Olaf Ballnus und der Sänger der Bochumer Punkband Die Kassierer, Wolfgang „Wölfi“ Wendland, kennen sich noch aus Schulzeiten. Beide sind grundsätzlich kreativ tätig, schlugen jedoch unterschiedliche Wege ein, die sie in Ballnus‘ Dokumentarfilm „Punk im Alter“ wieder zusammenführten: Für seinen Film, der am 23.09.2017 seine Weltpremiere im rappelvollen Hamburger Untergrund-Kino „B-Movie“ im Rahmen des „Unerhört!“-Musikfilmfestivals feierte, widmet sich Ballnus seinem titelgebenden Thema anhand eines sehr speziellen exemplarischen Beispiels: Er porträtiert 51 Minuten lang die Niveaurocker um Frontmann Wendland, dessen Bruder und Drummer Volker Kampfgarten, den Gitarristen Nikolaj Sonnenscheiße und den Leichtmatrosen und Basser Mitch Maestro.
Dabei wird weder versucht, die Bandhistorie minutiös aufzuarbeiten noch sklavisch am Filmmotto zu kleben. „Punk im Alter“ wurde vielmehr eine lockere Collage aus aktuellen Interviews, raren und weniger seltenen Filmausschnitten und Fotos, Statements einiger Weggefährten und aktuellem Material, das Wölfi beispielsweise als Punk mit Bierbuddel in der Innenstadt beim zivilen Ungehorsam zeigt. Ballnus spannt den Bogen von den Anfängen Wendlands als Programmkinobetreiber in den 1980ern über die ebenfalls dort zu datierende Bandgründung bis hin zu aktuellen kalkuliert provokanten Auftritten im Mainstream-TV sowie eigenen Theaterstücken. Dabei setzt Ballnus keinesfalls auf die Skandalträchtigkeit der Band, ihre Nacktauftritte, Showeinlagen und textlichen Inhalte, für die man sich regelmäßig vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien verantworten musste, jedoch stets mit dem Prädikat „Kunst“ geadelt die Verhandlungen wieder verlassen konnte – all dies wird entweder gar nicht erst erwähnt oder herrlich unaufgeregt als gegeben hingenommen und unterschwellig in den Film eingespeist, sodass sich dem unbedarften Zuschauer erst nach und nach ein dann immer noch unvollständiges Bild ergibt.
Für das Bierzelt- und Kirmespublikum, das Die Kassierer regelmäßig auf ihre Sex- und Sauftexte reduziert, ist dieser Film dann dankenswerterweise auch nichts. Stattdessen bekommt man einen Eindruck davon, wie es durchaus auf relativ selbstverständliche Weise möglich ist, dass gebildete Männer über 50 über Jahrzehnte hinweg noch immer – vornehmlich aus ungebrochenem Spaß an der Sache und der Lust an der Sub- und Trivialkultur – ihre Punkband am Leben erhalten, blutjunges Publikum ziehen und vollkommen unprätentiös ihr ureigenes Ding durchziehen, während andere im Familien- und Berufsalltag versauern oder sich von einer Midlife-Krise in die nächste stürzen.
„Punk im Alter“ ist inspirierend, gibt Denkanstöße, führt Klischees ad absurdum – und verdeutlicht, dass auch mit Mitte 50 ein Dasein als Punk auf völlig unpeinliche Weise nicht nur möglich, sondern auch erstrebenswert, wenn nicht gar zwingend erforderlich ist. Dass ich mir für diesen Film mindestens eine halbe Stunde mehr Spielzeit und noch viel mehr Eindrücke aus dem Kassierer-Fundus gewünscht hätte, spricht für ihn und alle Beteiligten.