wesentlichen auf das Hantieren mit (schön dunkel aussehendem) Kunstblut beschränkt. Das gibt es übrigens bei Bedarf in beträchtlichen Mengen, aber unter dem Strich ist die 16er-Freigabe des Streifens okay.

Über die Darsteller lässt sich ebenfalls Gutes berichten: Sie machen ihr Ding allesamt sehr ordentlich – zumindest im Rahmen dessen, was ihnen das Genre gestattet. Bei Bailee Madison in der Schlüsselrolle ist das freilich gar nicht so wenig, denn als Gott sei Dank nur moderat rebellische, dafür aber bald umso verzweifeltere und akut vom Tod bedrohte Kinsey muss sie schon gehörig aus sich herausgehen – und macht das vorzüglich, sprich wirklich glaubwürdig und mitreißend. Danke dafür. Lewis Pullman hinterlässt als Luke gleichfalls einen sehr guten Eindruck, weil er seine Figur wohltuend zurückgenommen gibt, und auch Christina Hendricks als Cindy sowie Martin Henderson als Mike können überzeugen und runden trotz ihrer begrenzten Einsatzzeit das tadellose Bild ab, das man von den Protagonistendarstellern bekommt. Die allesamt neu besetzten Figuren der Titelhelden erfordern derweil wieder recht wenig schauspielerisches Vermögen, wobei es jedoch sogar bei ihnen Unterschiede gibt: Lea Enslin hat als „Pin-up Girl“ nur eine einzige kurze (aber sehr nachhaltige!) Szene, bevor sie sich im Kampf gegen Luke mit dem Messer zerhäckseln lassen muss, während Damian Maffei als „Man in the Mask“ zunächst nur seine Axt theatralisch hinter sich her schleifen muss, gegen Ende aber noch ein paar drastische Tode zu überleben hat. Den überwiegenden Teil der blutigen Tötungsarbeit übernimmt indes Dollface, die von Emma Bellomy angemessen unheimlich verkörpert wird. Wie schon beim Vorgänger gilt auch hier: Die „Strangers“ schleichen zwar eigentlich nur mit Masken vor den Gesichtern durch die Gegend, aber auch das hätte sehr viel weniger wirkungsvoll geschehen können. Der Score stammt zu guter Letzt von Adrian Johnston und tut mit seinen Synthieklängen so, als käme er geradewegs aus den Siebzigern oder Achtzigern (etwas sehr Ähnliches hat man beispielsweise schon in John Carpenters Halloween gehört), was durch einige prominent eingesetzte Popsongs aus dieser Zeit (Bonnie Tyler und Kim Wilde ...) noch einmal unterstrichen wird. Alles in allem kann man damit gut leben.

Mit dem Film als Ganzes habe ich sogar sehr gut gelebt beziehungsweise ihn so intensiv empfunden wie schon seit einiger Zeit keinen Beitrag aus dem Horrorsektor mehr, wobei er gegen Ende eher ein Terror-Thriller ist als ein reiner Grusler. Unabhängig davon, wie man das Gesehene nun bezeichnen will, ist The Strangers – Opfernacht eine sauber inszenierte, garstige, blutige, bisweilen wirklich erschreckende und vor allem extrem spannende Arbeit, die zwar mit nennenswerten Ideen geizen mag, das Altbewährte aber sehr schön auf den Punkt bringt. Dass Johannes Roberts und seinen Autoren am Ende die Zügel entgleiten, soll hier verziehen werden, wie überhaupt meine subjektive Sicht eine sehr wohlwollende ist. Einem weiteren „Strangers“-Film werde ich also aufgeschlossen gegenübertreten – auch wenn es sich dabei um eins jener leidigen Prequels handeln dürfte.

(10/23)

7 von 10 Punkten.






Details
Ähnliche Filme