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Regisseur Sebastian Markas („Hit Mom – Mörderische Weihnachten“) mittlerweile sechster „Tatort“ ist wieder so einer, der mit Begriffen wie „experimentell“ umschrieben wird – und ein weiterer, bei dem das „Experiment“ gelungen ist! Das Berliner Ermittlerduo Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) sieht sich in diesem 2017 u.a. auf der Berlinale gedrehten und 2018 ausgestrahlten Fall mit einem Spielfilm konfrontiert, der sämtliche Ereignisse vorwegzunehmen scheint – also einem Film im Film bzw. gar einem Film im Film im Film. Daher auch der aussagekräftige Titel „Meta“, denn das Spiel mit den Meta-Ebenen wird hier ebenso exzessiv wie vergnüglich und spannend betrieben – und mit „Taxi Driver“ auch gleich noch einem verdienten Klassiker die Ehre erwiesen.

Kommissar Karow erhält ein Päckchen mit dem abgeschnittenen Finger einer, wie sich bald herausstellen soll, in einem Lagerhaus konservierten Leiche einer minderjährigen Prostituierten. Die Suche nach dem Mörder führt zu Regisseur Michael Schwarz‘ (Isaak Dentler, „Weißt was geil wär...?!“) Produktionsfirma „Meta-Film“, deren Filmprojekt seine Premiere auf der Berlinale feiert. Es handelt sich um einen düsteren Kriminalfilm, dessen Handlung erstaunlich den aktuellen Geschehnissen und dem Vorgehen der Ermittler gleicht. Damit fällt der naheliegende Verdacht zunächst auf Schwarz, doch die eigentliche Spur führt zu Drehbuchautor Peter Koteas (Simon Schwarz, „Eifelpraxis“) – der jedoch seit seinem Suizid vor einigen Monaten nicht mehr unter Lebenden weilt. Handelt es sich bei seinem Drehbuch um ein geschickt lanciertes Geständnis? Oder ist an dessen Handlung um die Organisation Gehlen, Deutschlands mit alten Nazis besetzte, antikommunistische erste Nachkriegs-Schnüffelbehörde, tatsächlich etwas dran? Rubin hält die Parallelen für Zufälle und den Fall für so gut wie abgeschlossen, doch Karow taucht immer tiefer in den Film ein und glaubt schließlich an eine Verschwörung, die zu einem Kinderprostitutionsring führt – entwickelt jedoch auch eine besorgniserregende Manie…

Die Organisation Gehlen gab es tatsächlich, ihre Geschichte ist unrühmlich und sie ist Vorläuferin des nicht minder unrühmlichen BND. Dieses nie abgeschlossene düstere Kapitel der BRD aufzugreifen, mit verdeckt in höheren Kreisen stattfindender Kinderprostitution in Verbindung zu bringen und zugleich „Taxi Driver“ nicht nur zu zitieren, sondern in Form einer großen Hommage parallel noch einmal in Karows Kopf stattfinden zu lassen, ist schon ein ausgeklügeltes Konzept. Mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion jedoch derart zu spielen, dass sich die Figuren nicht mehr sicher sein können, ob sie nicht selbst Teil eines geskripteten Films sind und vor diesem Hintergrund Polizeiarbeit stattfinden zu lassen, und zwar auf eine Weise, dass es auch noch funktioniert und fürs Publikum nachvollziehbar bleibt, ist beinahe genial.

Die Einblicke in Rubins familiäre Probleme um ihren Sohn und ihr Zurückholen in die Handlung in der einen oder anderen wichtigen Szene verhindern, dass „Meta“ nicht zur Einmann-Show Karows gerät, in der er auf Rubin wie ein getriebener Paranoiker wirkt und sich immer und immer wieder den Film anschaut, und zwar überlebensgroß, als Einzelperson im Kinosaal. Allein schon durch diesen Größenunterschied wirkt der Film (im Film) übermächtig und Karow klein. Damit ist „Meta“ auch Ausdruck der Faszination und der Kraft des Kinos, ein Schulterschluss zwischen Fernseh- und Kinofilm. Die Wechselwirkungen zwischen Kino und Realität werden eindrucksvoll illustriert, wenn sich die Dialoge auf der Kino-Leinwand plötzlich 1:1 mit denen in der filmischen Realität gleichen. Markas „Tatort“ ist außergewöhnlich künstlerisch, spannend, mysteriös und düster, desillusorisch, beinahe misanthropisch, ist hart und doch so voller Lebendigkeit, Leidenschaft, Gefühl. Das intelligente Drehbuch ist sicherlich nicht so originell, wie es von manch unbedarfterem Zuschauer empfunden wurde, aber es fügt die Versatzstücke des Meta- und Mindfuck-Kinos sehr aufmerksam und pointiert zu etwas Neuem zusammen, für dessen Beginn- und Schlussgag, der wirklich nicht mehr als ein nettes Augenzwinkern, jedenfalls nicht entscheidend ist, der „Tatort“ sogar mit seinen strengen Traditionen bricht, indem er Eingriffe in An- und Abspann gestattet.

Diese Rezension entstand im März 2018 auf der Meta-Ebene zwischen World Wide Web, TV und Kino, ihr Autor ist „Taxi Driver“-Fan und sie deckt eine Verschwörung auf: Die von Filmleidenschaft, Talent, einem begnadeten Team und öffentlich-rechtlich gewährter künstlerischer Freiheit, die diesen hervorragenden „Tatort“ ermöglichte.

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