Review

kurz angerissen*

Wäre Filmkritik Psychologie, so würde mancher Psychologe den Agenten-Thriller „Red Sparrow“ vielleicht als den radikalen Versuch des Patienten-Duos Lawrence/Lawrence deuten, die Eierschalen der gemeinsamen Young-Adult-Zeit endgültig abzustreifen. Genug gespielt, jetzt wird’s ernst, sagen schon die sehenswerten Originalschauplätze: Ein in der Realität anstatt in der Dystopie verankerter Agenten-Plot, aufgemischt durch schonungslose Szenen voller Gewalt, Sex und Demütigung – als wäre James Bond zeit seiner Existenz immer eine lächerliche Comicfigur gewesen und werde nun in die schmuddelige Realität übertragen, diesmal ohne Abenteuer-Romantik und mit all den hässlichen Seiten des Agentendaseins.

Gleichwohl ist Francis Lawrences Regiestil immer noch leicht auszumachen. Schon der „Mockingjay“-Abschluss bediente sich der grauen Ästhetik eines Antikriegsfilms und delektierte sich an den breiten Flächen imperialistischer Architektur, vor deren Fassade er seine Darsteller wie Ameisen inszenierte. Das wiederholt er nun bei den Aufnahmen in der prunkvollen Ungarischen Staatsoper, die neben einigen Cafés und anderen Orten verstohlener Agenten-Kommunikation den von Staub bedeckten Glanz der Neurenaissance einbringt. Ferner wird die Optik des Films von zahlreichen Außendrehs in Budapest oder Wien geprägt, die manchem Agoraphobiker die Schweißperlen auf die Stirn treiben können. Den Mix aus kargen, detailarmen Kastenaufnahmen und visueller Opulenz muss man allerdings mögen, er kommt streckenweise wieder uneinheitlich daher und lässt eine klare Linie vermissen.

Ein Problem, das auch die Handlung betrifft, denn: Spätestens als sich die Hauptdarstellerin im Sinne der Kunst nicht nur vor einem Zimmer voller Genossen entblößt, sondern somit vor der ganzen Welt, wird aus dem angepeilten Realismus reinster Pulp, wie man ihn nur selten auf diesem Mainstream-Level unter die Augen bekommt. Die rote Bedrohung, über Jahre hinweg ein schlafender Riese, ist auf einmal wieder so präsent, als hätten wir die 80er Jahre niemals hinter uns gelassen. Überhaupt gestaltet sich die zeitliche Einordnung schwierig; auch wenn man davon ausgehen kann, dass die Handlung in der Gegenwart angesiedelt ist, verwischen Disketten, Schnurtelefone und andere Relikte veralteter Technologie (und Mode... und Autos... und Gebäude...) sämtliche Spuren einer Zeitlinie, die nachzuverfolgen wäre.

Während der Patient also mutmaßlich der irrigen Annahme unterliegt, er modernisiere das Genre des Thrillers mit ungewöhnlichem Wagemut, indem er sich der heutigen Möglichkeiten bedient und ohne Rücksicht auf Verluste zu radikalen Darstellungen führt, gerät ihm das Ergebnis glatt zum Gegenteil: Einer hoffnungslosen Rückkehr zu alten amerikanischen Traumata, der protektionistischen Angst vor dem Rest der Welt. Über die Diskrepanz dessen, was „Red Sparrow“ sein will und dem, wozu er sich entwickelt, kann man sich amüsieren, aber irgendwo passt der völlig absurde Tonfall dann auch wieder zu Trump-Land und wird in naher Zukunft vielleicht sogar exemplarisch angeführt werden, wenn es um das Filmemachen in Zeiten des neuen Protektionismus geht.

*weitere Informationen: siehe Profil

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