Nordsee ist Mordsee
„Da haben sich zwei gefunden: Die Wollust und die Gier!“
Sein 31. Fall führt den Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) auf die fiktive nordfriesische Insel Suunholt – erstmals allein, nachdem sich seine Kollegin Sarah Brandt hat versetzen lassen und noch vor Einführung der neuen Kommissarin Mila Sahin. Es handelt sich um den ersten Beitrag des Regisseurs Sven Bohse („Weihnachten für Einsteiger“) zur Krimireihe, der das Drehbuch zusammen mit Peter Bender und Ben Braeunlich verfasste. Bereits am 7. Oktober 2017 wurde dieser „Tatort“ auf dem Hamburger Filmfest gezeigt, die TV-Erstausstrahlung folgte am 25. Februar 2018.
Dass Inselbewohnerin Famke Oejen (Christiane Paul, „Hindenburg“) ihren Freund Oliver Teuber (Beat Marti, „Callgirl Undercover“) tot in der Badewanne aufgefunden hat, ruft Borowski auf den Plan, der vom Festland nach Suunholt übersetzt. Dort sieht er sich mit einem ungewöhnlichen Beziehungskonstrukt konfrontiert: Wie aus dem Nichts war Teuber auf der Insel aufgetaucht und auf Famke getroffen, woraufhin man sich Hals über Kopf ineinander verliebte, sich jedoch schwor, einander nichts über sich und seine Vergangenheit zu erzählen. Das passte Teuber sehr gut, schließlich handelte es sich bei ihm um einen abgetauchten ehemaligen Mitarbeiter der Bauaufsichtsbehörde, der in einen Bestechungsskandal verwickelt war. Auf der Insel muss Borowski mit den Dorfpolizisten Maren Schütz (Anna Schimrigk, „Endstation Glück“) und Gunnar Peters (Jörn Hentschel, „Willkommen bei den Honeckers“) zusammenarbeiten, die zunächst wenig professionell agieren und derartige Vorfälle auf ihrer beschaulichen Insel sichtlich nicht gewohnt sind. Es stellt sich heraus, dass die sexuell überdurchschnittlich aktive Famke vor Ort nicht den besten Ruf genießt und u.a. Bäcker Torbrink (Yorck Dippe, „Auf der Straße“) zum Ehebruch verhalf. Schweinebauer Iversen (Marc Zwinz, „Die Schimmelreiter“) macht ebenfalls einen nicht ganz unverdächtigen Eindruck und die gottesfürchtige alte Schachtel Margot Hilse (Heike Hanold-Lynch, „Volltreffer“) sowie ihr Neffe Daniel (Leonard Carow, „Kaltfront“) scheinen Teubers Tod für so etwas wie eine logische Konsequenz zu halten. Der Zorn Gottes über das unzüchtige Treiben bringe sich zudem im aufziehenden Unwetter zum Ausdruck…
Eine Schwimmerin entsteigt dem Meer und flüstert etwas aus dem Off. Sie entpuppt sich als Famke Oejen, die mystifiziert wird und bis zum Schluss undurchsichtig bleibt. Ihre Person verknüpft das Drehbuch lose mit der Sage von Rungholt, eine Insel, über die einst tatsächlich der Gotteszorn hereingebrochen sei, sowie Zitaten aus Theodor Storms „Eine Halligfahrt“. Faszinierende Bilder des platten Insellands werden von der Entzauberung einer vermeintlichen Dorfidylle, in der Andersartigkeit und sexuelle Aktivität als Störfaktoren gelten, ebenso kontrastiert wie von aufziehenden, leider recht künstlich aussehenden Naturgewalten und visualisierten Alpträumen Borowskis. So entsteht eine mystisch-melancholische, bedrückende Atmosphäre, eines der größten Pfunde dieses „Tatorts“ und steter Hinweis auf im Verborgenen liegende düstere Geheimnisse.
Während narrativ neben den Ermittlungsergebnissen des betont in sich ruhenden Kommissars mit in Rückblenden visualisierten Erinnerungen gearbeitet wird, bringt Christiane Paul in ihrer Rolle als attraktive Frau mittleren Alters eine kleine erotische Komponente ein und schafft es sogar, Borowski für eine gemeinsame Nacht um den Finger zu wickeln. Dennoch behält Borowski letztlich professionelle Distanz, ist jedoch auf die Mitarbeit der um die Gutmachung anfänglicher Pannen bemühten örtlichen Kolleginnen und Kollegen angewiesen, wobei besonders Jungpolizistin Schütz, von Schimrigk großartig gespielt, sich als unverzichtbar, gar lebensrettend erweist. Nachdem der Schweinebauer seinem eigenen Vieh zum Fraß vorgeworfen wurde, verdichtet sich eine Spur, die in eine Verquickung von weltlichem schnödem Mammon und zu dessen Zwecken ausgebeuteter Sexualität führt, die Teubers Tod aber noch immer nicht erklärt – was bis zum Ende Fragen offenlässt, die letztlich auf befremdliche Weise aufgeklärt werden.
Dieser Aspekt sollte dann jedoch im Publikumsinteresse längst hinter das dysfunktionale Dorfkonstrukt und die Traurigkeit und Zerbrechlichkeit hinter der selbstbewussten Fassade der mysteriösen Famke zurückgefallen sein, die in Kombination mit der oben beschriebenen sehr speziellen Atmosphäre Borowski fast zum Statisten degradiert und uns einen „Tatort“ beschert, bei dem man sich am liebsten tief in eine wärmende Decke kuschelt.