Nur nicht den Kopf verlieren lautet das Motto des Langfilmdebütanten Ari Aster.
Denn der eigentliche Horror wird durch eine dysfunktionale Familie gestreut, bei der man sich nie sicher sein kann, ob da nicht gleich jemand durchdreht. So erinnert das Treiben einige Male an Kubricks „Shining“, aber auch „Rosemarys Baby“ stand in einigen Belangen Pate.
Seit einiger Zeit wohnt Familie Graham im Haus der soeben verstorbenen Mutter von Künstlerin Annie (Toni Collette), die Miniaturwelten nachstellt. Vermehrt sorgen sich Dad (Gabriel Byrne) und Sohn Peter (Alex Wolff) um Tochter Charlie (Milly Shapiro), die mit düsteren Zeichnungen und makaberen Verhaltensweisen ein wenig in die Kerbe der verstorbenen Großmutter schlägt. Doch dann erschüttert ein tragisches Schicksal die Grundlage der Familie…
Die erste Szene bleibt direkt im Gedächtnis haften, als die Kamera ins Innere eines Puppenhauses vordringt und die Räumlichkeiten streift, um schließlich in einem Zimmer zu verharren, in dem kurz darauf Peter seinem Bett entsteigt. Noch einige Male verwendet Aster Miniaturdimensionen als Parallele zum eigentlichen Geschehen, ähnlich verhält es sich mit den Räumlichkeiten des Familiensitzes, welches zuweilen wie eine Miniatur anmutet.
Speziell in der ersten Hälfte erscheint die Erzählung wie ein Familiendrama. Ein Miteinander ist hier zu keiner Zeit gegeben, jeder scheint mehr mit sich beschäftigt und gleichermaßen scheint jeder mindestens einen leichten Tick zu haben. Als Annie in einer Selbsthilfegruppe für Hinterbliebene berichtet, welche Geisteskrankheiten ihren Familienstammbaum durchziehen, sind das mehr als deutliche Vorzeichen, dass hier noch etwas eskalieren könnte.
Zwar werden ansatzweise übersinnliche Gefilde gestreift, doch diese stehen lange Zeit im Hintergrund und kommen letztlich auch nicht übers Gläserrücken und dem vermeintlichen Erscheinen von Schattenwesen hinaus. Allerdings macht sich das überaus gemächliche Erzähltempo im Verlauf durchaus bemerkbar. Es kommt zu kleinen Längen und einige Szenen der vielen angerissenen Unterthemen (Love Interest von Peter, Anrufe der Künstleragentur) hätte man direkt auslassen können.
Darüber hinaus dürfte das Finale mit seiner bizarren Pointe nicht unbedingt jedem zusagen, zumal es reichlich aus der Luft gegriffen ist und der Erwartungshaltung des Betrachters schlichtweg den Mittelfinger entgegen streckt.
Ansonsten lebt das Werk von starken Figuren, die ebenso intensiv verkörpert werden. Dem ruhigen Wesen von Byrnes Charakter steht eine oftmals impulsive und emotional aufgewühlte Toni Collette gegenüber, die zwar super performt, ab und an aber auch mal reichlich drüber ist. Alex Wolff ist immer dann gut, wenn er in eine Art Schockzustand fällt, was besonders in einer Szene nach einer drastischen Kettenreaktion toll herausgearbeitet ist. Milly Shapiro reiht sich indes in den Kreis klassischer Horrorkinder ein, - ihr Zungeschnalzen könnte nicht unerheblich dazu beitragen.
Obgleich die 127 Minuten Laufzeit deutlich zu lang ausfallen und der Showdown ein wenig ins Willkürliche abdriftet, liefert der Streifen eine latent beunruhigende Stimmung und glänzt mit inszenatorischem Geschick. Zwischenzeitlich spielt er mit einigen Andeutungen zuviel, wobei die Spannung aufgrund der permanenten Unberechenbarkeit der Figuren selten zu kurz kommt.
Wer die ruhigen Gefilde mit unterschwelligen Bedrohungen bevorzugt, könnte einen Blick riskieren.
7 von 10
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