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Der Sternenhimmel ist freigelegt, während die Mellotronklänge von King Crimsons „Starless“ aufkochen und langsam wieder in seiner Schwärze verdunsten. Tief unten auf der Erde teilen sich Mann und Frau das heimische Bett in einem Schlafzimmer aus Fensterwänden, doch ihr Bewusstsein ist bei den Sternen, völlig entkoppelt von ihren Körpern. Ihre Blicke durchkreuzen interplanetaren Raum, um zueinander zu finden. Zwischen Saturn und Jupiter wird eine Verbindungslinie gezogen, die das Gelingen ihrer Kommunikation gegen alle Wahrscheinlichkeit sicherstellt.

In Panos Cosmatos Zweitwerk „Mandy“ ist die physische Realität ganz offensichtlich nicht der Ausgangszustand. Ihren Platz nimmt stattdessen das Reich des Transzendenten ein, welches in dieser Filmvision als Fundament jedweder Art von Interaktion dient. Und es wird alles Erdenkliche unternommen, damit auch wir als Publikum diese Perspektive völlig ein- und annehmen: Das Cinemascope soll uns mitten ins Szenario ziehen, ja regelrecht umarmen, das mäandernde Spektrum aus Blau-, Violett- und Rottönen soll unser daran hindern, scharfe Konturen zu wahrzunehmen und der Drone-Score soll uns vom Kopf über das Mark bis in die Glieder hinein betäuben. Alleine über dieses Spiel mit den Sinnen könnte man ganze Abhandlungen schreiben; beispielsweise darüber, wie die diffuse Optik jeglichen Vorstellungen widerspricht, die eine ultra-transparente High-Definition-Ästhetik als einzig erstrebenswertes Ziel bei der technischen Darstellung von Filmen betrachten. Denn das grobkörnige, aufgrund der deckenden Farbübergänge und lichtreduzierten Aufnahmen bisweilen völlig unscharfe Bild versteckt Geheimnisse in seinen Ecken, für die es in keiner Hochglanzproduktion einen Platz gäbe. Und wie ätherisch schön darauf erst Jóhann Jóhannssons letzte Arbeit wirkt. Sie hinterlässt die Signatur des Künstlers nicht nur in unserem limbischen System, sondern auch tief in den Eingeweiden. Eine Wolke verschleiert die Sicht auf alles, ohne dass man je einen ungetrübten Blick auf das Paar oder seine Peiniger gewährt bekommt, was eine rationale Einschätzung der Lage unmöglich macht.

Schon mit diesen audiovisuellen Grundlagen hat Cosmatos eine individuelle Ausdrucksform gefunden, die sich signifikant von allem abhebt, was andere hybride Horrorfilme momentan hergeben. Das Wort „prätentiös“ ist zwar wieder schnell zur Hand, auch lässt sich das gesamte Konzept relativ einfach auf psychedelische Fantastereien der Spätsechziger eindampfen, wenn man es darauf anlegt (Roger Cormans „The Trip“ von 1967 böte sich als Referenz an oder eben die Tate-Morde, wenn man auf der Suche nach Inspirationen zur Story ist). Doch damit ist es nicht getan, ebenso wenig wie eine einfache Genre-Etikettierung weiterhilft. „Mandy“ ist aufgrund des Handlungsverlauf natürlich ein Rachethriller, aber ein solcher, der seine Motive mühselig aus den Trugbildern eines benebelten Verstands fischen muss, was ihn von der brennenden Klarheit anderer Revenge-Filme ebenso trennt wie es ihn mit der blinden Wut der Hinterbliebenen verbindet.

Nicolas Cage ist für so etwas natürlich der richtige Mann. Ein Cage passt sich nicht einem Skript an, das Skript hat sich gefälligst Cage anzupassen. Angesichts der Tatsache, dass im Jahr 2018 noch drei weitere Filme auf der Agenda des Schauspielers standen, ist von einer allzu tiefen Einfindung in die Rolle wohl eher nicht auszugehen; es ist einfach so, dass die verkokste und komplett verstrahlte Egoperspektive zur Exaltiertheit des Mimen so gut passt, dass einfach etwas Großartiges dabei herauskommen muss. Im ersten Akt allerdings stiehlt ihm Andrea Riseborough noch die Show. Sie erschafft eine Figur, die im Endeffekt Hilflosigkeit und Verletzlichkeit verströmt, darüber hinaus aber auch Momente generiert, in der sie zum Beispiel die Unnahbarkeit einer fremdartigen Subkultur verströmt. Mal ist ihre Ausstrahlung archaisch, dann intellektuell, mal zeigt sie empathische Veranlagungen, kann aber auch mit einem einfachen Blick in die Kamera dafür sorgen, dass sich die Gänsehaut aufrichtet.

