Als der Boom der Comic-Filme und -Serien in vollem Gang war, wollte auch der Sender SyFy nicht hintanstehen, mit wechselndem Erfolg: Während es „Wynonna Earp“ und „Van Helsing“ auf vier bzw. fünf Seasons schafften, war für „Deadly Class“ nach einer, für „Happy!“ nach zwei Staffeln Schluss, wenngleich in letzterem Falle nicht mit ganz so übel offenem Ende.
„Happy!“ erzählt von dem Ex-Cop und jetzigen Auftragsmörder Nick Sax (Christopher Meloni), der allerdings so abgehalftert, heruntergekommen und dauerbesoffen ist, dass Figuren wie Joe Hallenbeck aus „Last Boy Scout“, Jimmy Conlan aus „Run All Night“ und Patrick Walker aus „Havoc“ noch wie Actionhelden aus vergleichsweise stabilen Verhältnissen wirken. So schiebt Nick es auch erst dem Suff zu, als ihm ein kleines. Fliegendes Cartoon-Einhorn namens Happy erscheint. Doch bei Happy handelt es sich um den imaginären Freund der jungen Hailey Hansen (Bryce Lorenzo) – Nicks Tochter, von deren Existenz er bisher noch nichts wusste. Hailey ist von einem Psychopathen im Weihnachtsmannkostüm, dem Very Bad Santa (Joseph D. Reitman), gekidnappt worden und hat Happy mit der Suche nach Hilfe beauftragt. Nach ersteren Weigerungen erklärt sich Nick für die Rettungsaktion bereit, was allerdings dadurch kompliziert wird, dass er bei seinem letzten Job den Zorn der lokalen Mafia-Familie Scaramucci auf sich gezogen hat und diese ebenfalls Jagd auf den abgewrackten und abgefuckten Hitman machen.
Abgefuckt ist eh ein gutes Stichwort, wenn es um „Happy!“ geht, denn die Serie ist nicht nur comichaft drüber, sondern dies auch auf extrem derbe und abgedrehte Weise. Die meisten Toten werden hier nicht einfach nur erstochen oder erschossen, sondern auf splattrigste Weise umgebracht, begangen werden die Taten nicht nur vom gewaltbereiten Nick, sondern unter anderem vom Folterknecht Smoothie (Patrick Fischler), der auch mal einen Menschen häutet, aber am Leben lässt, dem psychopathischen Very Band Santa und dem sadistischen Gangsterboss Francisco Scaramucci (Ritchie Coster) alias Mr. Blue vorgenommen. Hinzu kommen lauter extrem abgedrehte Ideen, darunter Orgien mit Menschen in Tierkostümen, Menstruationsblut als Würze in der Tomatensauce, eine Bar für imaginäre Freunde oder ein Altenheim für Nazis. Mit fortschreitender Laufzeit wird es dabei immer extremer: Gibt es zwar in der ersten Staffel bereits einen Untoten und ähnliche Scherze, so wird das Ganze in Season 2 noch weiter ausformuliert, etwa mit dem Körper in Besitz nehmenden Dämon Orcus, dessen Handlangern und deren Plan zur Vermehrung ihrer Legionen.
Mögen die ganzen What-the-Fuck-Momente sicherlich zu den Hauptanreizen von „Happy!“ zählen, so verkommt das Ganze nicht zu einem reinen Schaulaufen der nächsten abgefahrenen bis kranken Idee – auch wenn Season 2 manchmal Gefahr läuft in diese Richtung zu gehen. Aber unter dieser Oberfläche ist die Serie immer noch eine Crime Story, in der ein sehr ungewöhnliches Buddy-Gespann aus Ex-Cop und imaginärem Freund in der Unterwelt ermittelt und auf kriminelle Seilschaften stößt. So ist der stets kostümierte Strippenzieher Mr. Bug eine feste Größe in dem Ganzen, deren Identität auch erst spät in Staffel 1 enthüllt wird. Dazu haben diverse Player ihre eigene Agenda, die es zu entschlüsseln und zu bedenken gibt, wobei Staffel 2 auch hier etwas im Nachteil ist: Quasi alle Kontrahenten sind aus der vorigen Season bekannt, auch wenn einige davon neue Motive haben, sodass die Krimispannung hier etwas weniger ausmacht. Mancher Handlungsstrang (etwa der Organhandel in Staffel 2) wird etwas abrupt ad acta gelegt, das abgedrehte Szenario erlaubt einige bizarre Volten (darunter die Rückkehr von Toten), aber „Happy!“ ist nicht uninteressant geplottet.
Das liegt auch an den weiteren Figuren. Da ist beispielweise Nicks frühere Partnerin bei der Polizei, Meredith McCarthy (Lili Mirojnick), die immer noch auf der Gehaltsliste der Mafia steht, aber eher aus Zwang. Sie ist auch diejenige, die mit für das Scheitern von Nicks Ehe verantwortlich war, weshalb es zu einer interessanten Konstellation kommt, wenn Meredith und Nicks Ex-Frau Amanda (Medina Senghore) in Staffel 1 phasenweise gemeinsam ermitteln, eine weitere Buddy-Zweckpartnerschaft wie jene von Nick und Happy. Ebenso sind da Blue, Smoothie und Mr. Bug mit ihren Macken und Eigenheiten, wobei Staffel 2 sind in Subplots damit beschäftigt, wie die Figuren die Geschehnisse der Vorgänger-Season verarbeitet haben: Einige haben ihre frühere Position verloren, Hailey und Amanda müssen auf jeweils eigene Art mit PTSD zurechtkommen und Nick möchte ein besserer Mensch werden, wenn auch mit gemischten Resultaten. Selbst seine Versuche der gewaltfreien Konfliktlösung können in Blutbändern enden, so will es die schwarzhumorige Brachialkomik der Serie.
