Review

Joan Mitchell wird von Träumen verfolgt, in denen sie sinnbildlich und unglaublich grotesk ihr unzufriedenes Leben vorgeführt bekommt. Von ihrem Mann Jack gelangweilt sowie missachtet und von der attraktiven Tochter Nikki an ihr Alter erinnert, fühlt sie sich wie in einem Käfig gefangen. Als Ausweg aus ihrer unausgefüllten Welt sucht sie bei einer Kartenlegerin, die von sich behauptet, eine Hexe zu sein, nach Veränderung. Besessen von der Idee, ihr Leben darüber in den Griff zu bekommen, flüchtet sie sich in die Welt der Esoterik und glaubt nun, selbst die Hexerei erlernen zu müssen. Im Wesentlichen erzählt George A. Romero, der, wie fast immer, sein eigenes Drehbuch schrieb, ein Familiendrama, das seiner Entstehungszeit entsprechend viel aus der 68er Generation dokumentiert. Esoterik und Bewusstseinserweiterung sowie Feminismus stellt er dem gesellschaftlichen Mief als scheinbare Zuflucht entgegen, kaum jedoch als Lösung. Mag das herbe Ende auch überraschen, so zieht "Season Of The Witch" seinen Reiz aus dem Mysterium der magischen Manipulation von Menschen und den wunderbaren Albtraumszenen, in denen Romero sein Talent für Horrorfantasien auslebt. Surreal und düster, untermalt von einem oftmals hypnotischen Score, inszeniert er Angstvisionen, die wie neurotische Abbilder der Gesellschaft wirken. Wie auch in seinen anderen damaligen phantastischen Filmen ist der Horror stets real und greifbar und das Thema scheint bei aller Scharlatanerie wenig übersinnlich geprägt, der Glaube an etwas kann bekanntlich ja Berge versetzen. Realität und Fiktion verschwimmen für Joan immer mehr zu einem Leben, das ihre Ängste und Wünsche für sie wahr werden lässt, auch der Zuschauer gerät in das atmosphärische Psychospiel, denn die Visionen fügen sich nahtlos in die reale Handlung ein. Ihre Suche nach Aufmerksamkeit bleibt stets verunsichernd in der Frage nach der Wahrheit und Selbstverantwortung unbeantwortet. Für den Zuschauer manifestieren sich ihre Ängste als maskierter Boogeyman, der späteren Slasherfiguren ähnelt, Romero spielt bei seinen Jagdszenen mit dem einzelnen Schicksal, statt wie in "Crazies" oder "Nacht Der Lebenden Toten" mit der großen Katastrophe und dazugehöriger Massenhysterie. Keine Seuche also, genau genommen auch kein reiner Horrorfilm, den der Meister mit "Season Of The Witch" abdrehte, sondern ein Gruseldrama mit untypischer, zeitgenössischer Studie. Technische Mängel aufgrund des geringen Budgets und unbekannte Darsteller, die sehr natürlich wirken, trüben den Gesamteindruck kaum, stellenweise mit naivem Charme, meist jedoch mit einer düsteren Grundstimmung ist "Season Of The Witch" ein ähnlich unauffälliger Film Romeros wie "Martin", halt ohne brachiale Zombieaufläufe. Wer "Rosemary's Baby", auf den hier verwiesen wird, thematisch mag, sollte auch hier einen Blick riskieren.

Fazit: Ungewöhnlicher Siebziger-Horror als Emanzipationsdrama. Eine gelungene Mischung aus sozialkritischer Story und düsterer Grundstimmung. 7/10 Punkten

Details
Ähnliche Filme