Ihre Präsenz ist äußerst wichtig, denn abseits ihrer Szenen droht das formlose Gewinde des Storykonstrukts zunächst mehrmals in den Händen des Erbauers zu zerfließen. Der Überwältigungseffekt der Optik und der Soundkulisse brennt nicht lange genug nach, um das Drehbuch bis zum Wendepunkt in der Mitte völlig obsolet zu machen. Einzelne Sequenzen neigen in diesem Abschnitt dazu, sich leer anzufühlen, obwohl die „Children Of The New Dawn“ gerade rechtzeitig eingeführt werden und mit der ihnen eigenen Logik des Handelns auch in gewisser Weise zu faszinieren verstehen. Es gibt jedoch zweifellos einen toten Punkt, der unvermeidlicher Auslöser für die Debatte sein muss, ob genug Substanz in „Mandy“ steckt, dass der Stil nicht zur hohlen Kunst der Ablenkung verkommt.

Dann aber verwandelt sich die Nummer urplötzlich in ein abgefahrenes Himmelfahrtskommando, das der reinen Vergeltung zu Diensten steht. Mit barbarischer Stumpfheit ist Cosmatos nun dazu bereit, den psychedelischen Gedankenschweif, den er bis dahin auf Reisen schickte, bis auf die Grundmauern einzureißen. Dies ist der Moment, in dem dann auch Cage von der Leine gelassen wird. Eine Hellebarde schmiedet er, die Augen im Spiegel der Glut wild lodernd. Als hätte es nicht auch ein einfaches Küchenmesser getan. Während der vom Verlust geplagte Nobody im Baseball-Shirt also zum Erzengel mit Feuerschwingen mutiert, wird dem mystischen Horror seiner Widersacher die Maske des Unbegreiflichen abgestreift, um das Ordinäre dahinter zu entblößen. Hinter den Silhouetten der Biker verstecken sich primitive Sterbliche, die in abgehalfterten Apartments hausen und Pornos schauen; ihre Auftraggeber sind jenseits des „Amulet Of The Weeping Maze“ einfach nur psychopathische Hippie-Spinner. Was sich augenscheinlich als simple Schlachttour durch die Gegnerreihen präsentiert, ist tatsächlich ein Ausbruchsversuch aus dem Reich des Transzendentalen, das eingangs noch als Zustand der Normalität bezeichnet wurde. Cage schwingt aus ihr hervor wie ein Haken und lässt dabei alle Gesetze der Physik walten; Cosmatos zeigt eine Meisterschaft darin, die Rückkehr in die Welt der Schwerkraft mit einer wuchtigen Dynamik zu orchestrieren, die mitunter sogar etwas aus der hysterischen Komik eines „Evil Dead“ für sich zu gewinnen weiß.

Gleichwohl verweilt er selbst während dieser Momente voller brennender Körper, brechender Knochen und durchtrennter Körperteile in einem Zustand des Zwittertums, das sich der absoluten Realität bis hin zur Schlusseinstellung konsequent verwehrt. Ein Tiger springt gegen Ende als anmutiges Symbol aus einem Käfig, ja für Augenblicke verwandelt sich der Realfilm sogar in einen Zeichentrick und je weiter sich Cage durch die Reihen schlägt, desto surrealer erscheinen die Höhlen des Wahnsinns, in denen sich der Anführer mit seinen Untergebenen verkriecht. Die Überblendungen, mit denen David Lynch beispielsweise gerne zwei zeitlich / örtlich voneinander getrennte Szenen miteinander verknüpft, halten sich hier gewissermaßen über die gesamte Laufzeit, um eine Parallelexistenz zweier Welten zu behaupten, die sich fortwährend überschneiden.

Sollte „Mandy“ in dreißig Jahren wiederentdeckt werden, möge man der zeitgenössischen Kritik für ihr schwaches Urteilsvermögen verzeihen, egal ob es sich dabei um Verrisse oder euphorische Liebesbekundungen handelt. Es ist in diesem speziellen Fall fast unmöglich, die frischen Eindrücke produktiv zu verarbeiten. Aktuell bleibt ein gewisses Gefühl der Leere zurück, das von der wenig ergiebigen Quintessenz des schlichten Drehbuchs ausgehen kann oder von dem Verdacht, man werde durch akustische und visuelle Reize hemmungslos manipuliert. Cosmatos' Referenzen sind greifbar nah, doch dann auch wieder so fern und verschwommen. Man wagt sich noch nicht festzulegen, ob etwas Größeres dahinter steckt. Man weiß nur: Filme wie dieser werden nicht jedes Jahr gedreht.

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