Lummerland versus Schlummerland
Das deutsche Mainstream-Kino steckt seit Jahren in der Krise. Nicht monetär, sondern qualitativ. In einer schier endlosen Dauerschleife wird der Markt mit auf Nummer-Sicher-Seichtigkeiten überschwemmt. Dabei tut man dann aufgesetzt subversiv, keck, oder derb, nur um dann alles gegen Ende in derselben Wohlfühl- und PC-Soße zu ertränken. Ob die unsäglichen Schweighöfer-Vehikel, Fack ju Göthe, oder die malträtierte Jugendliteratur, alles bekommt den immer gleichen Schöner-Wohnen-Anstrich, den Schweigerschen Sonnenstich-Look gibts gratis obendrauf. Von kreativen Ideen, waghalsigen Projekten, oder gar strammem Genrekino ist weit und breit nichts in Sicht. Man könnte auch sagen 50er-Jahre Eskapismus reloaded, oder gleich Ufa 2.0. Tja, die Zeiten eines Wolfgang Petersen und Bernd Eichinger sind schon lange vorbei, als mit großen Budgets auch große Filme entstanden, die obendrein auch noch eine eigene Handschrift erkennen ließen.
So gesehen ließ der Plan einer Realverfilmung des Kinderbuchklassikers „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" gleich mehrfach aufhorchen. Der Name Michael Ende stand einst nicht nur für originelle, phantasievolle Kinder- und Jugendliteratur, sondern auch für gelungene bundesdeutsche Leinwandadaptionen, die Kritiker und Publikum gleichermaßen begeisterten („Die unendliche Geschichte" 1984, „Momo" 1986). Regisseur Dennis Gansel wiederum ist einer der ganz wenigen deutschen Gegenwartsfilmer, der internationales Format besitzt und auch noch Genrekino kann (u.a. „Die Welle", „Napola", „Wir sind die Nacht", Mechanic: Resurrection"), kurz: der einzig potentielle Petersen-Erbe weit und breit. Schließlich hat man für „Jim Knopf" das stattliche Budget von 25 Millionen Euro auf die Beine gestellt, was ihn zu einem der teuersten deutschen Filme der Nachkriegszeit macht. Die aufwendigen Bauten und Sets dürften auch den beiden schwächelnden Filmstudios Bavaria und Babelsberg wieder die dringend nötige Adrenalinspritze verpasst haben und insbesondere auch die angeschlossenen Themenparks aufwerten, von denen vor allem letzterer meilenweit hinter US-amerikanischen Pendants hinterher hinkt.
Und tatsächlich kann man „Jim Knopf" zumindest einen optischen Wow-Faktor attestieren, wie er im deutschen Film lange Zeit nicht zu sehen war. Die Nachbildungen von Lummerland (selbtsverständlich inklusive fahrtüchtiger Dampflock Emma) und dem Kaiserpalast von Mandala sind liebevoll in ihren Details und spekatkulär in ihren Totalen. Die Außenaufnahmen in Südafrika (Strand und Wüste) harmonieren bestens mit blitzsauberen Trickeffekten von Riesenwellen, einstürzenden Gebirgsschluchten und einer von Drachen bewohnten Vulkanstadt. Gansel schafft den nicht ungefährlichen Spagat zwischen einer Reminszenz an den Spielzeuglook der Augsburger Puppenkiste und der Anknüpfung an moderne Fantasy-Welten ala „Hobbit" oder „Game of Thrones".
Der Augsburger Filmkomponist Ralf Wengenmayr liefert dazu den passenden Score. Schon bei seinen Arbeiten zu sämtlichen Bully Herbig-Filmen erdete der klassisch ausgebildete Musiker das humoristischen Treiben gern mit einem orchestralen Abenteuer-Soundtrack. Ganz ähnlich verfährt er nun auch mit „Jim Knopf" und lässt dabei immer wieder den Puppenkisten-Evergreen „Eine Insel mit zwei Bergen" anklingen, ohne dessen Gassenhauer-Qualitäten auszuschlachten.
Auch die Besetzung ist ein Pluspunkt. Zwar haben die ikonischen Lummerland-Bewohner Frau Waas, König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte und Herr Ärmel lediglich Kurzauftritte, sind aber mit Annette Frier, Uwe Ochsenknecht und Christoph Maria-Herbst kongenial besetzt. Entscheidend ist aber natürlich das Duo Jim Knopf und Lokomotivführer Lukas, denn die beiden bestreiten beinahe den gesamten Film im Alleingang und stolpern dabei von einem Abenteuer ins nächste. Während der britische Kinderdarsteller Solomon Gordon in seiner ersten Großproduktion immerhin mit Natürlichkeit und sympathischer Ausstrahlung punktet, ist Henning Baum Herz und Motor des Films. Sein Lukas mag dem ein oder anderen zu athletisch, zu hemdärmelig, zu sehr cooler Abenteurer sein. Für die recht simple Dramaturgie und die dank der akribischen Vorlagentreue etwas Hindernis-Parcours -artige Gehetztheit ist er genau der richtige Fixpunkt, um das Publikum bei der Stange zu halten.
Pädagogisch bleibt Gansel erfreulich subtil und packt nie - wie im bundesdeutschen Gegenwarts-Kino (und vor allem -TV) gang und gäbe - den erzieherischen Holzhammer aus. Er bleibt damit auch dem Geist Endes treu, der seine Botschaften ebenfalls stets ganz nebenbei einflochte und damit weit größere Wirkung erzielte. Etwas mehr Tiefgang und Momente der Ruhe hätten dem Film allerdings nicht geschadet, der wie bereits erwähnt durch die von Hindernissen gespickte Suche nach der verschleppten Prinzessin von Mandala ein wenig den Charakter eines Jump and Run-Spiels annimmt. Für die in zwei Jahren angekündigte Fortsetzung gibt es also durchaus noch Verbesserungs-Potential, dennoch hat Dennis Gansel mal wieder gezeigt, dass deutsches Kino auch internationales Format haben kann, wenn man nur die richtigen Leute ranlässt. Bleibt zu hoffen, dass dies auch an der Kasse goutiert wird, dann dürfen vielleicht auch mal wir Erwachsene eine deutsche Großproduktion für gut befinden.