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A moral compass in this business is like a pinelesss hand grenade“


Für den bedingungslosen Anhänger der Adkins-Diät beginnt der Tag wie immer. Scott hat sich mühsam sein eigenen kleines Dojo aufgebaut und ist keineswegs gewillt, es sich von der halbseidenen Konkurrenz abluchsen zu lassen. Also schickt er deren arrogantes Kampfsport-Schlägertrio mit einer beherzten MMA-Absage auf die Bretter und anschließend wohl in die nächst-gelegene Notaufnahme. „Abgefrühstückt“ nennt man so was auch und der erste Haken kann gesetzt werden. Dass der Rest des Films schwerer verdaulich erscheint, ist langfristig gesehen ein Gewinn, wer den partout nicht sehen will, kann auch mal einen Cheat Day vertragen.

Nach drei generischen gemeinsamen Action-Kloppern und dem beiderseitigen Karrierehöhepunkt „Accident Man“ (2018), trauten sich Jesse V. Johnson und Scott Adkins ein wenig ins Genredickicht abseits der ausgeprügelten Pfade. Auftritt „The Debt Collector“. Auf dem Papier liest sich das jetzt auch nicht gerade wie ein Bandbreiten-Quantensprung, aber im Detail erkundet man eindeutig den ein oder anderen weißen Fleck auf der blutroten und durchlöcherten Leinwand. Die Story um zwei Schuldeneintreiber, die binnen 48 Stunden 10 zahlungsunwillige Kunden neu motivieren sollen, hätte sich natürlich auch nach B-Schema F ganz flott runterkurbeln lassen. Aber Jesse V. Johnson stand diesmal zumindest ein paar Zentimeter Höheres im Sinn und Scott Adkins war clever genug, den kleinen Anstieg mitzumachen.

„The Debt Collector“ ist in mehrfacher Hinsicht Neuland für Action-Asket Adkins. Zunächst einmal heißt es goodbye Einmann-Armee-Modus . Mit Louis Mandylor bekommt er einen mehr als ebenbürtigen Partner an die Seite, in punkto Screentime, Lässigkeit und Charisma. Als abgehalfterte, dauerverkaterte Eintreiber-Legende Sue ist Mandylor das Herzstück des Films und die eigentliche Titelfigur. Die Amoralität seines Tuns ertränkt er allabendlich in Hochprozentigem und die potentiell verletzungsgefährlichere Drecksarbeit überlässt er großzügig seinem neuen Schüler. Er kann aber auch sentimental werden, vor allem wenn es um seinen 1971er Cadillac Coupé deVille geht, auf dessen Unversehrtheit er deutlich mehr Wert legt als auf die eigene, von der seiner Aufträge ganz zu schweigen.
Adkins als klammer French hat seinen moralischen Kompass noch nicht verloren, ist aber verzweifelt genug, um den halbseidenen Job anzunehmen, zumal 10 Einschüchterungsnummern binnen 48 Stunden nach einer kurz- und schmerzlosen Angelegenheit klingen. Kurz ist es dann auch, schmerzlos eher nicht. Was zu einigen Wortgefechten mit dem abgeklärt lächelnden Sue führt, der die teilweise unerwarteten Eskalationen achselzuckend zur Kenntnis nimmt.

Das ist klassischer Buddy-Stoff und nicht der schlechteste. Scott ist auch hier wieder gewohnt grimmig und aufbrausend unterwegs, aber erstmals schleichen sich Anflüge von Selbstironie und Schlagfertigkeit ein. Zwar treffen die diversen Punches und Kicks der beiden häufiger ins Ziel wie ihre Sprüche und Frotzeleien, aber das Gespann wächst einem dennoch unaufhaltsam ans Herz. Die völlig gegensätzlichen Charaktere und mimischen Ansätze ergänzen sich bestens und sind die Essenz des locker-entspannten Grundtons. Ein wenig erinnern die beiden an Tarantinos Pulp Fiction-Killerduo, aber mehr in ihrer Haltung als in ihrer Anlage.
Die lockere Atmosphäre folgt aber auch einem audiovisuelles Konzept, das voll aufgeht. Das Location-Scouting ist für eine B-Produktion mit Action-Fokussierung beinahe sensationell. Johnson zeigt ein Los Angeles abseits der ausgetrampelten Hot Spots, ohne es schäbig oder austauschbar wirken zu lassen. Die vielen Außenszenen taucht er in das für die Stadt so typische gleißend-strahlende Licht und Komponist Sean Murray erledigt den Rest mit einem betont lässig-rhythmischen Score.

Das ganze lädt zum gemütlichen Flezen ein, aber natürlich fahren Sue und French nicht einfach nur dauerfrotzelnd durch die sonnendurchfluteten Straßen von LA. Auftraggeber Molly hat ihnen eine Liste mit detaillierten Angaben zum zu erwartenden Gewaltlevel des jeweiligen Kundenkontakts mitgegeben und dabei seine ganz persönliche 10er Skala voll ausgereizt. Dementsprechend rabiat muss vor allem French mitunter auftreten, um Mollys Forderungen den entsprechenden Nachdruck zu verleihen. Hier sind Johnson und Adkins fraglos auf vertrautem Terrain und punkten erneut mit knackiger Härte und versierter Choreographie. Diesmal setzten sie aber mehr auf den guten alten Faustkampf und fahren Adkins MMA-Fähigkeiten bewusst zurück. Das passt nicht nur besser zum Ton des Films und der Welt der Debt Collectors, sondern bringt auch die beiden Darsteller näher zusammen. Louis Mandylor hat zwar immerhin eine Box-Vergangenheit, würde aber gegen Adkins im Boyka-Modus keine 5 Minuten überstehen.

Am Ende wird es dann sogar noch etwas dramatisch und bleihaltig, womit Johnson erfreulicherweise mit dem ungeschriebenen B-Action-Gesetz bricht, im Finale längst sämtliches Pulver verschossen zu haben. Einzig mit der immer wieder in schwarz-weiß eingestreuten Allegorie von zur Schlachtbank geführter Rinder leistet er sich ein paar Fehlschüsse und gibt sich eine kleine überambitionierte Blöße. Ansonsten ist „The Debt Collector“ ein wahres B-Action-Kleinod, das man so weder Jesse V. Johnson, noch seiner Muse Scott Adkins zugetraut hätte. In Fankreisen hat es eine Weile gedauert, bis man sich mit der „gewagten“ Fingerübung anfreunden konnte, aber inzwischen schätzen viele den heiter-entspannten Flow, den der Film bis zum letzten Akt verströmt. Das ist beste Old School-Kost im B-Action-Mantel mit Buddy-Topping. Johnson wurde dafür mit seinem ersten Royalty Check entlohnt und wir mit einem Sequel. Win win. .

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