Bewusst brachial ist auch der Konflikt zwischen beinharter Unterwelt (inklusive schwarzmagischer Rituale) und kindlicher Imagination inszeniert. Happy und die meisten anderen imaginären Freunde sind Gestalten wie aus dem Kinderprogramm, die Staffeln spielen in der vermeintlichen Idylle der Feiertage Weihnachten (Season 1) und Ostern (Season 2). Das Ende von Staffel 2 deutet an, dass eine dritte Season sich wahrscheinlich Halloween vorgenommen hätte, aber dazu kam es durch die Absetzung nicht mehr. Teilweise werden die Kontraste einprägsam bebildert: Der Very Bad Santa ist eine Horrorgestalt von Weihnachtsmann, in einem anderen Plotstrang sollen Kinder quasi zu Lebendpuppen in einer perversen Form von Idylle umerzogen werden, eine Ostereiersuche für Kinder endet mit einem grausigen Fund, der Scaramucchi-Nachwuchs foltert und tötet imaginäre Freunde, als sei er die Hardcore-Version des spielzeugzerstörenden Nachbarsjungen aus „Toy Story“ usw. „Happy!“ suggeriert, dass Phantasie einerseits eine schöne, unschuldige Sache sein kann (die kindliche Imagination), andrerseits aber auch ein Quell des Sadismus (das bösartig-kreative Genie vieler Schurken) – in der einen oder anderen Figur kommt beides sogar zusammen.
Natürlich gehen die zahlreichen Konflikte nicht ohne Action ab, wenn Nick auf ganze Horden von Gangstern, Psychopathen und Strauchdieben trifft. Da Nick ein Mann des derben Zulangens, nicht der filigranen Kampfkunst ist, zielt die Choreographie weniger auf das klassische Spektakel, sondern auch andere Schauwerte ab. Wie Nick teilweise trotz Vollsuff die Oberhand behält, wird ebenso als Brutalo-Comedy ausgespielt wie der Einsatz kreativer Mordmethoden von der Kettensäge bis hin zum Aufspießen auf einem Gabelstapler. Egal ob derbe Prügeleien, blutige Schusswechsel oder Verfolgungsjagden – „Happy!“ erinnert bisweilen an die derbe Energie von „Crank“, dessen Mitschöpfer Brian Taylor als Co-Creator, als Regisseur von neun Folgen und als Autor fünf Folgen die Serie maßgeblich prägt. Zweiter Creator ist Grant Morrison, der wiederum einer der beiden Schöpfer der Comicvorlage zu „Happy!“ ist. Für Zartbesaitete oder Feingeister ist das Ganze sicherlich nichts, weder in Sachen Humor noch in Sachen Gewaltdarstellung, wobei „Happy!“ in all seinen Bluttaten immer so cartoonhaft ist, dass es nicht zu sadistisch oder zu unappetitlich wirkt.
Die Serie ist dabei ein Vehikel für Christopher Meloni, der als Regular der Serie „Law & Order: Special Victims Unit“ eigentlich für wesentlich sauberer Fernseh-Cop-Unterhaltung steht, hier aber mal das asozial-abgewrackte Gegenstück mit voller Inbrunst spielt. Sein Nick Sax hat das Herz irgendwie am rechten Fleck, ist aber auch ein Rüpel, ein Killer und irgendwo ein Trottel, oft ein rein instinktgetriebener Typ, der gern Stress macht und den nächsten Kick sucht, sich aber auch bessern möchte. Ähnlich stark ist Lili Mirojnick als dreckige Polizistin wider Willen, während in weiteren Rollen vor allem Bryce Lorenzo, Ritchie Coster, Patrick Fischler und Christopher Fitzgerald auf unterschiedliche Weise glänzen. Medina Senghore fällt darstellerisch etwas ab dagegen, aber nicht zu stark, während man in Nebenrollen unter anderem Debi Mazar, Curtis Armstrong und Paul Wight a.k.a. Big Show sehen kann. Ein besonderen Casting-Coup ist die Stimme von Happy, denn der wird im Original von Vollblut-Comedian Patton Oswalt gesprochen, der dem imaginären Freund einen unverwechselbaren Charakter verpasst und gerade dessen Naivität in der Konfrontation mit der erwachsenen Gangsterwelt herrlich ausspielen kann.
„Happy!“ ist extrem derbe und extrem abgedrehte Action-Comedy-Fantasyunterhaltung, ein Buddy-Cop-Krimi der abgefuckt-exzessiven Art, der auf seine Art und Weise Laune macht. Allzu komplex ist die Handlung nicht, manchmal verschwindet die Geschichte etwas zu sehr hinter den ganzen What-the-Fuck-Einfällen, aber insgesamt ist das Ganze ziemlich gelungen, was angesichts Brian Taylors reichlich mauer Post-„Crank“-Filmographie nicht unbedingt zu erwarten war.