Review

Gibt Angst Macht?

„Utøya, 22. Juli“ gehört mit zu den heftigsten und verstörendsten 90 Minuten, die ich je in einem Kinosaal verbringen musste. Horror, bei dem man leider nicht sagen kann, dass es doch nur ein Film ist... Irgendwo zwischen „Elephant“, „Victoria“ und „Son of Saul“ wird der Angriff auf das Jugendferiencamp in Utøya nahezu in Echtzeit nachgestellt. One Shot mit vielen Schüssen, die einen zusammenzucken lassen. Von den ersten Berichten über das Bombenattentat im Regierungsbezirk bis zu den ersten lauten Knalls auf der Insel und die unendlich langen Minuten danach - immer hautnah an der Seite der panischen, mutigen und verängstigten Jugendlichen zwischen Flucht, Schutz und purer Angst, die sich höllisch schnell auf uns Zuschauer überträgt...

„Mittendrin statt nur dabei“ ist nie ein schlechtes Motto für Filme, Immersion ist immer gern gesehen - doch hier wird das natürlich zu einem wahren, schwer zu ertragenden Alptraum. Natürlich kann das nicht annähernd die Realität einfangen, doch es reicht schon um nachhaltig durchzurütteln und zu verstören. Technisch, atmosphärisch, schauspielerisch ist das alles 1A. Man kommt dieser Tortur wirklich unangenehm nah und ich habe echt gezittert. Nicht nur um die (fiktiven) Figuren sondern fast um mich selbst. Ich war kurz davor den Kinosaal zu verlassen, das hat man extrem selten. Das kommt einem Alptraum schon sehr nah. Hilflosigkeit trifft auf Wut und auf Furcht zum Quadrat. Was würde ich tun? Angriff oder Flucht? Was ist mit den Leuten, die man liebt? Wo am besten verstecken? Was ist das für ein „Mensch“? Wie konnte es dazu kommen? Warum dauert der Polizeizugriff so lange? Fragen über Fragen, Gedanken, die wie wild kreisen, Haare die zu Berge stehen und ein Herz das noch lange nachpocht.

Poppes niederschmetternder Thriller ist enorm effektiv und weitaus packender als das Hollywoodpendant von Greengrass, was jedoch einen ganz anderen Ansatz wählt und zumindest als nüchterne Ergänzung in einem Double Feature brauchbar sein könnte. Doch vor allem bei Poppes spektakulärer, angsteinflössender Tour de Force kam mir, trotz aller gut gemeinten Preisung des gewissen Heldentums der liberalen Jugendlichen, immer wieder in den Sinn, ob es der Attentäter (der hier nie namentlich genannt wird) nicht toll findet, dass Filme über ihn gemacht werden, dass er dadurch sogar noch mehr Menschen Angst macht, dass er so weiter Macht hat, dass er dargestellt wird wie ein Botschafter aus der Hölle, wie ein Phantom ohne Kontur, Namen, Menschlichkeit. Beinahe unsterblich wird. Ich weiß nicht, ob das indirekt nicht komplett die guten Absichten und grandiose Machart unterläuft. Das ist nicht auszuschließen und wäre eine Schande. Totschweigen kann man das aber natürlich auch nicht und Filme kann man an sich über alles machen, egal wie furchtbar. Doch hier ist das irgendwie eine schwere, ambivalente Sache mit seltsamem Beigeschmack. Und daher verstehe ich sogar die Verrisse, die der Film abbekommen hat zu seinem Release. Selbst wenn er mir außerordentlich gut gefallen bzw. sein Zweck zu hundert Prozent erfüllt hat. Ich werde ihn niemals nochmal sehen. Doch ich werde ihn ebenso wenig niemals vergessen.

Fazit: eines der intensivsten Filmerlebnisse meines Lebens... Extrem hart, realistisch, emotional. Unterkühlt und grausam auch. Näher wird und will man dem „Erlebnis“ bzw. diesem Tag wohl nicht kommen. Terror in reinster Form und Trauma auf Zelluloid. Erfüllt seinen Zweck und sein Ziel. Die Frage nach der Daseinsberechtigung bleibt aber... 

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