Review

kurz angerissen*

Dass wir heute vom Kevinismus sprechen anstatt von einem Thomasismus, liegt daran, dass „Kevin Allein zu Haus“ erstens eine amerikanische Mainstream-Produktion ist und zweitens aus dem recht simplen Konzept „schutzloser Junge verteidigt sich gegen Einbrecher“ mit bemerkenswerter Treffsicherheit eine Mischung aus Slapstick und weihnachtlicher Rührseligkeit anstimmt, der die Welt einfach nicht widerstehen konnte und kann. Der niedliche Blondschopf erhascht im Zuge der Verteidigung seines Hauses einen ersten Blick auf die Härte des wahren Lebens (in Form seiner ganz und gar nicht festlich gestimmten Gegner), was den Erwachsenen an den eigenen Moment des Erwachens aus der Kindheit erinnert – und das schöne Gefühl familiärer Geborgenheit um so willkommener erscheinen lässt.

Thomas aus dem französischen Thriller „Deadly Games“ gelangt schon ein Jahr vorher in eine ähnliche Situation, doch sein Versteckspiel mit einem psychopathischen Weihnachtsmann wird anders als das von Kevin nicht jedes Jahr zu Weihnachten im Free-TV ausgestrahlt. Möglicherweise, weil es weniger schöne Assoziationen hervorruft. In der stillen Vereinbarung zwischen dem Jungen und seinem geisteskranken Gegner (mit dem Gemüt eines Jungen), dass der Weihnachtsmann echt sei, liegt immerhin die Verleugnung der Realität verborgen, die zu zeigen René Manzor sich nicht scheut. Wenn der Film nicht auf Anhieb die Wärme eines brennenden Kamins verströmt, liegt das daran, dass er mit dem Stress und dem Überlebenskampf im Job einsteigt, der frappierende Ähnlichkeiten zur Simpsons-Weihnachtsepisode „Simpsons Roasting on an Open Fire“ aufweist, die ebenfalls im Jahr 1989 erstmals ausgestrahlt wurde.

Tatsächlich strömt die gesamte Handlung im folgenden eine melancholische Bitterkeit aus, obwohl die Handlung eigentlich genau wie beim amerikanischen Pendant auf Slapstick-Situationen ausgelegt ist. Das gesamte Anwesen wird von der Hauptfigur mit Referenzen zum Actionfilm der 80er Jahre gespickt. Es wird im Eiltempo von einem Raum zum nächsten geschlittert, über Geländer und durch Geheimgänge, wobei der Heimvorteil des Jungen gegenüber der körperlichen Überlegenheit des Mannes ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis herstellt. Und trotz des hohen Tempos ist immer Zeit für ein wenig Nächstenliebe. Alain Lalanne mag als Elfjähriger mit grausamer Vokuhila bisweilen wie ein unausstehlicher Rotzlöffel wirken, der Umgang mit seinem ebenfalls daheim verweilenden Großvater könnte aber liebevoller kaum sein. Und Patrick Floersheim liefert als unberechenbarer Eindringling eine unvergessene Leistung ab.

*weitere Informationen: siehe Profil

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