Kinski war in seiner schauspielerischen Leistung extrem abhängig von der Regie. Nur wenn er Lust hatte und gefordert wurde, kam bei Dreharbeiten sein ungeheures Talent zum Tragen. Bis zum Sehen von "Paganini" hätte ich vermutet, dass Herzog die Fähigkeiten von Kinski am besten hervorholt. Es ist natürlich im Nachhinein klar, dass Kinski, wenn er mit sich selbst arbeitet, noch ganz andere Dimensionen erschließen kann.
"Paganini" ist ganz offensichtlich sein Film. Aus Sicht seines Lebens, als Schauspieler und als Regie. Er sieht sich als Wiedergeburt von Paganini und weidet sich an dessen Genie, seine ungezügelte Lust und seinen finalen Verfall. Wer auf Kinski steht kommt an diesem Film nicht vorbei. Schauspielerisch besser war er nie. Klar, weil er bei Paganini nur er selbst war; ungebremst von kommerziellen Überlegungen oder konventionellen Vorstellungen.
Der Film selbst hat eine Handlung, die rasch erzählt ist. Wir sehen Paganini in Rückblenden sein Leben rekapitulieren und stellen fest, dass unser Fiedler wohl eine Menge Spaß und Erfolg gehabt hat. Er feiert gigantische Erfolge, bespringt so ziemlich alles, was einen Rock trägt, und verärgert durch seine zügellose Art Klerus und Obrigkeit. Aber auch für Paganini gilt: no risk no fun. Er kriegt die Syph und stirbt verrottend vor den Augen seines geliebten, ihn liebenden Sohnes.
Der Film ist extrem dialogarm und von den Szenen ein einziges Kuddelmuddel. Musikalisch wird er (logisch) von Violinmusik begleitet (hier können wir dem Herrgott auf Knien danken, dass Kinski, der glaubt, alles zu können, nicht auch noch gefiedelt hat). Auch wenn es absurd klingt, aber durch dieses Wirrwarr wird der Film wirklich gut. Er ist genauso irre wie Kinski als Schauspieler.
Dann müßten wir hier also einen Spitzenfilm vorliegen haben. Nein, dem ist nicht so. Der Film hat eine klare Schwäche: die handwerkliche Qualität der Kamera und der Beleuchtung. Hier hat sich der gute Klaus, der alles kann, wohl gesagt, dass technische Fähigkeiten Blendwerk sind. Deshalb sind die Aufnahmen unscharf und verwackelt. Ganze Teile sind im Dunkeln. Das hätte jedes Kamerakind besser hingekriegt. Ein klarer Punktabzug.
Einen weiteren Punkt verliert der Film durch die absolut unnötige Szene der poppenden Pferde. Tiersex gehört zu Sielmann und ist kein Stilelement!
So geht "Paganini" mit immer noch stolzen 8 Punkten aus dem Rennen. Ein Film für experimentierfreudige Konsumenten und Kinski-Fans. Unkonventionell, aber phasenweise wirklich genial.