Review

Die Hölle ist (k)ein bequemes Nest


„Holiday“ erzählt von einer jungen, attraktiven, blonden Frau, die mit ihrer „Familie“, ihrem „Chef“ und „Lover“ „Urlaub“ in Bodrum macht und dabei schwitzen nicht nur die Protagonisten in der heißen Sonne der Türkei, auch das Publikum braucht Sitzfleisch, Durchhaltevermögen und teilweise sogar einen harten Magen, denn genauso einlullend und entschleunigt es sich diese bizarre Sippe gut gehen lässt, so brutal kann der Film auch zuschnappen und schockieren...

„Holiday“ ist ein Film der Auslassungen, eiskalt, auf Abstand und schwer zu fassen, zu begreifen, zu dechiffrieren. Das stößt viele ab - mich hat es jedoch eher an und in seinen Bann gezogen. Es ist ein wenig so, als ob man die böse Seite der Flodder-Medaille im Urlaub sieht. Oder gleich Leatherfaces Verwandtschaft. Nicht dass es sich um Kannibalen oder Hinterwäldler handelt, ganz und gar nicht, aber diese kriminelle Dänenbande hat etwas Abartiges, Asoziales und Beängstigendes. Vor allem der Kopf und das Oberhaupt der Bande wird brillant fies verkörpert und liefert zusammen mit der hilflosen, undurchsichtigen, naiven Hauptdarstellerin einige richtig böse Szenen ab, die sich einnisten und ihre Haken einschlagen. Vor allem „diese eine Szene“, über die jeder spricht, der ihn gesehen hat, wird sicher zu den unangenehmsten Momenten des Kinojahres zählen. Doch „Holiday“ bietet mehr als nur Schock, Gewalt an und Unterdrückung von Frauen, #MeToo zum Extrem und perverse Gangster und gestörte Großfamilien. „Holiday“ ist brutaler und psychologisch durchgängig Unruhe stiftender Tageslichtterror und passt damit perfekt in diese sehr helle Horrorepoche („Midsommar“, „Revenge“, „A Quiet Place“). „Holiday“ ist Horror der Löcher, der eigenen Fantasie, der Verzweiflung. Etwas mehr Input, etwas mehr Höhepunkte hätten mit Sicherheit nicht geschadet, doch insgesamt hat sich die Geduld für mich dennoch ausgezahlt. Beabsichtigt unbefriedigend, lückenhaft, schemenhaft, mysteriös und beunruhigend. Eine Welt in Flammen und im Infinity Pool, eine Gesellschaft durchzogen von egoistischen Monstern, verliebt in sich selbst, alle Freiheiten, die Gefahr, die Kriminalität, die Gewalt und den Kapitalismus. 

Fazit: die Flodders in böse? Die vom Teufel Verstossenen? Sklaven unter der brennenden Sonne Bodrums? Inzucht in unbemerkt? „Holiday“ ist harter Tobak und Geduldsprobe in einem, Gangster-Exploitation meets Arthaus-Klopper. Fein aber auch fad zum Teil. Doch er bleibt im Gedächtnis. Schwitzig und mitleidslos. 

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