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Regisseur und Co-Autor Fritz Böhm verleugnet erst gar nicht die Wurzeln seiner vielzähligen Einflüsse, die in seinem Spielfilmdebüt zutage treten. Der Streifen hangelt sich von Drama über Coming-of-Age, lässt ein wenig Horror einfließen und kommt über weite Teile wie ein Märchen daher, welches in seinen starken Momenten einen beinahe meditativen Rausch entwickelt.

16 Jahre lang lebte Anna (Bel Powley) unter der zweifelhaften Obhut von „Daddy“ (Brad Dourif), der sie beinahe ohne Tageslicht in einer Kammer gefangen hielt, um sie vor den Wildlingen zu schützen. Nachdem Anna von Sheriff Ellen (Liv Tyler) aufgenommen wird, lernt sie eine neue, komplett fremde Welt kennen und entdeckt, wie sich ihr Körper im Einklang mit der Natur verändert…

Der düstere Einstieg erinnert entfernt an den Fritz-Fall, denn unter fadenscheinigen Umständen wird ein junger Mensch ohne Sozialkontakte und dem Erkunden der Außenwelt gefangen gehalten, um danach von unzähligen Sinneseindrücken überwältigt zu werden, was wiederum in Ansätzen an „Nell“ erinnert.
Aus den Reizüberflutungen gehen durchaus ein paar aufheiternde Momente hervor, etwa, als Ellens Bruder per Schnellkurs in Form eines Videos versucht, Anna die Sache mit den Bienchen und Blümchen klarzumachen.

Das Geheimnis um Anna dürfte Genrefans derweil rasch einleuchten und Böhm macht auch keinen Hehl daraus, in welche Richtung erhöhte Fleischeslust, ein geschärfter Hörsinn und ungewöhnlich starke Körperbehaarung tendieren dürften. Dennoch ist es nicht uninteressant, einer Party mit anschließendem Überfall beizuwohnen, was letztlich den Schlussakt einleitet, der sich überwiegend im Wald abspielt und die eine oder andere Hatz mit handgemachten Gewalteinlagen beinhaltet.

Da Böhm seine Stärken über weite Teile auszuspielen weiß, entwickelt sich eine zuweilen recht dichte Atmosphäre, die einerseits auf eine stilsichere Optik mit Erdfarben, aber auch Blausilber baut und andererseits mit Bel Powley eine wahnsinnig präsente und überaus stark aufspielende Hauptdarstellerin vorzuweisen hat, die selbst erfahrene Mimen wie Liv Tyler locker in die Ecke spielt. In einer Mischung aus naiver Neugier, aufkeimender Weiblichkeit und animalischen, jedoch nie grausam erscheinenden Trieben nimmt sie den Betrachter komplett in Beschlag.

Leider werden einige Kapitel etwas zu oberflächlich abgehandelt und manche Hintergründe bleiben im Dunkeln. Die Annäherung an die neue Welt, Erfahrungen mit Gleichaltrigen, aber auch das Eintauchen in die Natur mit Stationen bei einem ominösen Jäger, - all dies hätte gut und gerne ein wenig intensiver ausgespielt werden können. Stattdessen beugt sich das letzte Kapitel einigen Genrekonventionen und setzt auf Action, die nur zum Teil Spannung mit sich bringt. Dennoch ein ungewöhnlicher, durchweg unterhaltsamer Genremix, dem Regisseur Fritz Böhm hoffentlich weitere folgen lassen wird.
7 von 10

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