Mit seiner zweiten Regiearbeit schickt Regisseur Milko Lazarov den Zuschauer in die Eiswüste und liefert ein teils bildgewaltiges Drama über Traditionen und Vergänglichkeit.
Im müden Zustand sollte man die Sichtung allerdings nicht angehen, denn die oftmals meditative Stimmung könnte zum Unausweichlichen führen.
Jakutien im Norden Sibiriens: Hier lebt das Paar Nanouk (Mikhail Aprosimov) und Sedna (Feodosia Ivanova) ganz in der Tradition der Ewenken, einem indigenen Volk. Während er fischt und Fallen aufstellt, kümmert sie sich um die Felle ihrer Jurte. Ihre Kinder sind bereits vor Jahren in die Stadt umgesiedelt, doch speziell der Weggang ihrer Tochter macht den Alten zu schaffen…
Wären nicht ab und an Kondensstreifen am Himmel zu sehen, könnte man die beiden für die letzten Überlebenden nach einer Apokalypse halten, die wieder zurück zu ihren Wurzeln fanden. Isolation weit und breit, als Behausung dient eine Art Zelt mit Rentierfellen als Dach und lediglich ein altes Transistorradio stellt eine Verbindung zur Außenwelt dar.
Doch Nanouk und Sedna sind genügsam, obgleich ihm bitter aufstößt, seit vier Tagen nichts gefangen zu haben und der Frühling würde auch jedes Jahr früher einsetzen, was ein indirekter Wink in Richtung Klimawandel ist.
Fast könnte von einem Überlebensabenteuer die Rede sein, doch der Film ist ein leiser, der mit sehr wenigen Worten auskommt und stattdessen auf viele lange Einstellungen aus der Totalen setzt. Das funktioniert oft sehr gut, vor allem, wenn Wolken und Eis zu einer Einheit verschmelzen und die Protagonisten winzig erscheinen lassen, was die Isolation und Einsamkeit umso mehr betont. Zuweilen bringt es allerdings wenig, die starre Kameraposition beizubehalten, während Figuren aus dem Sichtfeld verschwinden und auch der wiederholte Blick auf Nanouks Gesicht, während er mit seinem einzigen Schlittenhund auf Tour geht, erweitert nicht gerade den Horizont.
Der mühselige Alltag der Figuren gerät zwar selten wirklich spannend, etwa, als kurzfristig ein Sturm aufzieht, doch dafür wird auf Symbolik und Metaphern gesetzt, wodurch ein wenig melancholisch angehauchte Poesie mitschwingt. Besonders in Erinnerung bleiben eine Traumschilderung und eine Rentier-Fabel mit schöner Botschaft.
Die Geschichte erhält schließlich noch eine Wendung, ohne die es wohl bei einer Aneinanderreihung vieler Momentaufnahmen geblieben wäre, was final, natürlich erneut ohne große Worte, zu einem zufrieden stellenden Ausgang an genau der richtigen Stelle führt.
Ein Kompliment geht bei alledem an die beiden Hauptdarsteller, ihres Zeichens erfahrene Theaterschauspieler. Mal abgesehen von der eisigen Umgebung und den wahrscheinlich unbequemen Klamotten kommt ihr Zusammenspiel tatsächlich ohne große Worte aus. Nuancen und kleine Gesten sagen diesbezüglich oftmals mehr aus.
Dennoch kein leichtes Unterfangen, die rund 96 Minuten in klirrender Kälte durchzustehen.
Da sind einerseits die eindrucksvollen Naturpanoramen und die stark aufspielenden Mimen, auf der anderen Seite muss schon recht viel zwischen den Zeilen gelesen werden, um dem sehr bedächtig dargebrachten Treiben etwas abzugewinnen. Ein paar emotional bewegende Momente und ein runder Abschluss überwiegen letztlich doch.
6 von 10